Geplatzte Rekordträume bei Weizen

Indien reduziert wegen Hitzeschäden Exporte. Die heimische Bevölkerung steht im Vordergrund

Getreidemarkt in der nordindischen Großstadt Amritsar
Getreidemarkt in der nordindischen Großstadt Amritsar

In Bangladesch, Nepal und Sri Lanka geht nach der überraschenden Ankündigung eines Weizenexportstopps durch die indische Regierung die Sorge um. Die Nachbarländer in Südasien sind nämlich die Hauptabnehmer. Sollten die bisher üblichen Ausfuhren nun tatsächlich weitestgehend gestoppt werden, müssten diese Staaten sich zur Deckung ihrer Bedarfe andere, gewiss teurere Lieferquellen erschließen. Und das ausgerechnet in einer Zeit, da Sri Lanka in der schlimmsten Wirtschafts- und Finanzkrise seit der Staatsgründung 1948 steckt, derzeit im Grunde überhaupt keine Devisen mehr für Importe hat. Auch Nepals finanzielle Situation ist deutlich angespannt.

Um das Bild ins rechte Licht zu rücken: Indien ist mit gut 14 Prozent für sich genommen der zweitgrößte Weizenproduzent auf dem Globus und liegt damit zwischen China und Russland. Der überwiegende Anteil der im Schnitt zuletzt 107 Millionen Tonnen pro Jahr war allerdings schon immer für den heimischen Markt bestimmt – nur ein geringer Teil geht in den Export. Im vergangenen Geschäftsjahr (das in Indien traditionell von Anfang April bis Ende März gilt) war das mit sieben Millionen Tonnen, die den Landwirten rund zwei Milliarden Dollar Erlös einbrachten, allerdings mehr als das Dreifache der Vorjahresmenge. Im Februar waren die Prognosen für dieses Jahr noch von einer Rekordproduktion von 111,32 Millionen Tonnen ausgegangen, die auch beim Export zu einem neuen Allzeithoch geführt hätte. Unlängst war die Zielmarke auf zehn Millionen Tonnen angehoben worden, basierend auf den günstigen Wetterverhältnissen für Weizen zwischen Januar und März, wie die Tageszeitung »The Hindu« in einem Kommentar nur zwei Tage vor dem Exportstopp ausführte.

Einige Ökonomen hatten die Rekordträume schon vorher angezweifelt. Die anhaltende Hitzewelle mit Temperaturen von bis zu 50 Grad Celsius werde die Weizenernte um mindestens sechs Prozent reduzieren. In Delhi schaltet man daher nun in den Krisenmodus um. Die indische Regierung braucht für den ärmsten Teil der Bevölkerung, rund 80 Millionen Menschen, pro Jahr allein 25 Millionen Tonnen, die über das Public Distribution System zu festgelegten, stark verbilligten Preisen abgegeben werden. Normalerweise gibt es einen größeren Vorrat dafür. Doch der Füllstand der großen Silos ist stark gesunken, seit die Politik in der Corona-Pandemie große Mengen dieser Reserven an die hungernden Menschen ausgab. Zugleich hat zuletzt auch der heimische Weizenpreis kräftig angezogen – am 9. Mai lag er 19 Prozent über dem Wert des Vorjahres. Ihn ein Stück zu drücken und die Speicher wieder etwas aufzufüllen, ist das Ziel der jetzt getroffenen Entscheidung, wie auch Handelsstaatssekretär B.V.R. Subramanyam am Wochenende bei einer Pressekonferenz erläuterte. Der Staat war bis Ende April nur in der Lage, 16 Millionen Tonnen aufzukaufen. Das sind 41 Prozent weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres, so das Online-Nachrichtenportal »The Print«.

Die internationalen Getreidemärkte sind zuletzt wegen des Russland-Ukraine-Krieges besonders angespannt, die Preise gehen stark nach oben. Am Montag die Tonne Weizen an der Börse Euronext 435 Euro – neuer Höchststand. In armen Ländern, die auf Importe angewiesen sind, drohen Hungersnöte. Die Welthungerhilfe nennt derzeit konkret Länder wie Ägypten, Kenia, den Südsudan und Libanon. Auch deshalb sorgte das indische Vorgehen postwendend für Reaktionen im Ausland: Die Agrarminister der G7-Staaten kritisierten bei ihrem Treffen am Wochenende in Stuttgart die Entscheidung Delhis: »Wir rufen dazu auf, die Märkte offen zu halten«, sagte der deutsche Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne). Die indische Regierung habe noch vor wenigen Wochen versprochen, deutlich mehr Weizen zu exportieren. Tatsächlich wurden Lieferverträge mit Ägypten und der Türkei geschlossen. Entwicklungs- und Umweltorganisationen äußerten hingegen Verständnis für das Vorgehen Indiens. Greenpeace kritisierte, dass die G7-Staaten bei ihrem Treffen keine konkreten Maßnahmen wie die Bereitstellung von Weizen für arme Länder beschlossen hätten. Auch solle Deutschland in Europa vorangehen und die Beimischung von Biosprit zu Diesel und Benzin umgehend beenden.

Noch am Wochenende präzisierte die indische Regierung zudem, dass bestehende Lieferverträge mit dem Ausland, die auf 4,3 Millionen Tonnen beziffert werden, in jedem Fall erfüllt würden. Auch sonst halte man sich Ausnahmen offen, um die Versorgung der Nachbarländer weiter sicherzustellen. Für Bangladesch, das im Vorjahr über 50 Prozent der indischen Weizen-Ausfuhren kaufte, beruhigte der dortige Nahrungsgüterminister Sadhan Chandra Majumder die einheimische Bevölkerung: Sie müsse sich keine Sorgen machen, zitierte die führende Zeitung »The Daily Star« den Minister, der offenbar entsprechende Zusicherungen aus Delhi erhalten hatte.

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