Millionen eskalierte Streitigkeiten

Jeja nervt: Wenn die Polizei bei Gewalt von »Streit« spricht, verharmlost sie Frauenhass

Wenn es um Verharmlosung geht: Fragen Sie die Polizei.
Wenn es um Verharmlosung geht: Fragen Sie die Polizei.

Wenn Medien über Gewalttaten berichten, heißt es häufig, dass es einen »Streit« gegeben habe, der dann »eskaliert« sei. Den Streit selber kann zwar niemand bezeugen, doch es sind die Ergebnisse, die feststehen: Gebrochene Knochen, blaue Augen, Rettungswageneinsätze oder gar Leichen. Was die Gewalthandlungen ausgelöst hat, die die körperlich sichtbaren Verletzungen hervorgerufen haben müssen, befindet sich im Reich der Spekulation.

Ein Beispiel: Ende März fand ein Passant morgens eine ohnmächtige, unterkühlte Teenagerin im nordrhein-westfälischen Herne auf einem Friedhof. Erst nach Tagen im Koma hatte sich der Zustand der 15-Jährigen stabilisiert. Da hatte die Polizei bereits via Pressemitteilung bekannt gegeben, was Auslöser von Verletzungen und lebensgefährlichem Liegenlassen gewesen sei: Das Mädchen sei mit drei Teenagern im Bereich des Friedhofs »in Streit geraten«. »Daraufhin« hätten diese die 15-Jährige »zu Fall gebracht«, sie mit Tritten und Schlägen traktiert und seien geflüchtet, hieß es.

Echte Aufmerksamkeit erregt hatte der Fall jedoch erst, als ein RTL-Bericht zwei Wochen später die Sichtweise der Betroffenen präsentiert hatte. Demnach sei das Mädchen von den Jugendlichen aus Transfeindlichkeit beinahe getötet worden. Der Bericht schlug so hohe Wellen, dass sich die ermittelnde Polizei bemüßigt sah, ihre Sichtweise noch einmal zu rechtfertigen. Immerhin hatten die Beamten selber von einem 15-Jährigen gesprochen, das Mädchen also zum Jungen erklärt und damit jene Sichtweise vertreten, die auch die Jugendlichen mit zu ihrer Tat motiviert haben dürfte.

Dass man der Jugendlichen im eigenen Bericht das falsche Geschlecht zugeordnet hatte, erklärten die Beamt*innen gegenüber der »WAZ« damit, dass sie aufgrund des Komas nicht ansprechbar gewesen sei. Man sei eben von den Angaben im Personalausweis ausgegangen. Dennoch wurde die Ausgangsthese wiederholt: Transfeindlichkeit dürfte zwar eine Rolle gespielt haben, ja, aber der Tat vorausgegangen sei eben ein »Streit«. Doch dann stellt sich die Frage: Wenn die Überlebende gar nicht befragt werden konnte, wie konnte die Polizei dann bereits kurz nach der Tat öffentlich von einem Streit sprechen?

Der Ausdruck »Streit« bezeichnet eigentlich das Aufeinanderprallen zweier Sichtweisen, die sich gegeneinander durch Argument oder Überredung durchsetzen wollen. Voraussetzung für einen Streit ist, dass das Gegenüber überhaupt als Gesprächspartner*in ernst genommen wird. Das heißt: Auch wenn man falsch findet, was jemand anderes sagt, bestätigt die Beteiligung am Streit formal das Recht des anderen, die eigene Sichtweise zu vertreten und um Zustimmung werben zu dürfen. In dem Moment, wo diese Bestätigung des Rechts auf Rede entzogen wird, liegt also gar kein Streit mehr vor.

Das ist einer der Gründe, warum Feminist*innen mit zunehmendem Erfolg den Begriff des Femizids etablieren: Es handelt sich nicht etwa um »eskalierte Familienstreitigkeiten« und damit um Taten, die sich aus einer Streitdynamik selbst heraus erklären lassen. Wäre das der Fall, müssten sich männliche und weibliche Opfer ja statistisch die Waage halten. Tun sie aber nicht. Das heißt: Die männliche Seite des »Streits« muss eine Disposition zur Negierung des Existenzrechts des weiblichen Gegenübers schon mitgebracht haben: Frauenhass. Das gilt auch, wenn es eine Vorbeziehung zwischen Täter und Opfer gegeben hat. Darum ist es hilfreich, zu fragen: Wenn es einen Streit gegeben haben soll – worum wurde sich denn gestritten?

Wenn man diese Frage immer wieder stellt, dechiffrieren sich unzählige eskalierte Streitigkeiten als das, was sie eigentlich sind: Übergriffe, begangen aus einer Ideologie der Entmenschlichung von gesellschaftlich Marginalisierten. Denn mit Frauen, Obdachlosen, Schwulen, Armen, People of Color oder behinderten Menschen lässt sich kein Für und Wider darüber abhalten, ob sie sich frei im öffentlichen oder privaten Raum bewegen, sie selbst sein, schlicht: ihre unveräußerlichen Rechte ausüben dürfen.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal