Werbung

Der Zwang, unter dem Männer stehen

Jeja nervt: Transphobie und patriarchale Glaubensmuster

  • Von Jeja Klein
  • Lesedauer: 4 Min.
»Heiße Flirts & wahre Liebe« verspricht die Fernsehsendung »Love Island«. Aber gilt das auch für Transpersonen?
»Heiße Flirts & wahre Liebe« verspricht die Fernsehsendung »Love Island«. Aber gilt das auch für Transpersonen?

Am Donnerstag wurde weltweit der »Trans Day of Visibility« für die Rechte transgeschlechtlicher Menschen begangen. Die 18-jährige Feministin und Fridays-for-Future-Aktivistin Emma Kohler übergab 85 000 von ihr gesammelte Unterschriften an die Bundesregierung - von Menschen, die wie sie wesentliche Verbesserungen noch in diesem Jahr fordern. In Deutschland hat der Tag jedoch am meisten Beachtung dadurch gefunden, dass sich der ehemalige »Bild«-Chef Julian Reichelt, gefeuert wegen seines Umgangs mit Mitarbeiterinnen, an einer Themenfolge der »Sendung mit der Maus« abarbeitete. Reichelts Warnung vor einem »ideologisch-sexualisierten« Umgang mit Kindern durch die »Zwangsmaus« könnte leicht als irgendwie irre abgetan werden. Doch dass ausgerechnet ein Mann seines »Kalibers« sexuellen Zwang am liebsten an Trans wiedererkennt, hat tiefere Ursachen - und System.

Gut studieren konnte man das bereits in der Vorwoche in der Kuppel-Reality-Show »Love Island«. Die Teilnehmer*innen Adriano und Jess kamen sich vor den Kameras näher. Doch was er nicht wusste: Jess ist trans. In einer vom Sender als »Schock-Beichte« gelabelten Szene offenbarte sich die 22-jährige schließlich ihrem Flirt - inklusive Ermutigung, alles zu sagen, was ihm dazu auf dem Herzen liege, und ohne Angst, etwas »falsches« zu sagen. Sie verstehe, erklärt sie schon prophylaktisch, wenn Adriano nun »überrumpelt« sei, und hoffe, dass er ihr nicht böse sei. Adriano indes war im Moment des Coming-outs die Kinnlade heruntergeklappt, den Blick geschockt ins Leere gerichtet. Als er sich gesammelt hatte, erklärte er, dass er nicht böse sei: Er sei »kein nachtragender Mensch«. Zudem habe sie »das ja auch richtig gut gemacht«, sei distanziert gewesen und habe keine Annäherungsversuche seinerseits zugelassen. Tatsächlich hatte Jess in einer Szene sogar die Bitte um einen Kuss verneint. Schließlich, hielt ihr Adriano zugute, sei sie nun ja »auch total offen«.

Dann aber kam Adriano darauf zu sprechen, dass ihn Jess’ Transgeschlechtlichkeit »schon schickt« und er Bedenkzeit brauche. Nach einem kurzen Vortrag über das Gehen des eigenen Weges war die Bedenkzeit dann jedoch schon vorbei: Adriano könne sich nicht vorstellen, dass es zwischen den beiden weitergehe, erklärte er ihr. Jess, die im Off-Interview am Vortag erklärt hatte, sich vor Zurückweisung zu fürchten, die sie als transgeschlechtliche Frau immer wieder erlebe, reagiert auf das »Nein« so, wie sie schon das ganze Gespräch mit Adriano managt: Sie gesteht ihm demonstrativ seine Gefühle zu und redet die eigene Verletzung klein.

Das Argument, dass Transhasser*innen gern den Mythos verbreiten, die Frauen akzeptierten aus Antidiskriminierungsgründen kein Nein, mal beiseite: In Adrianos Worten steckt die ganze Bedrohung und die projektive Aufladung mit einer Idee von sexueller Gewalt, mit der transgeschlechtliche Frauen zu kämpfen haben. Dass es für Adriano nicht zu einer sexuell verletzenden Situation kommt, dafür ist seiner Meinung nach Jess allein verantwortlich. Sie ist es, die Annäherungen zu verneinen und »total offen« zu sein hat, um sich ihm gegenüber nicht zur Täterin zu machen. Für sein Begehren muss er keine Verantwortung übernehmen. Das aber ist bereits in der gesamten heterosexuellen Kultur intimer Annäherung angelegt. Was hier mit Verantwortung für andere einhergeht, ist das Objekt männlichen Begehrens: der Frauenkörper, der die Gefühle anderer auf sich zieht.

Hätte sie gewagt, die Annäherung zuzulassen und ihrem Begehren zu folgen, hätte Adriano also zu Recht »böse« sein dürfen. Darin aber steckt nicht nur die Logik, nach der transgeschlechtliche Frauen sogar weltweit ermordet werden: Es ist dieselbe, nach der man alle Frauen dafür bestraft, Begehren zu wecken, ohne dabei Erwartungen und Ansprüche zu erfüllen. Männer überwinden die Selbstbestimmung von Frauen aus einem Grund: Im Patriarchat erleben sie ihre Sexualität als eine Brechung ihrer sexuellen Selbstbestimmung durch Frauen und die »Macht« ihrer Körper. Die dadurch erzeugte Wut trifft alle Frauen - ausnahmslos.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal