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Raus aus der Szene, rein in die Nachbarschaft

Vom Protest gegen die Vermieter bis zur Kiezkommune: Der Interviewband »Revolutionäre Stadtteilarbeit« gibt Einblick in die Praxis linker Stadtteilorganisierung

Auch ein Nachbarschaftsprojekt: Ein Gemeinschaftsgarten auf dem Tempelhofer Feld in Berlin
Auch ein Nachbarschaftsprojekt: Ein Gemeinschaftsgarten auf dem Tempelhofer Feld in Berlin

Ob ritualisiert zu traditionellen Terminen oder als Abwehrkampf: Der Protest auf der Straße ist maßgebliche Betätigungsform linker Gruppen. Ohne die Notwendigkeit und Erfolge von Protesten in Abrede zu stellen, hat die politische Arbeit mit Megafon und Transpi auch ihre Grenzen. Zu Großereignissen wie G20 bleibt die Szene vor allem unter sich und bei der Mobilisierung entlang von Events und Kampagnen stellt sich die Frage, was nachhaltig davon bleibt. Schon länger gibt es deshalb eine Debatte über die Neuausrichtung linker Praxis. Wegweisend war dabei der »Selber Machen«-Kongress vor fünf Jahren in Berlin, auf dem dafür geworben wurde, mit der politischen Arbeit im eigenen Alltag und in der Nachbarschaft anzusetzen. Mehrere Gruppen sind diesen Weg gegangen. Im Interviewband »Revolutionäre Stadtteilarbeit« erzählen fünf von ihnen, wie das bisher geklappt hat. Geführt worden sind die Interviews von einem Kollektiv, das sich »Vogliamo tutto« nennt, italienisch für »Wir wollen alles«, wie auch Nanni Balestrinis Roman über die Turiner Fiat-Kämpfe heißt.

Die interviewten Stadtteilgruppen unterscheiden sich dabei in ihrer politischen Ausrichtung zum Teil deutlich. Nicht immer geht es ihnen um »alles«. Ebenso wie die Herausgeber selbst einräumen, dass man das Attribut revolutionär für die Stadtteilarbeit durchaus auch für realitätsfern halten kann. So beschränkt sich beispielsweise die Hamburger Stadtteilgruppe »Wilhelmsburg Solidarisch« darauf, ein solidarisches Netzwerk im Viertel zu schaffen, damit sich die Nachbarn beispielsweise bei Problemen mit dem Jobcenter gegenseitig unterstützen können. »Es gibt aber keine konkrete revolutionäre Theorie, die ganz weit oben steht oder die alle teilen. Ich glaube, da schlägt man ganz schnell in der Realität auf, wenn man dann auf dem Anlaufpunkt ist und mit anderen kleinteilige Konflikte bespricht«, erzählt einer der Aktiven im Interview.

Reform und Revolution

Eine radikalere Vorstellung von Stadtteilarbeit hat unter anderem die »Kiezkommune Wedding«, die in der Berliner Buttmannstraße aktiv ist. Zwar sehen auch sie sich durchaus erfolgreich darin, nachbarschaftliche Kontakte auszubauen und das betriebene Café als Treffpunkt im Viertel zu verankern. Gemäß dem Konzept der Kiezkommunen, von denen es mehrere Ableger in Berlin und einen in Magdeburg gibt, verstehen sie ihre Arbeit darüber hinaus aber als Wiederbelebung der Räteidee. So wären in ihrer Vision Stadtteilkomitees letztlich die kleinste Einheit der sozialistischen Selbstverwaltung. Langfristig, sagen sie, gehe es darum, gesellschaftliche Bereiche dem staatlichen Zugriff zu entziehen.

Der Interviewband gibt auch einen Ausblick darauf, was sich absehbar überhaupt dem Staat abtrotzen lässt. Von großen Erfolgen, in etwa dass Zwangsräumungen verhindert werden und damit das staatliche Gewaltmonopol unterlaufen wird, weiß keine der Gruppen zu berichten. Stattdessen ist eine verbindende Sorge, inwieweit die Aktivisten ehrenamtlich die Sozialarbeit im Stadtteil übernehmen und somit zum Dienstleister für das werden, woran man in den Stadtverwaltungen gern sparen würde.

Trotz der Kluft, die bei manchen Gruppen zwischen dem theoretischen Anspruch und der Realität klafft, zeigen die Erfahrungsberichte aber auch, was sich gewinnen lässt durch diese Art politischer Arbeit. Ein Beispiel ist die Münsteraner Gruppe, die im Stadtteil Berg Fidel den Protest der Nachbarn gegen den börsennotierten Großvermieter LEG initiiert hat. Die Aktivisten waren hier lediglich die Wegbereiter, mittlerweile kämpfen die Nachbarn selbst aktiv gegen fehlende Instandhaltung und fragwürdige Nebenkostenabrechnungen. Wenn sie davon berichten, dass der Reparaturdienst der LEG nun ständig durchs Viertel fährt, nachdem sie ihn zuvor Jahre lang nicht gesehen haben, ist das ein greifbarer Erfolg. Der größere Erfolg besteht aber sicherlich darin, dass die Aktivisten das Ohnmachtsgefühl und die Vereinzelung gerade in einem Stadtteil mit hoher Arbeitslosigkeit überwinden konnten und die Nachbarn den Mut geschöpft haben, dass sie selbst etwas verändern können, wenn sie sich zusammenschließen.

Organisation im Alltag

Genau darin, dass Aktivisten ihr Wissen zur Organisierung nutzen, sich aber am Ende selbst überflüssig machen, liegt die Stärke dieses Ansatzes. Er verabschiedet sich davon, stellvertretend für andere Politik zu machen und entwickelt die politische Praxis aus den konkreten alltäglichen Problemen zusammen mit denen, die auch von diesen betroffen sind. Die Beispiele aus den einzelnen Städten zeigen, dass man dazu keineswegs die eigenen antikapitalistischen Positionen verstecken muss. Die Herausgeber verstehen ihren Interviewband deshalb nicht nur als Verständigung zwischen den bereits bestehenden Gruppen. Sie wollen diese politische Praxis in der radikalen Linken vor allem bekannter machen. Dass sich die Herausgeber in der Auswertung der Interviews mit eigenen Einschätzungen zurückhalten, ist aber ebenso schade, wie bei manch verbalradikalen Antworten von einzelnen sehr von sich überzeugten Aktivisten kritischere Nachfragen angebracht gewesen wären. Auch bleibt unerklärt, warum keine Gruppe interviewt wurde, die in einer ostdeutschen Stadt aktiv ist.

»Revolutionäre Stadtteilarbeit« bietet für all jene, die den ersten Schritten der bestehenden Gruppen folgen wollen, einen detaillierten Erfahrungsschatz und hilft, sich schon im Vorhinein mit Fragen und Problemen auseinanderzusetzen, bevor man bei den Nachbarn klingelt.

Vogliamo tutto (Hg.): Revolutionäre Stadtteilarbeit. Zwischenbilanz einer strategischen Neuausrichtung linker Praxis. Unrast, 208 S., br.,16 €.

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