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Ausbruch der Freude beim SC Magdeburg

Der Vorzeigeklub aus Sachsen-Anhalt gewinnt nach 21 Jahren wieder die Deutsche Handball-Meisterschaft

  • Von Ullrich Kroemer, Magdeburg
  • Lesedauer: 6 Min.
Abpfiff. 31:26 gegen Balingen-Weilstetten. Der SC Magdeburg darf nach 21 Jahren Pause endlich wieder eine Meisterschaft bejubeln.
Abpfiff. 31:26 gegen Balingen-Weilstetten. Der SC Magdeburg darf nach 21 Jahren Pause endlich wieder eine Meisterschaft bejubeln.

Wer mitten im Feiertrubel auf dem Parkett der Magdeburger Handball-Arena eine Ahnung davon bekommen will, was die gerade errungene Deutsche Meisterschaft für die Spieler des SC Magdeburg bedeutet, muss nur in das Gesicht von Gisli Kristjansson blicken. An diesem historischen Donnerstagabend erupiert der isländische Spielmacher geradezu wie der berühmte Gletschervulkan Eyjafjallajökull in seiner Heimat 2010. Auch lange nach Abpfiff, nach dem Jubelpulk mit der Mannschaft und dem Bad in der Fanmenge, die seinen Vornamen skandiert, wäre es nicht verwunderlich, wenn Kristjansson plötzlich Rauch aus Mund und Nase treten würde. Mit funkelnden, weit aufgerissenen Augen fixiert Kristjansson seine Gesprächspartner und sagt euphorisiert: »Die Gewinnermentalität dieser Truppe ist so geil. Man kann bei jedem sehen, dass wir in jedem Spiel jeden Gegner schlagen können – egal, ob das der THW Kiel oder Barcelona ist.«

Eine ganze Saison lang waren die Magdeburger, die insgesamt nur zwei Spiele in der Bundesliga verloren haben, »immer konzentriert, immer angeknipst, immer bereit«. Und nun, so sprudelt es aus »Vulkan« Gisli heraus, habe diese Meistermannschaft »einen neuen Standard für diesen Klub gesetzt. Jetzt sind wir da oben und wir wollen da bleiben!« Die Euphorie über die erste Magdeburger Meisterschaft seit 21 Jahren setzt auch bei den 6449 Anhängern in der ausverkauften Halle Kräfte frei. An das ein paar Tage zuvor verlorene Europapokal-Finale in Lissabon denkt längst keiner mehr.

Es sind Spieler wie der erst 22-jährige Kristjansson, die Prototypen der Magdeburger Meisterschaft sind. Der Jungnationalspieler aus Reykjavik kam 2020 von Rekordmeister Kiel als riesiges Talent nach Magdeburg, verletzte sich dann aber oft und schaffte erst in dieser Saison den Durchbruch als spielstarker und zudem unnachgiebiger Kreativspieler, der sich immer irgendwie durch die Abwehrreihen der Gegner windet. »Dass ich nach all meinen Schulterverletzungen diesem Klub und dieser Stadt endlich etwas zurückgeben kann, fühlt sich wahnsinnig gut an«, sagt Kristjansson. Beim SCM statteten sie ihn trotz der Verletzungsprobleme weitsichtig mit einem für die schnelllebige Handballbranche unüblich langen Vertrag bis 2025 aus, was sich nun bezahlt macht.

Es sind aber auch Akteure wie Marko Bezjak, der 2013 kam und einer der Dienstältesten im Klub ist, die für die Meistermischung in diesem Kader stehen. Nach drei dritten Plätzen in Serie, berichtete der 35-Jährige, während um ihn herum die Fete in der Halle tost, gab es vor Saisonbeginn einen Kabinenschwur: »90 Prozent der Spieler haben gesagt: Wir wollen Deutscher Meister werden. Daran haben wir auch geglaubt.« Nach der Hinrunde habe das Team dann schon »gewusst, dass wir wirklich jeden schlagen und was holen können«.

Entscheidend waren keine Topstars, wie sie etwa der THW Kiel mit Sander Sagosen hat, sondern die Homogenität des Teams auf Spitzenniveau. Erfolgstrainer und Sport-Geschäftsführer Bennett Wiegert verpflichtete mit Philipp Weber und dem dänischen Abwehrrecken Magnus Saugstrup genau die richtigen Akteure, um die Qualität noch weiter anzuheben. Nun dreht Weber mit einem Porzellanteller samt Abbild des Magdeburger Doms in der Hand, den er von einem Fan geschenkt bekommen hat, eine halbe Stunde lang Ehrenrunden durch die Halle. »Die Mannschaft ist unglaublich gierig«, erklärt der deutsche Nationalspieler, warum die Magdeburger die meisten Gegner in dieser Spielzeit geradezu überrollt hat. »Uns zeichnet aus, dass wir nie aufhören, sondern immer weitergehen. Wenn wir mit 15 Toren führen, wollen wir eben mit 20 gewinnen – das ist ein geiler Charakter.«

Mit bisher fast 1000 Toren haben die Magdeburger mit Abstand die meisten in dieser Saison geworfen – und das ohne einen echten »Shooter« aus dem Rückraum. Der beste Schütze Omar Ingi Magnusson, der sogar mit einem bis 2026 datierten Vertrag ausgestattet wurde, ist auf der halbrechten Position eher kühler Ästhet und abgezockt vom Sieben-Meter-Punkt denn ein Brecher, der schon neun Meter vor dem Tor hochsteigt und mit voller Wucht Tore erzielen will.

Abseits des Spielfeldes hat dieser historische Erfolg zwei Baumeister. Zum einen ist da natürlich das Magdeburger Urgestein »Benno« Wiegert, der als Spieler selbst Deutscher Meister und Champions-League-Sieger war und dessen Vater Ingolf als Olympiasieger und zweifacher Europapokalsieger bereits einen Platz in der Ruhmeshalle des SCM sicher hat. Nun wurde der Sohn von den Fans als »Meistertrainer, Meistertrainer« gefeiert. Kein Zweifel: Der Publikumsliebling und Star beim SCM ist der Coach, der nun seit knapp sieben Jahren Verantwortung trägt.

Doch dass Wiegert inzwischen zu einem der gefragtesten deutschen Trainer avanciert ist, hat viel mit dem zweiten SCM-Architekten zu tun: Marc-Henrik Schmedt. Der Rheinländer, der bereits seit 1991 in Magdeburg lebt, sanierte als Geschäftsführer den einst maroden Klub. »Sportlich haben wir angefangen als Elfter, wirtschaftlich waren wir mehr oder weniger insolvent«, erinnert sich Schmedt. Er trägt seinen kleinen Jungen auf den Schultern und saugt den Meistermoment in sich auf. »Wir haben vor zehn Jahren einen ziemlich kaputten Verein übernommen, und es gab doch ein paar Vorbehalte, ob Bennett Wiegert und ich das können – doch jetzt stehen wir hier und haben die Deutsche Meisterschaft in diese fantastische Region geholt.«

Das gelang, indem der SCM einen Kulturwandel bewältigte. Nach außen sind die Grün-Roten ein Traditionsklub mit viel Herz und zahlreichen Identifikationsfiguren auf und abseits des Parketts geblieben. Nach innen aber, betont Schmedt, arbeite der Klub wie ein mittelständisches Unternehmen – »und als solches muss man ihn bei aller Emotionalität auch führen«. Schmedt setzte sich 2015 dafür ein, dass Wiegert die Chance erhält. Er überzeugte das Trainertalent, sich das Amt überhaupt selbst zuzutrauen und stärkte ihm den Rücken, als es Rückschläge gab. »Der Schritt war mutig, es hätte auch komplett schiefgehen können. Aber wir haben zu unserem Weg gestanden und nie überreagiert«, sagt Schmedt.

Er musste auch unangenehme Entscheidungen treffen, stellte den Klub wirtschaftlich neu auf, gewann Vertrauen und 300 neue Sponsoren aus der Region – inzwischen sind es 500 Geldgeber, die die geschätzt acht Millionen Euro Etat pro Saison tragen. »Wir sind bei den wirtschaftlichen Möglichkeiten in den Top Fünf der Liga angekommen. Für ganz vorne reicht es nicht«, sagt Schmedt. Dafür zeichnen Magdeburg heute Klarheit, Kontinuität und Seriosität aus.

So tief, wie der SCM im Bewusstsein der Region verankert ist, ist die Meisterschaft auch ostdeutsche Erfolgsgeschichte. »Der SCM ist sportartenübergreifend einer der ganz wenigen Vereine, die es nach der Wende geschafft haben, sich zu etablieren, in der 1. Liga zu bleiben und in der neuen Gesellschaftsordnung klarzukommen«, weiß Schmedt. »In einer Region, die als strukturschwach gilt, sind wir in der Spitze wettbewerbsfähig. Dieser Erfolg sorgt für Selbstvertrauen nach innen und ist nach außen ein unheimlicher Botschafter für die Region. Das elektrisiert.«

Bevor die Spieler nach der Sause in der Halle ihre gepackten Koffer schnappen und zur dreitägigen Feiertour zum »Aufsaugen, Genießen, Realisieren« in die Sonne aufbrechen, gibt Philipp Weber den Konkurrenten bereits eine Ansage für die nächste Saison mit: »Wir werden sicher nicht schlechter. Ich glaube, es war für uns nicht die letzte Meisterschaft.« Der Magdeburger Vulkan könnte demnächst also noch häufiger ausbrechen.

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