Am Himmel über Berlin tut sich wenig

Die ILA 2022 setzt offiziell auf Innovation und Umweltfreude. Doch zu bestaunen ist vor allem militärisches Gerät

Das Flugprogramm der am Mittwoch beginnenden Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung Berlin 2022 (ILA) wird – bedingt durch die unmittelbare Nähe zum hauptstädtischen Airport, dessen Flugbetrieb nicht gestört werden darf – weitgehend ausfallen. Auch sonst scheint die ILA, die nach der Corona-Pause wieder durchstarten will, wenig mit dem Glanz vergangener Messen zu verbinden. Man wolle, so die Veranstalter, dem Motto »Pioneering Aerospace« folgen und zukunftsweisende Technologien vorstellen sowie Wege zu nachhaltiger Luftfahrt weisen. Expertengespräche, Podiumsdiskussionen, Debatten, sogar Science Slams bilden den Schwerpunkt der Show, die vor allem in vier Messehallen stattfindet.

Das Konzept klingt vernünftig angesichts der aktuellen Krise in der Luftfahrt sowie drohenden Klimakatastrophen. Eine Verschiebung dieses Schwerpunkts in Richtung Militär plane man trotz der aktuellen Weltlage nicht, sagen die Messemacher und betonen: In diesen schwierigen Zeiten sei der persönliche und fachliche Austausch wichtiger denn je, um mit Innovationen der Luft- und Raumfahrt eine sichere Zukunft zu geben, so der Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie. Deutschland solle zu einem Vorreiter für ein zukunftsfähiges und umweltverträgliches Luftverkehrssystem werden, sagt die neue, bündnis-grüne Koordinatorin der Bundesregierung für die Luft- und Raumfahrt, Anna Christmann. In ihrem auf der ILA-Website feilgebotenen Werbeinterview vermeidet auch sie jeden Hinweis auf Rüstung.

Doch: Schaut man sich die Liste der ausgestellten Flugzeuge an, findet sich fast ausschließlich Kriegsgerät, das von der Bundeswehr sowie der US Air Force in Reih und Glied abgestellt ist. Zudem präsentieren Hersteller »Verbrauchsmaterial« kommender Kriege und für gegenseitige Bedrohungsszenarien. Neben den bekannten Eurofightern, dem A400M-Transporter, den bald aufs Altenteil zu schiebenden Tornados und den Tiger-Kampfhubschraubern wird vor allem das Tarnkappen-Mehrzweckkampflugzeug F-35A von Lockheed Martin Blicke auf sich ziehen. Es soll in den kommenden Jahren in die Deutsche Luftwaffe eingeführt und im Rahmen der sogenannten nuklearen Teilhabe modernisierte US-Atomwaffen auf potenzielle Gegner abwerfen können. Gleichfalls vorgestellt wird der schwere Transporthubschrauber CH-47F von Boeing, der die alten Sikorski-Maschinen der Bundeswehr ablösen soll. Man freue sich über die wachsende Präsenz in Deutschland und neue strategische Partnerschaften mit der deutschen Industrie, sagt Michael Haidinger, Boeings Chefverkäufer für Mittel-, Ost- und Nordeuropa. Natürlich schielt auch er auf das 100 Milliarden Euro schwere Bundeswehr-Aufrüstungsprogramm.

Überdies zeigt der Krieg in der Ukraine, welch – im Wortsinn – Bombengeschäfte sich mit dem Militär besiegeln lassen. Neben Lockheed und Boeing wittern auch Airbus Defence & Space, Airbus Helicopters, Diehl Defence, Elbit, Hensoldt, Leonardo, Liebherr Aerospace, MBDA, RUAG und MTU Aero Engines sowie Israel Aerospace Industries und Rafael Advanced Defense Systems Profite. Sie stellen Kampfjets und -hubschrauber, Lenkwaffen, Drohnen, Aufklärungssysteme sowie Lösungen für den Katastrophenschutz und verschiedene Sicherheitsbereiche vor. Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz zur Bewahrung wie Vernichtung von Leben spielt ebenso eine große Rolle auf der Luftfahrtmesse am Rande von Berlin. Interessant wird es auch, wenn es um das Future Combat Air System geht. Das bedeutendste Rüstungsprojekt innerhalb der EU brachten die Chefs von Airbus Defence & Space sowie Dassault Aviatiation während der ILA 2018 auf den Weg. Doch auf dem ist das Projekt zum gemeinsamen Bau eines neuen europäischen Luftkampfsystems nur wenige Meter vorangekommen. Ob das auf der ILA 2022 geplante »Future Generation Fighter Symposium« beim Anschieben hilft, bleibt abzuwarten.

Lobbyisten wie Wirtschafts- und Verteidigungspolitiker stehen harte Tage bevor. Die Messemacher werben damit, dass der Anteil jener Fachbesucher, die Einfluss auf Einkaufs- und Beschaffungsentscheidungen haben, bei 66 Prozent liegt.

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