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Rotzfreches Empowerment

In dem Independent-Film »Cha Cha Real Smooth« kämpft ein College-Absolvent mit seinem Alltag und mit großen Gefühlen

Andrew (Cooper Raiff) jobbt lieber in einem Burgerladen, als Karriere zu machen.
Andrew (Cooper Raiff) jobbt lieber in einem Burgerladen, als Karriere zu machen.

Der 25-jährige, aus Texas stammende Cooper Raiff gilt vielen als Wunderknabe des US-amerikanischen Independent-Kinos. Seinen Debütfilm »Shithouse« (2020), in dem er nicht nur Regie führte, sondern auch die Hauptrolle eines Studenten spielte, der mit seinem nicht funktionierenden Sozialleben auf dem Campus schwer hadert, produzierte er zuerst als Youtube-Video. Das begeisterte den Regisseur Jay Duplass so, dass er Raiff ermutigte, daraus einen Kinofilm zu machen. Nicht nur dass Raiff sein Studium abbrach, um den Film zu drehen, er machte das auch noch auf dem Campus seines Colleges ohne Drehgenehmigung und gab vor, für ein Seminar zu filmen.

Für seinen zweiten Spielfilm »Cha Cha Real Smooth« erhielt Cooper Raiff den diesjährigen Publikumspreis des renommierten Sundance-Filmfestivals. Darin erzählt Raiff, der für Regie und Drehbuch verantwortlich zeichnet und auch wieder die Hauptrolle spielt, die Geschichte des jungen Andrew, der gerade das College beendet hat und nicht so recht weiß, was er mit sich anfangen soll. Karriere machen in irgendeinem Akademikerjob? Oder doch lieber etwas ganz anderes?

Erst mal wohnt Andrew wieder bei seinen Eltern im gutbürgerlichen Teil von New Jersey, wo er zusammen mit seinem pubertierenden Stiefbruder David (Evan Assante) im Kinderzimmer auf einer Matratze pennt. Er jobbt bei einer Fast-Food-Kette und versagt regelmäßig bei Vorstellungsgesprächen für einen besseren, seiner Ausbildung angemessenen Job. Eines Abends begleitet er seinen Stiefbruder zu einer Bar-Mitzwa-Feier, die unglaublich öde ist. Zwischen pubertierenden Jugendlichen, einem grottenschlechten DJ und dem kleinbürgerlichen Mief der Familienfeier mit Turnhallenästhetik beginnt der lebensfrohe und seiner Umwelt stets aufgeschlossene Andrew alle Anwesenden zum Tanzen zu animieren. Und das mit überraschendem Erfolg! Die vorher so stocksteife Bar Mitzwa wird zu einer ausgelassenen Party, bei der alle die Sau rauslassen. Denn das, was Andrew mit seinem Abschluss in Marketing und ausgefeilten Skills in Social Media während des Studiums dann doch am besten gelernt hat, ist Party feiern – womit »Cha Cha Real Smooth« inhaltlich ganz lose Cooper Raiffs Debütfilm »Shithouse« fortschreibt.

Andrew wird schließlich neben seinem prekären Job im Burgerladen ein regelmäßig gebuchter Bar-Mitzwa-Party-Animateur im jüdischen New Jersey. Auf den Feiern begegnet er immer wieder der attraktiven Domino (Dakota Johnson), die mit ihrer neurodiversen Tochter Lola (Vanessa Burghardt) auf diesen bemüht gut gelaunten Veranstaltungen eher verloren herumsteht. Die drei freunden sich an, und Andrew kümmert sich von da an regelmäßig um die vereinsamte Lola, die kaum Freunde hat und von anderen Jugendlichen gemobbt wird. Aber auch er und Domino kommen sich näher und beginnen eine Affäre, obwohl die gut zehn Jahre ältere Frau eigentlich mit einem Anwalt verlobt ist, der aber arbeitsbedingt die meiste Zeit in Chicago verbringt. Im Lauf der Wochen knistert es immer mehr zwischen Andrew und Domino. Gleichzeitig eskaliert die eine oder andere Bar Mitzwa wegen Andrews ausschweifendem Alkoholkonsum, und da er sich mit bornierten Familienvätern und gehässigen Teenagern, die sich gemein gegenüber Lola verhalten, gerne lautstark auseinandersetzt.

»Cha Cha Real Smooth« lebt vor allem von der überbordend freundlichen, aufmerksamen, rotzfrechen und alle in seinem Umfeld empowernden Lebendigkeit Andrews, den Raiff genial zu spielen weiß. Mit viel Chuzpe geht seine Figur durchs Leben, die in gesellschaftlichen Hierarchien schlecht funktioniert, auf die blöde akademische Lohnarbeit und das dazugehörige Renommee pfeift, sich aber fortwährend für die Menschen in seiner Umgebung einsetzt und aus Care-Arbeit fast schon fröhliche Ereignisse macht, von denen er sich selbst mitreißen lässt – egal, ob er seinen bis über beide Ohren in eine Klassenkameradin verknallten Stiefbruder unterstützt, staunend mit der feinsinnigen Lola Scrabble spielt oder ihre Mutter Domino bei einer Bar Mitzwa aus der Patsche hilft.

Dieser fast zweistündige, pointierte Film voller Witz und Ironie hat keine Längen und erzählt eindringlich von der Bereitschaft und vom Ringen um die Fähigkeit, sich auf Beziehungen einzulassen oder auch mal auf Abstand zu gehen, ohne gleich alle Brücken einzureißen. Über Liebe und Begehren reden die Figuren in diesem Film viel. Dabei konterkariert er den bürgerlich-romantischen Liebesdiskurs und dekliniert die unterschiedlichen Bedürfnisse der Menschen durch. Was bedeutet es, eine feste und dauerhafte Beziehung zu wollen? Was ist der Zauber unverbindlicher Möglichkeiten? Wohin will ich mit meinem Begehren? Was ist Projektion? Und wie kriegt man oder frau es hin, mit dem ganzen Gefühlschaos zurechtzukommen? Das wird auf eine ganz unmittelbare, wunderschöne und niemanden ausschließende Weise inszeniert. Kein Wunder, dass dieser mitreißende Film beim Publikum des Sundance-Filmfestivals so gut ankam.

Apple TV, das sich mit seinen Serien-Literaturverfilmungen immer mehr zum Kulturkanal à la 3sat oder Arte der Streamingdienste mausert, soll 15 Millionen Dollar für »Cha Cha Real Smooth« hingeblättert haben. Raiff gilt es definitiv im Auge zu behalten. Für Amazon soll der umtriebige Filmemacher demnächst den Bestseller »Aufregende Zeiten« der gerne mit Sally Rooney verglichenen irischen Nachwuchsschriftstellerin Naoise Dolan verfilmen. Man darf gespannt sein.

»Cha Cha Real Smooth« ab 17.6. auf Apple TV

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