»Nicht bloß hübsche Geräusche machen«

Die Jazz-Sängerin Melody Gardot über ihr neues Album »Entre Eux Deux«, wie sie die Unsicherheit auf der Bühne überwand und warum ein spuckender Jacques Brel sie inspirierte

  • Von Jan Paersch
  • Lesedauer: 6 Min.
Melody Gardot vertont die Mutter aller Klischees: knutschende Pärchen in Paris. Und sie findet nichts Schlimmes dabei. Gardot liebt das Offensichtliche.
Melody Gardot vertont die Mutter aller Klischees: knutschende Pärchen in Paris. Und sie findet nichts Schlimmes dabei. Gardot liebt das Offensichtliche.

In Ihrem neuem Song »A la Tour Eiffel« singen Sie über Verliebte in Paris. Bedienen Sie hier nicht etwas arg offensichtliche Stereotype?

Keine Ahnung – wollten Sie etwa nie unterm Eiffelturm rummachen? Im Ernst, der Text hat schon etwas Kitschiges, das hat etwas vom Leierkastenmann, der Touristen anlockt. Man sollte sich selbst aber nicht zu ernst nehmen. Es mag ein Klischee sein, besonders weil ich eine Amerikanerin bin, die eine französische Attitüde einnimmt. Aber ich laufe fast jeden Tag den Champ de Mars entlang, und alles, was die Leute dort machen, ist Selfies aufnehmen und knutschen. Jeden Tag, überall! Ich mag es, weil es so offensichtlich ist.

Sind Sie in Paris zu Hause?

Für uns Musiker ist es praktischer, im Hotel zu leben. Aber in den letzten Jahren war Paris immer mein Ausgangspunkt. Das neue Album haben wir hier innerhalb von zwei Wochen im August aufgenommen, mit Blick auf den Eiffelturm. Diese Vogelperspektive auf die Stadt war fantastisch. So hoch oben zu sein – das gibt dir das Gefühl, dass deine Probleme weit unter dir liegen. Wie im Flugzeug. Diesen Aufnahmeort in einer Zeit zu haben, in der wir alle drinnen bleiben mussten, war großartig. Er hat uns von dem Gewicht all der Dinge um uns herum befreit.

Seit im Jahr 2008 ihr Debütalbum erschien, liebt die Presse Sie besonders gelobt wird Ihre Stimme. Was bedeutet Sie Ihnen?

In meiner Kindheit war Singen für mich etwas, das man zu Hause macht. Ich hätte nie gedacht, dass man darauf eine Karriere aufbauen kann. Für mich ist Singen etwas, das Emotionen leitet. Ich betrachte mich nicht als besonders gute Sängerin. Ich verfüge über keinerlei Technik. Aber was ich fühle, ist wichtig. Wie eine Schauspielerin kann ich meine Emotionen anzapfen und diese Energie weiterleiten. Ich bin nicht am Schönen und Ausgefeilten interessiert. Ich suche nach Risiken.

Finden Sie die am Klavier?

Songs schreiben ist das Einzige, was für mich Sinn ergibt, das hat etwas Autistisches. Ich kann mich auf etwas konzentrieren, bis es nicht mehr geht. Es ist ein schmaler Grat zwischen »Autist« und »Artist«. Nur ein Buchstabe ist anders. Viele Frauen haben ihre Freundinnen, die sie anrufen, wenn es ihnen schlecht geht, und dann gehen sie einen trinken. Ich dagegen setze mich ans Klavier.

Sie sind seit einem schweren Unfall als Teenager extrem licht- und geräuschempfindlich, waren auf Gehstock und Sonnenbrille angewiesen. Sie haben Ihrem Leben mit einer Musiktherapie neuen Sinn gegeben. Wie war das danach für Sie, auf einer Bühne zu stehen?

Ich musste Musik ganz neu lernen, dabei hat mir ein Instrument sehr geholfen. Das Singen steht nicht im Zentrum, es gehört einfach dazu. Es ist noch immer unangenehm für mich, ohne einen Flügel auf einer Bühne zu stehen und zu singen. Das ist wie ein Schlagzeuger ohne Snare Drum. Es gibt kein Instrument, hinter dem ich mich verstecken könnte. Ich habe mich oft gefragt: Was mache ich hier auf der Bühne?

Wie haben Sie Ihre Unsicherheit überwunden?

Ich habe mir Videos von Jacques Brel angeschaut, wo er richtiggehend ins Mikrofon spuckt. Da fiel mir auf: Es geht nicht um Technik, es geht um die Story. So ist das in Jazz, Oper und Theater: Du präsentierst etwas auf visuelle Art, was eigentlich unsichtbar ist. Was wir in diesen Momenten tun, ist, Menschen dazu zu bringen, das zu glauben, was wir singen. Wir starren nicht auf den Boden und machen hübsche Geräusche. Ich habe hart daran gearbeitet, ohne Gehstock auftreten zu können, um meine Hände benutzen zu können.
Ich hatte das Glück, ein paar Mal mit Juliette Gréco auftreten zu können. Sie hat mir viel gezeigt. Dabei war sie ziemlich still. Aber ihre Hände wurden zu einem Mechanismus, um etwas über die Stimme hinaus zu transportieren. All das gab mir die Sicherheit: Ich kann das auch. Aber ich würde nie einen Catwalk auf und ab springen wie die Rolling Stones. Heute nicht hinfallen! (lacht) Das muss als Ziel reichen.

Was bedeutet der Albumtitel »Entre Eux Deux«?

Es gibt mehrere Interpretationsmöglichkeiten. Auf dem Papier ist es klar, es bedeutet: zwischen den beiden. Diese Platte ist keine große Produktion, sie erscheint zwischen zwei Veröffentlichungen. Und sie ist zwischen zwei Menschen entstanden. Wir sind beide Autoren. Philippe Powell ist nicht nur als Pianist fantastisch, sondern auch als Komponist. Während der Aufnahmen gab es echte Kameradschaft. Keine Egos. Nur die Frage, was einen Song besser macht. Du machst es so lange, bis es funktioniert. Es war nicht einfach, solch intime Kompositionen aufzunehmen. Du kannst dich nicht verstecken, es gab weder Schlagzeugbesen noch Bass. Und du musst die Mikrofone ganz exakt aufbauen.

In »Fleurs du Dimanche« singen Sie: »Je préfère la nuit au jour.« Sie sind also eine Nachteule?

Wir Musiker schlafen ja meist bis mittags. Die Nacht ist die Zeit, in der du dein Selbst außerhalb deines Selbst findest. Es ist ruhig, besonders in der Stadt ist das entscheidend. Das ist die Zeit, in der du denken kannst, niemand braucht dich. Die Nacht verlangt etwas von dir, du bist nicht damit beschäftigt, unnütze Dinge zu sortieren. Du wirst nicht mit Lärm und Terminen bombardiert. Meine Nachbarn denken da sicher anders; ich hab sie so oft wach gehalten während der Aufnahme des Albums. Aber niemand hat sich beschwert – die Platte muss also ganz okay sein.

Ihre zehn neuen Songs klingen wie American Jazz-Standards. Aber tatsächlich haben Sie fast alles selbst komponiert.

Vielen Dank für das Kompliment. Wir brauchen gute Songs. Aber was ist ein guter Song? Eine erinnernswerte Melodie und eine Story, die wir nachempfinden können. Und mit etwas Glück ist es auch noch clever und intelligent. Ich liebe all diese Sängerinnen: Peggy Lee, Sarah Vaughan oder Anita O’Day. Da ist so viel Selbstsicherheit vorhanden und ein immenses Können. Wir hätten deren Songs covern können. Aber was in den 40ern geschrieben wurde, hat einen Jargon, den wir heute nicht mehr benutzen. Ich will etwas singen, an das ich glaube. Deshalb singe ich keine Standards: weil ich nicht verstehe, worum es da geht. Das ist der einzige Grund, aus dem ich Songs schreibe.

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