Paria der Wissenschaft?

Russlands Forschung wird international immer mehr isoliert

Russische Bildungs- und Forschungseinrichtungen sind zunehmend von der Welt abgeschnitten.
Russische Bildungs- und Forschungseinrichtungen sind zunehmend von der Welt abgeschnitten.

Als Russland am 24. Februar die Ukraine überfiel, reagierte die weltweite Wissenschaftsgemeinschaft auf sehr unterschiedliche Weise. In Russland sprachen sich über 4000 Forscher gegen den Krieg aus. Zu den Unterzeichnern des offenen Briefs gehörten auch 65 Mitglieder der Russischen Akademie der Wissenschaften. Gleichzeitig fuhr der Westen die Forschungszusammenarbeit mit Russland zurück. Es kam zu Boykottaufrufen gegen Universitäten und Wissenschaftsverbände sowie westlichen Sanktionen mit Auswirkungen auf den russischen Forschungsbetrieb.

Bereits im März legte das Schweizer Forschungszentrum Cern jeden Austausch von Fachwissen mit Russland auf Eis. Dies betraf sowohl die russische Teilnahme an Kommissionen und Konferenzen als auch den Abschluss von neuen Verträgen. Ein russischer Forscher am Cern bedauerte diese Entscheidung gegenüber dem russischen Exilmedium Meduza. Es sei seiner Meinung nach die Aufgabe der Wissenschaft, Menschen zu vereinen und zum Abbau von Spannungen auf der Welt beizutragen.

Die weltweite Spitzenforschung, die die besten aus jeder Fachdisziplin vereint, ist bereits aus ganz pragmatischen Gründen international aufgestellt. Wegen des von ihrer Regierung entfesselten Krieges sollen Forscher aus Russland nun aus diesem Kreis ausgeschlossen werden. Der Astrophysiker Sergej Popow sieht durch die Sanktionen große Probleme bei der eigenen Grundlagenforschung sowie bei der Beschaffung von Laborausrüstung. Schlussendlich sei ein Verlust der wissenschaftlichen Reputation Russlands die Folge. Junge talentierte Forscher könnten, wie in der späten UdSSR, von westlichen Anbietern abgeworben werden, da eine Arbeit in der Spitzenforschung von Russland aus nicht mehr möglich sei.

Genau dieser Effekt, ein Brain Drain aus Russland als »Rache für die Ukraine«, ist von der westlichen Politik beabsichtigt. Sie nutzt dabei ihre weltweit beherrschende Stellung bei kostenintensiver Forschung. Ein Verlust russischen Know-hows wird dabei in Kauf genommen, auch wenn unter den russischen Kollegen nur wenige den Krieg begeistert unterstützen. Von Forschungsergebnissen profitiert schließlich der kriegerische Putin-Staat. Dieser hat inzwischen den Spitzen der wichtigsten Verbände und Einrichtungen des Landes Solidaritätsbekundungen für den Kriegskurs abgenötigt.

Die russische Politik macht es sich einfach mit der Reaktion auf solche Entwicklungen, nach dem Motto »Dann halt ohne euch«. Die Forschungselite in Moskau denkt jedoch nach wie vor anders. Der Präsident der Russischen Akademie der Wissenschaften, Alexander Sergejew, wandte sich hierzu im Juni zweimal an die Öffentlichkeit. »Auf keinen Fall sollten wir den Parolen von Hitzköpfen folgen, die Beziehungen zu unseren Kollegen in unfreundlichen Ländern abzubrechen. Die Verbindungen zwischen Wissenschaftlern, Laboren und Instituten müssen unbedingt fortgesetzt werden«, sagte er bei der Hauptversammlung der Akademie in Moskau. Wenn man jetzt Brücken einreiße, müsse man sie nach dem Krieg mühsam wieder aufbauen. Einen kompletten Abbruch jeglicher Zusammenarbeit gibt es trotz zahlreicher beendeter Kooperationen noch nicht. Der Rektor des russischen Skolkowo-Instituts für Wissenschaft und Technologien, Alexander Kuleschow, etwa glaubt an das Überleben der persönlichen Beziehungen zwischen Forschern, auch wenn institutionelle Brücken in die Brüche gehen.

Anders als ihre russischen Kollegen äußern sich westliche Forscher kaum zu diesem Thema. Auf eine Gesprächsanfrage des »nd« an Lucian Brujan, Russlandfachmann der Akademie Leopoldina, antwortete die Pressestelle, dass zu diesem Themenkomplex kein Vertreter der Akademie Stellung nehmen wolle.

Es sind vor allem russischstämmige Forscher, die im Westen zur Isolierung ihrer Kollegen in Russland von der internationalen Gemeinschaft Stellung nehmen. So unterstützt der in den USA arbeitende Biologe Jewgeni Kunin zwar die Absage internationaler wissenschaftlicher Konferenzen in Russland, da man der dortigen Regierung nach dem Überfall auf das Nachbarland keine Legitimität verschaffen dürfe. Zugleich spricht er sich gegen Sperren russischer wissenschaftlicher Veröffentlichungen im Ausland aus. »Boykotte als emotionale Reaktion sind nachvollziehbar, haben aber dennoch nichts Gutes«, meint Kunin.

Schlimmer als Wissenschaftler trifft der neue politische Graben Russlands Studenten, da eine Vielzahl an Austauschprogrammen mit westlichen Universitäten inzwischen Geschichte ist. Das ist besonders fatal, da gerade dieser Austausch jungen Russen die Möglichkeit bietet, sich neue Horizonte zu erschließen und den westlichen Blickwinkel nachzuvollziehen. Dass gerade Akademiker mehrheitlich gegen den Krieg in der Ukraine eingestellt sind, zeigt, wie wichtig die internationale Erfahrung für Russlands Forscher ist.

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