Julius der Lügner

Die Person, nicht die Handlung ist hier von Interesse: Der Film »Axiom« handelt von einem, der seinen Mitmenschen permanent etwas vom Pferd erzählt

Warum bloß tut Julius (Moritz Treuenfels) sich diesen Stress an, warum hört er nicht auf, Geschichten zu erzählen?
Warum bloß tut Julius (Moritz Treuenfels) sich diesen Stress an, warum hört er nicht auf, Geschichten zu erzählen?

Irgendwie passt der etwas hochtrabende Titel dieses Films schon wieder zu seinem Geschehen. Es klingt nach Mathematik und Logik, nach Kybernetik oder Systemtheorie und handelt doch bloß von einem, der seinen Mitmenschen permanent was vom Pferd erzählt. Ein Axiom ist eine Behauptung, die ohne Beweisforderung für wahr genommen werden soll. Eine Voraussetzung, die ihrerseits keine Voraussetzungen hat. Daraus folgt nicht, dass sie unwahr sein muss, aber in der beschriebenen Funktion für das ihm Folgende gleicht das Axiom der Lüge. Auch die Lüge ist eine Grundlage, auf der sich ein Konstrukt erhebt. Die Erzählung eines Schwätzers, der von nie erlebten Erlebnissen berichtet, die dann widerspruchsfrei in das Bild passen müssen, das er von sich kreiert.

Aber dieser Film ist weit davon entfernt, seine Hauptfigur der Lächerlichkeit preiszugeben. Das unterscheidet ihn von satirischen Lügendramen wie »Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull« (1957), »Der Dummschwätzer« (1997) oder »Der Informant!« (2009). Auch ins Thrillergenre gleitet er nicht ab, wo aus dem Lügner der Hochstapler wird, wie in »Der talentierte Mr. Ripley« (1999) oder »Cassandras Traum« (2007). Und selbst das durchaus charaktertiefe Drama »Catch Me If You Can« (2002) löst den Lügenkomplex fast vollständig in einer packenden Kriminalhandlung auf, ähnlich wie die Twain-Adaption »Sein größter Bluff« (1954), in der das soziale Experiment im Vordergrund steht und Psychologie so gut wie keine Rolle spielt. Bei »Axiom« haben wir es dagegen mit einer echten Charakterstudie zu tun – die Person, nicht die Handlung ist hier von Interesse.

Julius (Moritz Treuenfels) arbeitet als Aufsicht in einem Kunstmuseum. Bei den Kollegen ist er beliebt, mit Charme und Anteilnahme verwickelt er sie immer wieder in Gespräche und scheint dabei auf ein unerschöpfliches Arsenal von Anekdoten und Beobachtungen zurückzugreifen.

An einem Wochenende lädt er die Kollegen zu einem Törn auf ein luxuriöses Segelboot ein, das seinen adligen und wohlhabenden Eltern gehören soll, von denen er schon oft erzählt hat. Auf dem Weg dorthin ereignen sich scheinbar zufällig mehrere Vorfälle, die schließlich verhindern, dass der Segeltörn stattfindet. Während die Freunde noch rätseln, ist dem Zuschauer zu diesem Zeitpunkt bereits klar, dass Julius ein gespanntes Verhältnis zur Wahrheit hat. Auch in der WG, in der er wohnt, sowie in seiner Familie steckt er wegen seines windigen Auftretens in der Position des Außenseiters. Nach dem gescheiterten Segelwochenende bricht Julius den Kontakt zu seinen Freunden ab und kündigt den Job im Museum. Seiner Freundin Marie (Ricarda Seifried) hatte er ohnehin nie von dieser Arbeit erzählt. Sie hält ihn für einen erfolgreichen Architekten.

Wer Fremdscham nicht gut aushält, ist hier definitiv im falschen Film. »Axiom« weiß den Zuschauer in einer Weise zu stressen, die gerade deswegen so reinhaut, weil sich der Stress subtil heranschleicht, mit unerbittlich langsamem Pacing, die drohende Explosion verzögernd. Man sucht vergeblich nach prätentiösen Kameraeffekten und überhaupt nach Filmmusik, die Wirkung kommt vollständig aus der Sprache, der Gestik und Mimik.

Moritz Treuenfels liefert Großes ab. Wie müde er als Julius wirkt, wie nie entspannt und stets unter Druck, die nächste Lücke mit einer Notlüge stopfen zu müssen, wie seine Augen Traurigkeit verraten, während seine Stimme heiter eine Anekdote ausschmückt. Warum bloß tut er sich diesen Stress an, warum hört er nicht auf, Geschichten zu erzählen, über die er am Ende stolpern muss? Etwas zwingt ihn immer wieder dazu. Aber ist es das Gefühl, nicht genug zu sein, oder tatsächlich die von seinem Blick mitunter angedeutete innere Leere, die ihn dazu treibt, Erlebnisse und Wissen der anderen in sich aufzunehmen und für seine auszugeben? Als Zuschauer, der natürlich mit der Hauptfigur, so seltsam sie auch sein mag, eine Bindung eingeht, stellt man sich diese Frage nicht bloß, man erleidet sie.

Die grandiose Leistung des Hauptdarstellers wäre allerdings in den Wind gespielt, fände sie nicht in einer genau getimten Handlung statt, worin kaum ein Satz überflüssig scheint. Das Timing ist hier deswegen so wichtig, weil keine der beteiligten Figuren offen ausspricht, dass Julius ein Lügner ist. Bis zum Ende steht der Elefant im Raum, immer mal angedeutet oder an einem Nebenschauplatz aufgezogen. Deswegen muss sich der Zuschauer die Wahrheit über diesen Lügner Stück für Stück zusammensetzen, vermittelt durch wirkungsvolle Peripetien.

Genauso akribisch, wie Julius seine Geschichten konstruiert, konstruiert der Film seine Geschichte über Julius. Denn technisch gesehen sind Lüge und Wahrheit so verschieden nicht. Beide müssen hintenraus stimmen – was sie trennt, ist die Prämisse, das Axiom. Es spricht allerdings für diesen Film, dass er weder in die postmoderne Falle tappt, die Wirklichkeit in einer Vielzahl von Sichtweisen zu ertränken, noch in die mysteriöse, wonach der Zuschauer am Ende nicht mehr unterscheiden kann, was nun Wahrheit und was Einbildung war. Solche Mätzchen hätten die Fallhöhe des Helden reduziert und dramaturgische Effekte anstelle von inhaltlichen gesetzt.

So erst sieht man, dass Lügen harte Arbeit ist. Eine falsche Behauptung in die Welt bringen kann jeder. Eine zweite auch. Doch alles, was gesagt wurde, muss später noch stimmen, jede weitere Lüge in die schon mitgeteilten Erzählungen passen. Wie schwierig es ist, willkürlich hinzugefügte Informationen konsistent in ein Ganzes zu integrieren, weiß man ja nicht zuletzt aus der Filmwelt, wo selbst gewiefte Autoren in der Regel daran scheitern, einem bestehenden Franchise schlüssige Prequels oder Spin-offs hinzuzufügen. Beim Lügner kommt dann erschwerend hinzu, dass er sich auch noch merken muss, wem er was erzählt hat. Oder von wem er was gehört hat.

Die Konvergenz von Lüge und Wahrheit kann allerdings auch praktisch verstanden werden: »Fake it till you make it« war nach Aussage des Regisseurs Jöns Jönsson ein Leitgedanke des Films. In dem er zwar wörtlich nicht vorkommt, der ihm aber eine eigene Szene widmet. Julius’ Kollege Erik berichtet, wie er religiös wurde. Lange habe er das Verhalten eines von ihm bewunderten Priesters nachgeahmt, bis die Liturgie zum Glauben führte. »Knie nieder, bewege deine Lippen zum Gebet, und du wirst glauben«, hatte schon Jahrhunderte früher Pascal geschrieben (zumindest, wenn man Louis Althusser Glauben schenkt).

Es spricht für den Film, dass er seinen Helden nicht in die Pfanne haut. So lächerlich ungerade dieser Julius durchs Leben geht, er tut es mit Talent. Auch Geschichtenerzählen will gekonnt sein, auch eine Anekdote, die man gestohlen hat, erst mal so gestaltet werden, dass sie zündet. Hier ist wohl der traurigste Fleck des Ganzen. Während dieser Geschichtenerzähler im alltäglichen Leben bald die Geduld seiner Freunde aufgebraucht hat, würde er in anderen Bereichen gerade für diese Eigenschaft geliebt. Was ist ein Schauspieler, was ein Storyteller denn anderes als ein Lügner, dem man nicht böse ist?

»Axiom«: Deutschland 2022. Regie und Buch: Jöns Jönsson. Mit: Moritz Treuenfels, Ricarda Seifried, Thomas Schubert. 112 Minuten. Jetzt im Kino.

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