Wie auf Erden, so im Kosmos

Der Krieg um die Ukraine befördert neue globale Machtkämpfe, bei denen auch Elon Musks Starlink-System eine Rolle spielt

Trügerische Idylle: Die Firma SpaceX schickt nicht nur Tausende kleine Flugkörper in den Orbit, um die Menschheit mit Internet zu versorgen. Sie entwickelt auch militärische Satelliten für die US-Armee.
Trügerische Idylle: Die Firma SpaceX schickt nicht nur Tausende kleine Flugkörper in den Orbit, um die Menschheit mit Internet zu versorgen. Sie entwickelt auch militärische Satelliten für die US-Armee.

Mehr als vier Monate dauert Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine. Noch immer lassen sich keine diplomatischen Breschen in die blutigen Frontlinien schlagen. Russland folgt entschlossener denn je dem imperialen Größenwahn seiner im Kreml verschanzten Verführer, und die Ukraine wird vom Westen mit Nachschub versorgt, der Leid und Sterben verlängert. Vor allem schwere Waffen fordert man in Kiew. Die jedoch sind nur altes Eisen, ohne die kleinen Massenprodukte, die ein Mann in kosmische Umlaufbahnen bringt, der auf Erden von manchen fast heiliggesprochen wird, weil er mit seinen Elektroautos unsere Umwelt angeblich vor dem Untergang rettet.

Elon Musk, geboren 1971 in Pretoria, Inhaber der südafrikanischen, der kanadischen und der US-Staatsbürgerschaft. Reinvermögen: über 200 Milliarden US-Dollar. Er besitzt neben der Autofirma Tesla diverse andere einträchtige Unternehmen. Mit seiner Firma SpaceX machte er sich nicht nur unentbehrlich bei der Versorgung der Internationalen Raumstation ISS. Parallel dazu bereitet er die Besiedlung des Planeten Mars vor.

Wie erdgebunden der Visionär dennoch ist, beweisen seine dreisten Bemühungen, den Nachrichtendienst Twitter zu übernehmen. Dabei geht es ihm nicht um naheliegenden Profit, sondern um Einfluss auf die Weltgemeinschaft. Wer immer Twitter lenkt, hat mehr Einfluss als die Präsidenten aller Super- und Mittelmächte zusammen. Zumal dann, wenn er auch über die notwendige Hardware verfügt, mit der er das Manipulationssystem sowie andere alltägliche Internetdienste betreiben kann.

Stichwort Starlink: Mitte Mai beförderte die Musk-Firma SpaceX per konzerneigener Trägerrakete mal eben so 53 kleine Satelliten in den Orbit. Es war der dritte derartige Start innerhalb von fünf Tagen und der 21. in diesem Jahr. Die Flugkörper bilden ein Netzwerk. Bis Ende 2021 zählte man bereits rund 1800. Das ist nur ein Anfang. Musk hat die Genehmigung für 12 000 Starlink-Raumflugkörper, weitere 30 000 sind beantragt. Nur um die Zahlen in eine fassbare Relation zu bringen: Laut einer Zählung der Union of Concerned Scientists, einer US-amerikanischen Wissenschaftlervereinigung, die sich für Abrüstung und Umweltschutz einsetzt, umkreisen uns derzeit insgesamt rund 2060 künstliche Erdtrabanten.

Was will Musk erreichen? Billiges, extrem schnelles und allerorts verfügbares Internet für alle, sagt er. Lichtleiterkabel war gestern. Die Nutzung seines kosmischen Systems ist extrem einfach: Man schließt ein Empfangsgerät an, die Antenne richtet sich eigenständig aus. Schon kann es losgehen … Und was hat das mit der Ukraine und dem dort tobenden Krieg zu tun?

Am 26. Februar wandte sich der ukrainische Vizepremier Mykhailo Fedorov an den Starlink-Chef. Beschwerdeführend. Während Russland die Ukraine zu unterwerfen versuche, träume Musk vom Mars, twitterte der Regierungsmensch und bat Elon Musk – nein, nicht um schwere Waffen, sondern um Starlink-Bodenstationen. Die Antwort folgte nach nicht einmal einer halben Stunde; zwei Tage später trafen die ersten Geräte in der Ukraine ein.

Inzwischen soll es in der Ukraine über 10 000 dieser kleinen Terminals geben. Fast 4000 lieferte SpaceX, 1300 weitere kamen als Hilfslieferungen der Entwicklungshilfebehörde USAID ins Land. Anfang Mai teilte Fedorov mit, dass Starlink in der Ukraine täglich 150 000 User habe. Abermals zur Einordnung: Im März erst hatte Musk mitgeteilt, dass sein kosmisches Kommunikationssystem 250 000 zahlende Abonnenten zähle.

Fedorov lobte Starlink als »entscheidende Unterstützung für die Infrastruktur der Ukraine und für die Wiederherstellung der zerstörten Gebiete«. Dass das System unentbehrlich für Einsatz der ukrainischen Artillerie und diverser Drohnen ist, sagte er nicht.

Grundsätzlich verfügen die russischen wie die ukrainischen Einheiten über die gleiche Artillerietechnik. Sie stammt aus Sowjetzeiten und basiert zumeist auf dem Einsatz von Bodenradar, das Zieldaten liefert. Sie sind relativ ungenau, weshalb die massiert aufgestellten russischen Batterien meist große Gebiete über einen relativ langen Zeitraum unter Feuer nehmen – was viele Kollateralschäden und zivile Opfer fordert.

Die ukrainische Armee dagegen stellt – um die Verluste bei Gegenfeuer zu minimierten – ihre Batterien dezentral auf, fasst deren Feuer aber dennoch zusammen. Dazu kombiniert man eigene Software-Systeme mit Starlink-Kommunikation. Russland versucht, das System zu hacken, doch Starlink konnte »allen Hacking- und Störungsversuchen widerstehen«, behauptet Elon Musk. Militärexperten sind sich einig, dass die ukrainische Artillerie, die durch moderne westliche Systeme verstärkt wird, über ein effektiveres Command-and-Control-System verfügt als das US-Militär.

Der Krieg in der Ukraine wird – so wie zuvor der in Syrien – von Rüstungs- und Militärexperten in zahlreichen Ländern beobachtet und analysiert. Auch China zieht seine Schlussfolgerungen. Dort begegnet man dem Starlink-System von Anfang an mit großem Misstrauen. Schon weil die Pekinger Meister der Zensur nicht beglückt sind von der Möglichkeit eines unkontrollierbaren Internetzugangs für ihre Untertanen. Die Kritik an Starlink formuliert man freilich anders. Es wird – zu Recht – darauf verwiesen, dass Musks Satelliten durch ihren niedrigen Orbit eine nur sehr kurze Funktionsdauer besitzen. Um das Netz dennoch funktionsfähig zu halten, müssen ständig neue Flugkörper ins All geschossen werden. Das ist alles andere als nachhaltig und kann andere Raumfahrtaktivitäten massiv behindern.

Es ist, so heißt es auch jenseits der chinesischen Grenzen, damit zu rechnen, dass Starlink in seiner vollen Ausprägung für über 90 Prozent aller »Near Misses« – das sind Beinahe-Zusammenstöße im All – verantwortlich sein dürfte. Bereits im vergangenen Dezember protestierte China bei den Vereinten Nationen gegen solche gefährlichen Annäherungen. Man bat den Generalsekretär um Weitergabe der Informationen an alle Unterzeichner des in den 60er Jahren geschlossenen Weltraumabkommens, laut dem »die Vertragsstaaten die internationale Verantwortung für nationale Aktivitäten im Weltraum tragen, unabhängig davon, ob diese Aktivitäten von staatlichen Stellen oder von nicht staatlichen Einrichtungen durchgeführt werden«.

Hintergrund des Protestes: Die Chinesische Raumstation (CSS) musste 2021 zweimal ihre Umlaufbahn ändern, weil ihr Starlink-Satelliten zu nah kamen. Das dem Pentagon unterstehende United States Space Command, so teilte Washington der Uno mit, habe seinerseits »keine signifikante Wahrscheinlichkeit einer Kollision« gesehen.

Washington stellt sich vor Musk. Die Gründe sind nach Durchsicht einiger geheimer Papiere nachvollziehbar. Bereits 2019 und 2021 erhielt SpaceX Mittel von der US Air Force, um zu testen, wie man den Einsatz von Kampfjets mit Starlink-Hilfe koordinieren kann. 2020 unterzeichnete die US Army eine Vereinbarung mit SpaceX über die Nutzung des Starlink-Breitbandnetzes zur Übertragung von Gefechtsfelddaten. Im selben Jahr erhielt SpaceX einen 150-Millionen-Dollar-Vertrag zur Entwicklung militärischer Satelliten, die die globale Kampffähigkeit der US-Truppen verbessern. Die Ukraine ist ein ideales Testfeld.

Bereits 2017 hat China im liechtensteinischen Vaduz einen Briefkasten aufgehängt. Trion Space AG steht daran. Die Firma will mit Hilfe von europäischen Fachleuten ein Satellitensystem entwickeln, das Starlink ähnelt. Zugleich jedoch verfolgt man in China Strategien, um das von Musk installierte Netzwerk notfalls zerstören zu können, denn: Es bedrohe nicht nur Pekings Raumstation, sondern die Sicherheit der gesamten Volksrepublik. Das behaupten Experten des Pekinger Instituts für Telekommunikation, einer Forschungseinrichtung der Volksbefreiungsarmee. Zwar ist ein entsprechender Artikel bereits wieder aus dem Internet verschwunden, der Auftrag, geeignete Methoden zu entwickeln, wurde aber gewiss nicht gelöscht.

Bereits im ersten Kalten Krieg gab es in den USA und der Sowjetunion Anti-Satelliten-Waffen. Das war, verglichen mit den heutigen Möglichkeiten, »Kinderspielzeug«. Damals hätte man feindliche Satelliten mit elektromagnetischen Impulswaffen lahmgelegt – und damit die eigenen sowie irdische Infrastrukturen zerstört. Auch Abwehrraketen sind keine Lösung, denn der so erzeugte Weltraumschrott würde die wichtigsten Umlaufbahnen blockieren. So staunte die Fachwelt nicht schlecht, als China Anfang des Jahres einen Weltraumroboter einsetzte, um einen Testsatelliten abzufangen und in Richtung Omega-Nebel oder zu einer anderen Galaxie zu lenken.

Es mag sein, dass die einstige Weltraummacht Russland nicht gegen das US-Starlink-System ankommt. China jedoch steht erst am Beginn seines orbitalen Aufstiegs. Washington täte gut daran, Pekings Potenzen nicht zu unterschätzen. In China leben viermal so viele Menschen wie in den USA. Wenn das chinesische Pro-Kopf-Einkommen nur halb so groß ist wie das in den USA, dann wird Chinas Bruttoinlandsprodukt trotzdem doppelt so hoch sein wie das der USA.

Auch wenn die Meldungen aus der Ukraine zumeist von der Verteidigung oder Einnahme hierzulande kaum bekannter Ortschaften berichten, der Kampf um eine neue Weltordnung hat auch im Osten Europas begonnen.

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