Teppichschlangen im Varieté

Von Voo Doo verzaubert? Eine Biografie zeichnet Leben und Werk des transvestitischen Bühnenkünstlers Willy Pape nach

"Sie ist nämlich ein – junger Herr": Willy Pape alias Voo Doo, etwa 1912
"Sie ist nämlich ein – junger Herr": Willy Pape alias Voo Doo, etwa 1912

»Hinter Voo-Doo muss man ein großes Fragezeichen setzen«, war im »Frankfurter General-Anzeiger« zu lesen. Sinnlich und erotisch bewegte sich die Schlangentänzerin auf den europäischen Bühnen, verzauberte viele Hetero-Männer, die ihr Blumen und Geschenke schickten. Häufig blieb offen, dass sich hinter dem orientalistischen Kitsch der Tänzer Willy Pape verbarg.

Voo Doo – ein Star der Varietés in den 20er Jahren – hinterlässt damals wie heute viele Fragezeichen. Nur bruchstückhaft lässt sich die Karriere anhand von Zeitungsartikeln und Memoiren nachzeichnen. In »You have never seen a dancer like Voo Doo. Das unglaubliche Leben des Willy Pape« rekonstruiert der Historiker Jens Dobler den Werdegang der fast vergessenen Größe. Der chronologische Band, erschienen im Verlag für Berlin-Brandenburg, dokumentiert von den 1910er bis 30er Jahren Aufstieg und Ende des öffentlichen Wirkens mit vielen Zitaten und Bildern.

Dobler, der von 2010 bis 2015 das Archiv und die Bibliothek des Schwulen Museums in Berlin leitete, beginnt seine Erzählung mit einem Selbstmordversuch. Unter dem Namen Selma Brügge mietete der 18-jährige Pape ein Zimmer, um sich dort die Pulsadern aufzuschneiden. Die »Norddeutsche Allgemeine Zeitung« brachte den Selbstmord mit »perversen Neigungen des jungen Mannes in Verbindung«. Es sollte nicht das letzte unangemessene Urteil der bürgerlichen Presse über den Transvestiten bleiben, obwohl damals unter anderem die Forschung Magnus Hirschfelds schon zur Entstigmatisierung von Crossdressing und Transvestismus beitrug.

Der Arzt besuchte Pape 1909 am Krankenbett und berichtet vom Gespräch in seinem Text »Der Transvestit«: »Seit früher Jugend hätte er an weiblicher Kleidung großen Gefallen gefunden. […] Sehr unangenehm sei es ihm gewesen, als er merkte, dass sein Schnurrbart zu wachsen begann«, heißt es dort. Später diagnostizierte Hirschfeld bei Pape eine »transvestitische Persönlichkeit«, wodurch es ihm erlaubt war, Frauenkleider zu tragen.

Schon früh träumte Pape davon, gegen den Wunsch seiner Eltern, »Damenkomiker« zu werden. Nach seinem Selbstmordversuch begann er seine Bühnenkarriere in München, wo er für ein Dreivierteljahr für Kost und Logis bei Josef Benz arbeitete. Vom Beginn seiner Auftritte im Dezember 1910 bis zum Mai 1911 lässt sich nicht sicher rekonstruieren, wie Papes erste Bühnenversuche aussahen. Womöglich trat er als Transformationstänzer auf, vermutet Jens Dobler. Diese Tanzform »war nicht unbedingt Travestie, sondern eher eine seriöse Form des Striptease: Man verwandelte sich auf der Bühne in eine andere Figur, indem man sich aus- und etwas anderes anzog.« Hier beginnt die lange glamouröse Spur der Schlangentänzerin Voo Doo, die im »Münchner Stadtanzeiger« als »seltenes Amüsement« angepriesen wurde, das in seiner »schauerlichen Schönheit« wohl kaum seinesgleichen finde. Gastspiele in Frankfurt am Main, Wien und beim Zirkus A. Schumann in Berlin, an dem auch Max Reinhardt inszenierte, bis er das Haus 1918 übernahm, folgten in den Jahren darauf.

Die Nummer, bei der Voo Doo mit einer Schlange tanzt und der geschwungenen Bewegung des Tieres folgend die Arme bewegt – Voo Doo kann »ihre Haut auf den Armen scheinbar in Wellenbewegungen« versetzen, berichtet ein Kritiker über die Pariser Nummer »La Danseuse au Serpent« –, endete häufig damit, dass sich Pape als Mann outete. Ein Teil der Presse fand dieses Spiel reizvoll und gestand die Anziehung zur weiblich performenden Tänzerin, ein anderer lehnte sie wegen der Täuschung ab. Wohlwollend beschreibt »Die Fackel«: »Sie ist nämlich ein – junger Herr. Ganz reizendes Bürschchen, dem die eleganten Frauenkleider entzückend stehen.«

Voo Doos Schlangentänze griffen orientalistische Klischees auf, sie wurden als »exotisch«, »orientalisch-schwül« und voller fremdländischer Reize beschrieben. Vorbilder könnten die kanadisch-amerikanische Tänzerin Maud Allan und Mabel May-Yong gewesen sein, vermutet der Autor, die ebenfalls ein exotisch-erotisches Bild auf der Bühne präsentierten.

Leider fehlt eine kontextuelle Einordnung, die die Verbindung aus Rassismus, Exotismus und Erotik auf den Varieté-Bühnen der deutschen Kolonialzeit genauer unter die Lupe nimmt. Die sehr lineare Rekonstruktion lässt wenig Raum für die gesellschaftliche Einbettung in der vergangenen Gegenwart und die Reflexion der Position des Historikers. Dadurch kommt auch die Diskussion zu kurz, was der Begriff Transvestismus in der Weimarer Republik in Abgrenzung zu Transgender und Travestie umfasste, denn Pape beschränkte seine Performance nicht auf die Bühne. Auch privat lebte die Tänzerin zeitweise als Frau.

Vieles aus dem Leben, womöglich auch das Selbstverständnis des Künstlers, wird verschüttet bleiben, denn die Quellen- und Forschungslage im Bereich Varieté, Tingeltangel und Zirkus ist dürftig. Obwohl Voo Doo in ihrer Zeit eine Größe darstellte, wurden Quellen und Zeugnisse nicht systematisch gesammelt, da es sich um eine frivole Kunstform handelte. Dieses Stigma schütteln diese Künste allmählich ab. Erst langsam werden sie Gegenstand tiefergehender Untersuchungen, wozu diese Biografie ihren Beitrag leistet.

Jens Dobler: You have never seen a dancer like Voo Doo. Das unglaubliche Leben des Willy Pape. Verlag für Berlin-Brandenburg, 160 S., geb. 25 €.

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