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Heckenschütze mit Ankündigung

Ermittler suchen Tatmotiv nach Bluttat bei US-Feiertagsparade

  • Von Anjana Shrivastava
  • Lesedauer: 5 Min.
Leere Stühle und eine Decke mit US-amerikanischer Flagge liegen auf dem Boden, nachdem der Heckenschütze zugeschlagen hat.
Leere Stühle und eine Decke mit US-amerikanischer Flagge liegen auf dem Boden, nachdem der Heckenschütze zugeschlagen hat.

Wenig weiß man über den mutmaßlichen Heckenschützen des 4. Juli; was man weiß, überrascht sehr wenig. Der 22-jährige Robert E. Crimo III postete im Vorfeld Bilder im Netz wie aus einem Amateurhorrorfilm und brüstete sich seiner bevorstehenden Taten. Er schoss, gut versteckt, vom Dach eines Gebäudes in die feiernde Menge an der Paradestrecke, tötete sechs Menschen und verletzte weitere 30. Die Vorbilder solcher jungen Schützen, Dylan Klebold und Eric Harris, die Mörder von Columbine im Jahr 1995, schockten auch damals mit ihrer Vorliebe für düstere Popkultur, eh sie zur Tat schritten. In Columbine brachten sich die Täter um, Crimo versuchte zu fliehen und ließ sich dann acht Stunden später einfach verhaften.

In Highland Park brachen die Schüsse aus dem Sturmgewehr des Täters, wie die der Vorbilder in Colorado, in eine veritable US-amerikanische Idylle ein. Highland Park ist eine bevorzugte Wohngegend am Ufer des Michigansees, die Kulisse für die Komödie »Ferris macht blau« von 1986. Schießereien kannte man dort bislang nicht. Die Rituale des 4. Juli erhöhten das Idyllsche: Die Paraden und das einfache Essen erinnern an die frühen Zeiten der Nation, an das Jubiläum der nationalen Unabhängigkeit, die die US-Amerikaner, nicht weniger als die Franzosen die Revolution von 1789, als Neuanfang und Emanzipation letzten Endes für die ganze Menschheit begreifen. Es gibt seit dem 18. Jahrhundert an diesem Tag stets Paraden, Marschkapellen, kleine landwirtschaftliche Wettbewerbe – wer hat das beste Kalb, den größten Kürbis? Familien feiern sommerliche Picknicks, weil das US-amerikanische Wetter im Juli meist schön ist. Der US-amerikanische Traum, das war einmal, einen eigenen Bauernhof zu haben. Heute ist es, das eigene Haus zu haben. Am 4. Juli, in Highland Park kamen diese beiden Träume kurz zusammen.

Aber Highland Park und Illinois sind nicht repräsentativ für die gesamte USA, dort sind die Städte groß und die Waffengesetze möglichst streng. In den Nachbarschaftsstaaten wie Wisconsin gibt es noch das tiefe Land, wo Waffen leicht zu kaufen sind. Dort sehen sich Menschen meistens als Teil einer älteren Tradition, derzufolge jeder Mensch in der Natur souverän das eigene Gesetz darstellt, als Jäger oder Verteidiger seiner Welt. Massenschießereien ereignen sich eher selten auf dem Lande, aber der Geist der Waffen, der Geist der Republikanischen Partei, die Sonderregelungen in Washington, die die politische Repräsentation der ländlichen Regionen stark schützen, das kommt alles stark aus der agrarischen Vergangenheit.

Bäuerliche Gemeinschaften der USA hatten historisch gesehen den Staat kaum nötig. Der Staat, das war vielleicht der Lehrer oder die Lehrerin, die von außerhalb kam und allen im Schulhaus ein bisschen Grammatik, Rechnen und Moral beibrachte. Ein Junge wie Robert Crimo wäre in der typischen Dorfgemeinschaft früh aufgefallen und hart diszipliniert worden. Anonymität und Land, das passt nicht zusammen. Man mag sie nicht gutheißen, aber bäuerliche Gemeinschaften funktionierten. Heute versuchen dieselben rechten Kräfte, auch die Anonymität der Schwangeren mit neuen Gesetzen zu brechen.

Robert Crimo wuchs nicht auf dem Land auf. Da war niemand, der ihn ins Zwangskostüm der bäuerlichen Konventionen geprügelt hätte. Aber er wurde in Highland Park offenbar auch sonst nicht betreut, zumindest nicht adäquat. In die Lücke der verschwundenen bäuerlichen Gemeinschaft in den USA springt bis heute nicht der Staat ein. Der Staat bleibt, wie die Lehrerin im Westen, wie Biden in Washington, eine mahnende, oft empörte Randfigur, deren Rolle immer zutiefst kontrovers ist, sobald sie etwas bestimmen will. Menschen wie Robert Crimo, Dylan Klebold und Eric Harris lebten vorstädtisch anonym, der erste als »Youtube-Rapper« nach Auskunft eines Onkels mit schrägen Beiträgen im Netz, die beiden Mörder von Columbine in ihren obermittelschichtigen Kinderzimmern und mit betuchten Eltern, die zu feinsinnig waren, um diese Zimmer zu sehr zu begutachten. Sie waren zu diskret, um herauszufinden, dass die Kinderzimmer längst Waffendepots waren. Denn die städtische Zivilisation ist eben diskret.

Ein System öffentlicher Kitas oder Horte existierte für Crimo kaum. Als er aufwuchs, wurden die öffentlichen Schulen immer schlechter; immer mehr Eltern nahmen (und nehmen) ihre Kinder aus den Schulen, bis hin zu Homeschooling – was es nicht einmal damals auf dem Lande gab. Hat ein psychisch labiler Jugendlicher die Schulzeit hinter sich, findet er nur schwer adäquate medizinische Betreuung, denn es gibt seit Reagans Präsidentschaft immer weniger psychiatrische Betten. Auch unter Obama setzte sich die Entwicklung fort. Solche Betten sind einerseits nicht profitabel und andererseits erzwingt sie der US-amerikanische Staat nicht. Etliche Gewalttäter in der New Yorker U-Bahn in den letzten Monaten hätten ein solches Bett arg gebraucht: Für einige war es sogar das Ziel, durch die Gewalt endlich Betreuung zu erhalten.

Die USA sind eine zu 80 Prozent städtische oder vorstädtische Gesellschaft, im Jahr 1950 waren sie es nur zu 60 Prozent, 1900 nur zu 30 Prozent. Aber die USA lebt heute noch teilweise unter ländlichen Regeln und Träumen. Das funktioniert aber nicht mehr. Die Toten werden immer mehr zu Menschenopfern eines unhaltbaren Zustands.

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