Zeitenwende in Schwarz-Weiß

Das Berliner Haus am Kleistpark zeigt eine Retrospektive des Fotografen Hansgert Lambers

Zugleich Zeitdiagnose und ironischer Kommentar: eine Fotografie Lambers' von 1981
Zugleich Zeitdiagnose und ironischer Kommentar: eine Fotografie Lambers' von 1981

Derzeit genießt der Begriff »Zeitenwende« im politischen Diskurs einen hohen Stellenwert und wird leider dabei auch schamlos missbraucht. In der Geschichtswissenschaft werden damit – im Gegensatz zur derzeitigen populären Verwendung – historische Umbrüche bezeichnet, die erst später als solche erkannt werden. Einen solchen Umbruch zeigt das fotografische Werk des 1937 in Hannover geborenen Hansgert Lambers.
Sieben Jahrzehnte lang fotografierte Lambers Städte und Menschen in Schwarz-Weiß. Nun widmet das Berliner Haus am Kleistpark seinem bisher noch zu wenig gewürdigten Œuvre eine umfassende Retrospektive. Die Ausstellung hebt einen Bilderschatz ans Licht, der bisher nur einem kleinen Kreis von Fachleuten und Fotografiekennern bekannt gewesen sein dürfte.

Zumal Lambers kein ausgebildeter Künstler ist. In seinem Hauptberuf als Diplomingenieur war er ab 1965 jahrzehntelang als Systemberater für das IT-Unternehmen IBM tätig. Allein sechs Jahre arbeitete er im Auftrag der US-amerikanischen Computerfirma in Osteuropa. Die Fotografie jedoch war und ist bis heute die große Leidenschaft seines Lebens. Bereits 1951 begann Lambers im Alter von 14 Jahren in Schwarz-Weiß zu fotografieren. 1956 begann er, fast ausschließlich eine Kamera der Marke Leica bei seinen fotografischen Streifzügen zu verwenden. 1986 gründete Lambers in seiner Wahlheimatstadt Berlin den auf zeitgenössische osteuropäische Autorenfotografie spezialisierten Ex-Pose-Verlag. Als Verleger machte er sich unter anderem mit dem Buch »DDR-Frauen fotografieren« einen Namen, das er 1991 gemeinsam mit der Kulturwissenschaftlerin Gabriele Muschter herausbrachte.

Die Ausstellung in der Schöneberger Kommunalgalerie besteht vor allem aus mittelgroßen Abzügen von Stadt- und Straßenfotos, es gibt jedoch auch Blickfänger in Plakatgröße, so zum Beispiel das Motiv der Einladungskarte »West-Berlin, Kreuzberg, Friedrichstraße«. Die Aufnahme aus dem Jahr 1975 zeigt vier Kinder mit Holzschlitten im winterlichen Spiel auf einer leeren Stadtbrache vor tristen Brandmauern. Eine Momentaufnahme des Alltags in der geteilten Stadt, die zu jenem Zeitpunkt noch immer von Spuren des Kriegs gezeichnet war – und dem trotzig das Spiel der Kinder entgegensteht. Ergänzt werden diese thematisch und nicht chronologisch gruppierten Straßenszenen durch Porträts und einen eigens für die Ausstellung produzierten sehenswerten Kurzfilm, in dem Lambers selbst ausführlich zu Wort kommt.

Besuchern der Ausstellung offenbart sich in fast jeder Fotografie eine Welt im Kleinen – festgehaltene Augenblicke des Alltags, die aber über diesen hinaus auf die geschichtliche Konstellation verweisen. Man glaubt den Aufnahmen das Zufällige. Den fixierten Besonderheiten im Alltäglichen ist eine überzeitliche Wahrhaftigkeit inne, oft mit einem Augenzwinkern transportiert. So zum Beispiel bei einer im April 1981 in Schwerin entstandenen Fotografie. Sie zeigt einen Mann im Anzug, der (links im Bild) am Eingang eines Geschäfts für Herrenausstattung steht und sich nahtlos in die ebenfalls Anzüge tragenden Schaufensterpuppen (rechts) einordnet. Auf den ersten Blick sind Mensch und Puppen kaum voneinander zu unterscheiden.

Die erzählerische Qualität und Dichte seiner Bilder rückt Lambers für Kurator Matthias Reichelt in eine Reihe mit in dieser Hinsicht herausragenden Straßenfotografen wie Henri Cartier-Bresson und Vivian Meier. Viele von Lambers’ Aufnahmen wirken wie Filmszenen, aus denen sich manchmal im Wispern leiser Töne, manchmal wie ein lauter Ausruf eine Erzählung, eine Geschichte zu spinnen beginnt. Der Lesart der Betrachtenden entsprechend wird diese aber immer anders ausfallen. Die Ausstellungsbesucher schlüpfen in die Rolle des Fotografen als (zufälliger) Beobachter verschiedenster Augenblicke und Situationen, die dieser bei Streifzügen durch Barcelona, das damals noch geteilte Berlin, durch London, Paris, Prag und Ostrava erlebte und fotografisch festhielt. Nicht nur der Kleidungsstil oder die Frisuren, sondern auch die wechselnden städtischen Kulissen, die Lambers dabei ebenfalls dokumentierte, dürften heute weitgehend verschwunden sein. Eben aus dieser Diskrepanz – der Abbilder von damals im Vergleich mit unseren heutigen Bildern – entfaltet sich das Erleben einer Zeitenwende in Form von gesellschaftlichen Umbrüchen.

»Hansgert Lambers – Verweilter Augenblick«, bis zum 7. August, Haus am Kleistpark, Berlin; eine Monografie zur Ausstellung erscheint im Fotohof-Verlag.

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