Der Raum als Camera obscura

Das Künstlerinnenkollektiv Endmoräne bespielt das verlassene Gebäude des Alten Kinos in Frankfurt (Oder)

  • Von Matthias Reichelt
  • Lesedauer: 5 Min.
Die Worte »The End« sind hervorgehoben: Das Kinogebäude wird bald zum Kunstmuseum.
Die Worte »The End« sind hervorgehoben: Das Kinogebäude wird bald zum Kunstmuseum.

Das Sterben der Kinos, das mit der Digitalisierung und der Entwicklung von Streaming-Portalen einhergeht, ist ein trauriges Phänomen. In der DDR gab es in vielen Städten luxuriöse große Filmpaläste, so auch inmitten von Frankfurt (Oder). Seit vielen Jahren ist das Lichtspieltheater der Jugend (auch Altes Kino genannt) dem Verfall preisgegeben, hat aber nun in anderer Funktion wieder eine Zukunft, doch davon später.

Bereits jetzt ist das Gebäude von dem umtriebigen und traditionsreichen Künstlerinnenverein Endmoräne für die kommenden Wochenenden wieder zum Leben erweckt worden. Seit 1991 organisiert Endmoräne jedes Jahr eine Sommerwerkstatt mit anschließender Ausstellung an einem sorgfältig ausgewählten brachliegenden Ort in Brandenburg. 2020 konnte das coronabedingt nur als virtueller Auftritt realisiert werden.

2021 wurde eine Spanplattenfabrik in Beeskow bespielt. Dieses Jahr locken die Künstlerinnen wieder einmal, wie bereits 2003 und 2015, nach Frankfurt (Oder) und haben nun das architektonische Juwel von kulturhistorischer Bedeutung aus dem Schlaf des Verfalls gerissen. Vor dem Eintritt in das heruntergekommene Gebäude müssen die Besucher schriftlich versichern, dass sie das Betreten auf eigene Gefahr wagen.

Wie immer nimmt das Kollektiv mit seinem Ausstellungstitel deutlichen Bezug auf den Kontext des Orts. Diesmal lautet der sowohl auf die Geschichte des Gebäudes wie auch auf das Material der Ausstellung münzbare Titel »Filmriss«. Passend nutzen die Künstlerinnen einen Terminus, der eine Zäsur, einen Moment der Zerstörung, des erzwungenen Innehaltens und der notwendigen Reparatur gleichermaßen insinuiert. Die ältere vordigitale Generation kennt das Bild des im Projektor festgeklemmten Films, der aufgrund der starken Hitze zu schmoren beginnt und das projizierte Bild nicht nur erstarren, sondern verbrennen und verschwinden lässt.

Am deutlichsten nimmt die Arbeit von Gisela Genthner im Heizungsraum das Bild des Filmrisses auf. Von einer erhöhten Plattform schauen die Besucher in den tiefer liegenden Raum und auf ein Netzwerk von Kabeln und Lichtquellen, auf einen Diaprojektor und ein sich drehendes Prisma. Während der mechanische Ton der analogen Technik an die verschwundene Ära erinnert, werden Bilder auf eine Wand projiziert, die kurz nach dem Aufscheinen schon wieder durch ein anderes Licht überblendet werden und verschwinden. Ein vielschichtiger Vorgang, der Gedächtnis und Erinnern ebenso berührt wie die Flüchtigkeit des Kinos, das kurze Erlösung von der eigenen Wirklichkeit durch Abtauchen in eine andere Geschichte ermöglicht.

Bereits im Foyer empfängt eine Intervention von Michaela Nasoetion die Besucher*innen, die zur Selbstdarstellung animiert und visuell an den roten Teppich zur Inszenierung von Filmstars erinnert. Vor einer eigens von Nasoetion präparierten und stark reflektierenden Wand können sich die Besucher*innen mit Blitz fotografieren lassen. Es entstehen Schattenbilder, die Körper und Gestik der Extremitäten betonen, aber Kleidung und Gesichter im Schwarz der Schattenfigur löschen. Früher waren solche Schattenrisse Tradition, um die Silhouette von Personen zu verewigen. Zu viel an Licht lässt Details verschwinden, dennoch ist ohne Licht kein Kino zu machen.

Susanne Ahner erinnert an die einfachste Form des Kinos mit bewegten Bildern in einem kleinen dunklen Raum. Auf Kinositzen ist das Spiel aus Licht und Schatten der Bäume als Projektion auf einer Wand zu beobachten. Kleine Löcher und Risse in der Außenwand fungieren als Linse und lassen den Raum zu einer Camera obscura werden.

Patricia Pisanis vertrackte Videoprojektion in einem mit Säulen ausgestatteten Raum irritiert und lässt die Frage aufkommen, ob hier das Publikum, stillschweigend und nichts ahnend mit versteckter Kamera gefilmt, zu sehen ist oder ob es sich bei dieser Vorstellung um eine Chimäre handelt. Dem Titel »Glaube nicht alles, was du denkst« wird die Arbeit mehr als gerecht, denn Kino ist schließlich immer auch ein Spiel mit Illusionen.

Die Ausstellungen von Endmoräne erschöpfen sich nie nur in poetischen Bildern und Werken mit kulturgeschichtlichen Reflexionen, sondern nehmen immer auch Bezug auf gesellschaftlich relevante Themen. So veranlasste der russische Krieg gegen die Ukraine Erika Stürmer-Alex, die das Kollektiv mitgründete, sich in den zwei hinteren Ecken des großen Kinosaals in plastischen Installationen mit Tod, Vernichtung und Auslöschung von Kultur auseinanderzusetzen.

Annette Munks bereits drei Jahre alte Arbeit, eine Foto-Text-Kombination, als Video adaptiert und auf einem kleinen LCD-Monitor wiedergegeben, erhält vor dem Hintergrund des aktuellen Zeitgeschehens eine neue Brisanz. 2019 inszenierte Munk am idyllischen Stienitzsee mit Miniaturspielzeug ein »Krisengebiet« und stellte den Fotografien von den in der Landschaft drapierten Plastikwaffen und Lego-Figuren Auszüge aus den Original-Werbetexten der Spielzeughersteller gegenüber.

Die aus Japan stammende Künstlerin Masko Iso ist schon seit vielen Jahren Mitglied des Künstlerinnenkollektivs und diesmal mit zwei animierten Videos, basierend auf ihrer Aquarellmalerei, vertreten. Ihre farbgetuschte Bilderzählung »Warum der Affe einen kurzen Schwanz hat« evoziert auf den ersten Blick Erinnerungen an den Zeichentrickfilm »Das Dschungelbuch«, folgt aber einem alten japanischen Märchen.

Beim Eröffnungsakt mit der Schirmherrin und Kulturministerin Brandenburgs, Dr. Manja Schüle, wies der Oberbürgermeister von Frankfurt (Oder), René Wilke, darauf hin, dass dies die letzte Gelegenheit sei, das Gebäude in seinem jetzigen Zustand zu sehen, da es demnächst für eine zukünftige Funktion als Kunstmuseum restauriert und umgebaut werden soll. Somit markieren die von Katrin Schmidbauer deutlich herausgehobenen Buchstaben über dem Eingang des Gebäudes, die zusammen die Worte »The End« ergeben, nur ein Ende im Hinblick auf die kinematografische Funktion des Ortes. Auf die Zukunft darf man gespannt sein.

Endmoräne e. V.: »Filmriss«, Altes Kino Frankfurt (Oder), zu sehen noch am 16. und 17. Juli jeweils von 12 bis 18 Uhr

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