Mamma Mia auf hoher See

Segeltour durch die griechische Inselwelt mit einer verwirrenden Gedankenreise

  • Von Gerhard von Kapff
  • Lesedauer: 5 Min.
Umweltfreundlichere Kreuzfahrt auf der "Star Clipper"
Umweltfreundlichere Kreuzfahrt auf der "Star Clipper"

Vom Krähennest aus bekommt die Welt eine neue Perspektive. Das Deck des Viermasters wirkt von der kleinen Plattform auf 18 Metern Höhe nun deutlich schmaler, als es tatsächlich ist; die Stimmen des Kapitäns und seiner Mannschaft dringen nur noch gedämpft nach oben. An Größe gewinnt dagegen das tiefe Blau des Meeres, die Ägäis scheint sich ins Unendliche zu erstrecken.

Der Aufstieg über die Wanten mit ihrem Netz aus Seilen ist zweifelsohne eine kleine Mutprobe bei der einwöchigen Kreuzfahrt des Großseglers »Star Clipper« von Istanbul nach Athen. Manche steigen erst gar nicht hoch, andere kehren nach der Hälfte mit weichen Knien wieder um. Wer jedoch im Krähennest angekommen ist, wird mit einem unvergesslichen Ausblick belohnt.

Man ahnt aber sehr bald auch, was Seeleute auszuhalten hatten, als sie bei Regen und Sturm in den Ausguck mussten. Denn sogar der minimale Wellengang an diesem Tag lässt den Mast von Backbord nach Steuerbord und zurück schwanken. Doch dann ruft Matrose Jakov Sikiric zum Abstieg. Andere wollen auch nach oben. Dabei hätte man noch Stunden hier verbringen können, im Ausguck zwischen Wellen und Wolken.

Wer Champagner und Kaviar beim Dinner erwartet, wird enttäuscht. Die Küche ist dennoch anspruchsvoll, es kann aus mehreren Gängen gewählt werden und es gibt Themenbuffets. Angenehm sind auch die moderaten Preise der Getränke beim Essen und an der Bar.

Die Schiffe bieten zwar Annehmlichkeiten wie Swimmingpools, gut eingerichtete und geräumige Kabinen sowie einen kleinen Bordshop. Vor allem aber soll die Fahrt auf diesen Vier- und Fünfmastern an alte Traditionen erinnern. An Zeiten, als die Seefahrt ein Abenteuer war und der Wind den Kurs und die Dauer der Reise bis zum Ziel bestimmte.

Heutzutage ist der Fahrplan festgelegt, und wenn der Wind abflaut, muss der 1360 PS starke Motor nachhelfen, der laut Reederei mit schwefelarmem Schiffsdiesel fährt. »Wann immer es aber möglich ist, segeln wir«, sagt Kapitän Sergey Utitsyn. Ein Segelschiff, erklärt er, ist deshalb auch die umweltfreundlichste Art, einen Kreuzfahrturlaub zu machen.

Der in Tallin geborene 63-jährige Kapitän ist ein Seebär wie aus dem Bilderbuch. Manchmal ruppig, stets fotoscheu, doch dann wieder charmant und verschmitzt lächelnd, wenn er mit einem Gast über die Faszination des Segelns spricht. Landratten schmunzeln mitunter über diese Begeisterung. Spätestens wenn die Matrosen und auch die Gäste beim Auslaufen an den Tauen ziehen und sich später ein Segel nach dem anderen aufbläht, spüren aber selbst nüchterne Zeitgenossen: Segeln ist pure Emotion.

Neben der Segelromantik sind Ruhe und Beschaulichkeit Teil des Programms auf der »Star Clipper«. Ganz bewusst werden Häfen ausgewählt, in denen die großen Schiffe gar nicht erst anlegen können. Das beste Beispiel ist der verschlafene türkische Badeort Dikili. Er profitiert vor allem von der antiken Stadt Pergamon, die nur eine halbe Stunde mit dem Taxi entfernt im Landesinneren liegt. Es ist nicht viel los in den Hafenlokalen, in denen die alten Männer schon am Vormittag stundenlang bei einem starken Kaffee oder Schwarztee sitzen und über Gott und die Welt diskutieren.

Noch ein wenig ruhiger wirkt der Hafen von Myrina auf der Insel Limnos. Spektakulär ist allerdings der Blick auf die imposante Burganlage direkt am Städtchen gelegen. Von oben bezaubert der Blick auf die Bucht und das vor Anker liegende Segelschiff. Wie bei allen anderen Häfen der Tour liegt die »Star Clipper« auf Reede und die Gäste werden mit Tenderbooten an Land gefahren. Das ist nicht etwa der Sparsamkeit des Reeders geschuldet, sondern Konzept. »Ein Schiff gehört auf das Meer und nicht in den Hafen«, sagt »Star Clipper«-Eigner Mikael Krafft. Außerdem sieht ein Segelschiff, das außerhalb der Hafenmauern im Wasser liegt, einfach viel besser aus als festgezurrt am Kai.

Skopelos ist die griechische Insel, auf der Teile des Abba-Films »Mamma Mia!« gedreht wurden, entsprechend touristisch geht es im Hafen mit den vielen Andenkenshops, Ausflugsbussen und -schiffen zu. Ganz so, wie man es erwartet hatte.

Dennoch schwebt man irgendwann an diesem Tag in einer Welt zwischen persönlichen Erinnerungen, großen Emotionen und Filmkulissen, die irreal scheint. Wenn beispielsweise im Ausflugsbus drei Stunden am Stück Abba-Songs gespielt werden und man irritiert feststellt, dass man nahezu jeden Refrain selbst mitsingen könnte. Wenn dabei plötzlich die längst verklärten Erinnerungen an zaghafte Annäherungsversuche in der eigenen Jugend, an einstige Gefühle beim Singen und Tanzen, herrlich kitschige Filmmomente im Kino – und später an Bord wieder vermeintlich reale Seefahrerromantik – zusammenkommen. Es hilft dann, kurz innezuhalten. Vielleicht wäre es nun wirklich sinnvoll, sich an ein ruhiges Plätzchen zu setzen, um die Gedanken ein wenig zu sortieren.

In Poros liegt das Schiff tags darauf noch einmal auf Reede, ehe es abends ein letztes Mal auf See geht. Nach dem Sonnenuntergang bittet der Kapitän die Gäste zu einer Überraschung auf Deck. Farbige Scheinwerfer strahlen die Segel in einer opulenten Musik- und Lichtshow an. Ein bisschen kitschig vielleicht, aber am Ende ist es einfach nur schön. Manche verdrücken nun tatsächlich ein Tränchen in den Augenwinkeln – es ist ein letzter Gänsehautmoment dieser Reise.

Am nächsten Morgen holt das Treiben im Hafen von Piräus die Gäste wieder in die Realität zurück. Der quirlige Hafen der griechischen Hauptstadt Athen mit seinen Fähren und Containerschiffen ist das letzte Ziel und damit auch das Ende dieser Kreuzfahrt. Ein bisschen mehr Wind wäre schön gewesen, um noch ein wenig intensiver die Segelzeit genießen zu können. Doch die meisten Passagiere nehmen das gelassen: 68 Prozent sind sogenannte Wiederholer, sie kommen ohnehin früher oder später wieder zurück an Bord.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal