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  • Tour de France: Jonas Vingegaard

Souveräner Herausforderer

Wie Jonas Vingegaard Jahrhunderttalent Tadej Pogačar bei der Tour der France in die Schranken weist

  • Von Tom Mustroph, Foix
  • Lesedauer: 6 Min.
Jonas Vingegaard zeigte in den Bergen der Tour bislang keinerlei Blöße.
Jonas Vingegaard zeigte in den Bergen der Tour bislang keinerlei Blöße.

Auch Kannibalen haben mal einen Hungerast. Der slowenische Radprofi Tadej Pogačar jedenfalls hatte sich auf der 11. Etappe der Tour de France schlecht verpflegt. Das sagte sein Teamchef Mauro Gianetti später dem »nd«. Wegen daraufhin schwindender Energien verlor Pogačar auf über 2000 Meter Höhe knapp drei Minuten auf seinen dänischen Rivalen Jonas Vingegaard. Seitdem ist die Radsportwelt durcheinander. Pogačar, der zweimalige Tour-de-France-Sieger, der schon im Gelben Trikot des Gesamtführenden geboren zu sein schien, ist wieder zurückgestuft worden aufs Weiße der besten Jungprofis. Gelb trägt nun Jonas Vingegaard, der bis zu dieser Tour bei vielen Beobachtern noch unter dem Radar geflogen war.

Der 25-jährige Däne kommt indes nicht aus dem Nirgendwo. Bereits 2021 war er der einzige nennenswerte Herausforderer von Pogačar bei der Tour de France. Er fuhr ihm am Anstieg zum Mont Ventoux sogar davon, wurde vom verblüfften Slowenen jedoch in der Abfahrt und auf dem folgenden Flachstück nach Malaucene wieder eingefangen. Nach dem Col du Granon allerdings folgte in diesem Jahr keine Abfahrt mehr, auf der Pogačar hätte aufschließen können. Der Weg führte immer nur weiter in die Höhe. Und auf 2413 Metern krönte sich Vingegaard zum neuen Herrscher dieser Tour. Er festigte seine Stellung in den folgenden Tagen, parierte Tritt für Tritt die Angriffe seines entthronten Rivalen.

»Jonas’ größte Stärke ist seine Ruhe und Gelassenheit. Er wird einfach nicht nervös, selbst in schwierigen Momenten nicht«, lobte Sepp Kuss, wichtigster Berghelfer von Vingegaard, nun seinen Kapitän. Diese Selbstsicherheit hat sich Vingegaard hart erarbeitet. Gefragt nach dem Bereich, in dem er sich seit dem überraschenden Antritt am Ventoux im vergangenen Jahr am meisten verbessert habe, antwortete der Däne: »Ich habe vor allem an mentaler Stärke gewonnen.«

In vielen anderen Gebieten seines Sports war er schon vorher stark. Sein Klettertalent zeigte der einstige Fußballer erstmals auf nationaler Bühne beim sogenannten Hammel-Cup. »Das ist ein Rennen mit vielen Anstiegen. Es lag Jonas. Und er hat es gewonnen«, erzählt Christian Moberg Jørgensen. »Eine Woche später rief unser sportlicher Leiter ihn an, und er kam zu uns ins Team.«

Das Team war damals noch nicht das von Jumbo-Visma, sondern Colo Quick – ein Nachwuchsrennstall, der mittlerweile acht seiner ehemaligen Fahrer zwischen 20 und 28 Jahren in der World-Tour untergebracht hat, im Schnitt also jedes Jahr einen. Es ist eine Talentefabrik mit ganz besonderem Zuschnitt. Denn erst am Nachmittag wird trainiert, morgens hingegen gearbeitet oder studiert. Vingegaard arbeitete zwei Jahre lang früh in einer Fischfabrik, verpackte Frischfisch in Container und beschriftete sie. »Ich denke, das frühe Aufstehen, die Arbeit in der Fabrik und das daran anschließende Training haben mir bei meinen nächsten Schritten geholfen«, sagte er später.

Bei Colo Quick gehört dieser duale Ausbildungsweg zum Konzept. »Jetzt haben wir vor allem ganz junge Fahrer, die noch zur Schule gehen. Aber auch für sie wird es später Halbtagsjobs geben«, erläutert Mitentdecker Jørgensen dem »nd«. »Uns ist es einfach wichtig, dass die jungen Fahrer sich zwar einerseits auf den Rennsport konzentrieren, andererseits aber auch über Alternativen verfügen, eine Ausbildung oder Arbeitserfahrung zu machen.« Denn nicht jeder, so Jørgensen weiter, werde es wie Vingegaard und die sieben anderen in die World-Tour schaffen und dort gutes Geld verdienen.

Jørgensen, aktuell sportlicher Leiter von Colo Quick, war bei Vingegaards Engagement im Nachwuchsrennstall noch selbst als Fahrer aktiv. Er erinnert sich an den heutigen Dominator der Tour noch als kleinen, zurückhaltenden Burschen, der aber schon damals genau wusste, was er werden wollte: Radprofi, na klar! Darauf arbeitete er hin, saugte Wissen auf und war eine Art Musterschüler. Er machte klaglos alles, was ihm seine Trainer auftrugen.

Vingegaards internationaler Durchbruch erfolgte gut ein Jahr nach dem nationalen. Im März 2017 fuhr er im Rahmen eines Trainingslagers im spanischen Calpe Bestzeit auf dem Coll de Rates. »Wir machten dort einen Bergzug für Jonas. Und er war so schnell, schneller als alle Profis, die dort ebenfalls mit ihren Teams trainierten«, erzählt Jørgensen. Voller Stolz zählt er dann die Namen derer auf, die seinerzeit von Vingegaard abgehängt wurden: Olympiasieger Greg van Avermaet, die einstige US-Klassementhoffnung Tejay van Garderen und viele andere. Da war Vingegaard gerade mal 21.

Die Bestzeit wurde auch auf der im Radsport weitverbreiteten Strava-App festgehalten. Inzwischen hat ihn dort ein anderes dänisches Talent abgelöst. Jacob Hindsgaul heißt der Bursche; er ist inzwischen beim norwegischen Aufsteiger-Team Uno-X unter Vertrag. Vielleicht muss man sich auch diesen Namen merken.

Für Vingegaard jedenfalls öffneten sich nach seiner Bestzeit in Spanien die Türen zur World-Tour. Team Jumbo-Visma beobachtete ihn noch anderthalb Jahre lang und verpflichtete ihn schließlich. Bei der Vuelta a España 2020 schnupperte er erstmals Grand-Tour-Luft an der Seite des späteren Gesamtsiegers Primož Roglič. 2021 fuhr Vingegaard als dessen Edelhelfer zur Tour und verließ sie am Ende als Gesamtzweiter. Die endgültige Wachablösung folgte in den ersten Tagen der aktuellen Tour, als Roglič erneut stürzte und später aufgab.

Und der junge Däne gibt sich auch nicht mehr mit Gesamtplatz zwei hinter Titelverteidiger Tadej Pogačar zufrieden. Diese Tour will er gewinnen. »Zweiter war ich schon, jetzt will ich mehr«, sagte er schon in der ersten Woche. Da nahm man das noch als tapfere Kampfansage eines Aufsteigers hin. Inzwischen wird klar, der Anspruch war nicht nur vom Wollen, sondern vom Wissen um das eigene Potenzial bestimmt.

Vingegaard kann klettern, das bewies er am Mont Ventoux und am Col de Granon. Er kann Attacken standhalten. Das zeigte er seit dem 13. Juli an fast jedem Tag in Frankreich. Denn immer wieder attackierte Pogačar: Mal beschleunigt der Slowene auf der finalen Rampe, mal versucht er Vingegaard schon auf den ersten zehn Kilometern eines Tages zu überraschen. Der Däne konterte alles. In der letzten Woche will er sogar mehr – das Gelbe Trikot soll nicht nur der Schatten des Weißen sein: »Wenn sich die Gelegenheit ergibt, werde ich auch selbst angreifen«, versprach Vingegaard.

Verlassen kann er sich dabei auf das, was Mitentdecker Jørgensen für Vingegaards größte Qualität hält: »Er kann sich extrem gut regenerieren. In der dritten Woche kann er noch die gleichen Wattzahlen treten wie in der ersten Woche.« Tadej Pogačar, ebenfalls ein Regenerationsspezialist, wird das im Pyrenäen-Triple bis Donnerstag austesten wollen. Glaubt man den Wettanbietern, wird er diesmal scheitern, denn die geben für einen Toursieg Vingegaards schon kleinere Gewinnquoten aus als für einen erneuten Sieg Pogačars. Ein steiler Aufstieg für einen, der vor vier Jahren noch halbtags Fisch verpackte.

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