Immer Ferien klappt auch nicht

Auf Sylt herrscht Wohnungsnot – weil der Alltag immer mehr aus dem Inselleben verdrängt wird

  • Robert D. Meyer, Westerland
  • Lesedauer: 9 Min.
Selbst einfachste Wohnungen sind auf Sylt oft kaum bezahlbar.
Selbst einfachste Wohnungen sind auf Sylt oft kaum bezahlbar.

Peter Marnitz ist eine Begeisterung anzuhören, wenn er über Sylt spricht. Dass die Insel eines Tages seine Heimat wurde, geht auf einen kuriosen Zufall zurück. »Eigentlich wollten wir als Studenten mit unserem VW-Bus zum Nordkap«, erzählt der Rentner. Das war 1979. Doch kurz vor Reisebeginn ging ihr Wagen kaputt. Statt am nördlichsten Punkt auf dem europäischen Festland landeten Marnitz und seine Frau auf Deutschlands nördlichster Insel. Eine Zeitungsanzeige machte sie neugierig auf die Insel der Schönen und Reichen, wie Sylt schon damals im Volksmund heißt. Seit Ende der 60er Jahre zieht es im Sommer Promis und Weltstars dorthin. Einmal schauen, wie »der Klassenfeind lebt«, scherzt Marnitz. Doch was sie vorfanden, überraschte die Beiden: »Da war gar nicht überall dieses Schickimicki, das wir erwartet hatten.« Da fiel sein Entschluss: Er wollte auf Sylt leben. Doch es sollte 40 Jahre und ein ganzes Arbeitsleben als Journalist im Ruhrgebiet dauern, bis es tatsächlich dazu kommt.

Es ist ein Sommertag Mitte Juli in Westerland. Hauptsaison, Sommerferien, in diesen Wochen wird auf der Ferieninsel das große Geld verdient. Tausende Tourist*innen drängen sich über die Friedrichstraße zwischen Bahnhof und Weststrand. Es ist die Einkaufsmeile von Sylts Inselhauptstadt, optisch und von den Geschäften kaum von anderen Innenstädten zu unterscheiden, würde am Ende des Weges nicht der offene Blick auf die Nordsee locken.

Nur eine Querstraße weiter sitzen Marnitz und Gerd Nielsen im Fraktionsraum der Sylter SPD zusammen und erzählen, welche Probleme Sylt und seine nicht einmal 18 000 Insulaner*innen belasten. Beide Genossen bringen unterschiedliche Perspektiven darauf mit. Von Nielsens Familie liegen fünf Generationen auf den Inselfriedhöfen, der SPD-Mann ist Ur-Sylter; auch wenn es ihn in jungen Jahren wegzog, kam er am Ende zurück. Marnitz dagegen schaffte es erst 2019, auf Sylt heimisch zu werden. Wie viel Glück er hatte, ist ihm bewusst. Er und seine Frau konnten dank Erbschaft und Altersvorsorge ein Haus in Keitum kaufen. Ob ihm das heute, nur wenige Jahre später, noch genauso gelungen wäre, da ist er skeptisch. In vielfacher Hinsicht bildet Marnitz eine glückliche Ausnahme.

»Wir haben auf der Insel ein Problem mit Menschen, die Eigentum erwerben und dann hier im Prinzip nicht leben«, erklärt Gerd Nielsen. Überall da, wo es auf Sylt die besseren Grundstücke, die besten Lagen und damit auch die höchsten Preise gibt, befinden sich zu mindestens 50 Prozent Zweitwohnsitze, die zeitweise überhaupt nicht oder nur wenige Wochen im Jahr genutzt werden. Besonders extrem ist es im Nobeldorf Kampen: Hier kommen auf 500 Sylter*innen rund 800 Menschen nur mit Zweitwohnungssitz. In Wenningstedt-Braderup gibt es rund 1600 Insulaner*innen und 1200 Zweitwohnsitze, inselweit sind mehr als 7200.

»Es gibt sogar Häuser, die werden nur gekauft, damit man eine Geldanlage besitzt. Das ist dann reine Spekulation, reine Renditeobjekte«, kritisiert Nielsen, der für die SPD im Rat der Gemeinde Sylt sitzt, zu der neben Westerland sechs weitere Dörfer gehören. Hörnum im Süden ist wie List im Norden eigenständig, genauso wie Kampen und Wenningstedt-Braderup.

Eine große Herausforderung aber eint alle Gemeinden: Es fehlt an Dauerwohnraum, noch dazu bezahlbarem. Die Ursachen dafür sind vielfältig, mögliche Lösungen scheinen kompliziert.

Einer, der das selbst zu spüren bekam, ist Rolf Bünte, Grünen-Mitglied und als Mitglied im Wirtschaftsausschuss von Nordfriesland. Er und seine Frau zogen 2016 nach Sylt. Bevor sie etwas Bezahlbares zur Miete in List fanden, wohnte das Paar kurze Zeit auf dem Campingplatz in Rantum. Geschichten wie diese kennen alle auf der Insel, besonders auf dem privaten Markt gibt es praktisch keine Angebote. Und wenn doch, dann sind diese oft überteuert, die Wohnungen in schlechtem Zustand oder viel zu klein.

»Ich habe mich einmal mit einer Servicekraft in List unterhalten, die aus Polen kommt und neun Monate im Jahre zusammen mit ihrem Mann auf 25 Quadratmetern wohnt. Sie suchen natürlich etwas Größeres und würden gerne dauerhaft hierbleiben, aber sie finden nichts«, erzählt Bünte.

Es gibt auch regelrechte Horrorgeschichten über Beschäftigte, die leben für 800 Euro im Monat in winzigen Einraumwohnungen auf nur 15 Quadratmetern.

Hinzu kommt: Teure Mieten kollidieren mit geringen Einkommen. Die Reichen mögen zwar Sommerresidenzen auf der Insel besitzen, doch für viele Sylter*innen sieht der Arbeitsalltag anders aus. In einer Analyse fand die zuständige Arbeitsagentur Flensburg Anfang des Jahres heraus, dass die Nachfrage nach Arbeitskräften zwar hoch ist, dies sich aber nicht unbedingt in den Löhnen widerspiegelt. Durchschnittlich verdienen Arbeitnehmer*innen auf der Insel 317 Euro weniger als auf dem nordfriesischen Festland. Ungelernte Hilfskräfte, die es praktisch überall in der Gastronomie und im Tourismus gibt, erhalten auf der Insel ein mittleres Einkommen von 2077 Euro, wohingegen es in Nordfriesland 2208 Euro sind. Ähnlich groß ist der Unterschied bei Fachkräften, die auf Sylt mit 2649 fast 200 Euro weniger verdienen als im Landkreis Nordfriesland.

Im Mai bestätigte ein im Auftrag der Gemeinde Sylt erstelltes Gutachten einer Lübecker Beratungsfirma, was viele längst wissen: Es besteht ein krasses und über viele Jahre gewachsenes Ungleichgewicht zwischen bezahlbaren Dauerwohnungen und Ferienunterkünften. Mehr als 40 000 Betten in Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen gibt es wohl auf Sylt – ganz so genau weiß das niemand. Besonders bei Urlaubsunterkünften in privaten Wohnungen soll es eine hohe Dunkelziffer geben, die Gemeinde hat aber nicht genug Personal, um dies kontrollieren zu können.

Aus dem Gutachten gehen zwei Empfehlungen für Sylt hervor: Es dürfen keine Ferienwohnungen mehr hinzukommen, Hotelneubauten nur noch nach strenger Prüfung in absoluten Ausnahmefällen.

Maßnahmen, die stark danach klingen, was die Wähler*innengemeinschaft Die Insulaner bereits forderte. »Vor eineinhalb Jahren haben wir ein Moratorium auf Genehmigungen für neue Ferienwohnungen und Hotelbetten vorgeschlagen. Das wurde abgelehnt. Unsere Idee war, Zeit zu gewinnen, in der wir überlegen, was wir konkret machen«, sagt Markus Gieppner, der für Die Insulaner im Gemeinderat sitzt. »Probleme, die du hier auf Sylt hast, kennst du auch aus Großstädten wie Berlin.«

Im Unterschied zum Festland aber ist Bauland auf einer Insel extrem begrenzt; auf Sylt, das mitten im Weltnaturerbe Wattenmeer liegt, kommt an vielen Orten noch der Naturschutz dazu. Wo es noch geeignete Bauflächen gibt, konkurrieren private Investoren und kommunaler Wohnungsbau miteinander.

Neubau? Kommt auf Sylr oft nicht ohne neue Ferienwohnungen aus.
Neubau? Kommt auf Sylr oft nicht ohne neue Ferienwohnungen aus.

»Eigentlich dürfte es auf den Inseln keine neuen touristischen Großprojekte mehr geben, das ist im Regionalplan nicht vorgesehen, außer man bekommt eine Sondergenehmigung«, erklärt Grünen-Politiker Bünte. Trotz teils massiver Proteste sind in letzter Zeit dennoch Ausnahmen gemacht worden. In List eröffnet demnächst mit dem Lanserhof ein 150 Millionen Euro teures Gesundheitsresort der absoluten Luxusklasse. 68 Zimmer, der Wochenpreis beginnt bei mehr als 5000 Euro. Für das Bauprojekt wurden sogar Teile einer Düne abgetragen.

»Das Land hat große Vorteile von der Insel Sylt, weil wir hier so ein hohes Steueraufkommen haben«, erzählt SPD-Genosse Nielsen und klingt resigniert. Weder das Land noch der Bund haben ein gesteigertes Interesse, etwas an den Verhältnissen auf Sylt zu ändern, zu viele verdienen daran, Schleswig-Holstein ebenso wie der Landkreis Nordfriesland. Allein rund 50 Millionen Euro jährlich fallen auf Sylt bei der Grunderwerbssteuer an und das auf einer Insel, die nur 99 Quadratkilometer groß ist.

Ein Lichtblick, den alle Parteien benennen, ist das Kommunale Liegenschafts-Management (KLM), das auf der Insel rund 1200 Wohnungen vermietet, im Durchschnitt für rund sieben Euro pro Quadratmeter kalt. Bei der KLM stehen allerdings über 600 Haushalte auf der Warteliste. SPD-Politiker Nielsen, Vorsitzender im Wohnungsbauausschuss, rechnet nicht damit, dass sich diese Zahl merklich ändert. »Wir gehen davon aus, dass das, was wir neu bauen, nicht ausreicht, um das, was an Dauerwohnraum verschwindet, auszugleichen.« Wohnraum geht etwa dann verloren, wenn dieser in Ferienwohnungen umgewandelt wird oder Häuser an Menschen vom Festland verkauft werden, die Sylt nur als Zweitwohnsitz nutzen.

Ziemlich ernüchternd ist, was aus einer Analyse des Instituts für Stadtforschung und Strukturpolitik hervorgeht: Demnach müsste Sylt bis zum Jahr 2030 rund 2500 Wohnungen im »möglichst ausnahmslos preisreduzierten« Segment bauen. Im absoluten Idealfall stehen aber nur Bauflächen für maximal rund 1700 Wohneinheiten zur Verfügung, realistischer sind laut Auswertung kaum 1000 Einheiten.

Dieser Mangel an bezahlbaren Wohnen treibt eine Abwärtsspirale an. Kita-Gruppen werden geschlossen, weil es entweder nicht genug Kinder oder keine Erzieher*innen gibt. Mehrere Grundschulen auf der Insel wurden über die Jahre geschlossen, das Vereins- und Kulturleben leidet. In List musste die Freiwillige Feuerwehr zeitweise zwangsrekrutieren. Bezahlbare Kurzzeitpflege für ältere Menschen? Die gibt es auf der Insel nicht. Bis zu 5000 Menschen pendeln schon heute zur Arbeit auf die Insel.

Björn Nielsen ist Ur-Sylter, beobachtet die Entwicklung seit Jahrzehnten. Er hatte Glück, dass er auf dem Grundstück seiner Eltern in Morsum bauen konnte. »In der Straße, wo früher meine Freunde wohnten – die ist etwa 800 Meter lang –, da gibt es heute noch fünf Häuser, die von Syltern bewohnt sind. Der Rest ist weg. Im Winter ist entweder alles dunkel oder im Takt der Zeitschaltuhren gehen die Lichter an und aus.«

Dennoch ist Björn Nielsen kein Pessimist, sondern Pragmatiker, der etwas für die Sylter Inselgemeinschaft tut. 2011 gründet er mit »Gesucht Gefunden Sylt« eine geschlossene Facebookgruppe, in der Insulaner*innen und Menschen, die hier arbeiten, sich gegenseitig unterstützen und vernetzen können. Auslöser für die Idee war eine Kleinigkeit. Nielsen suchte nach einer DVD, die er mit seinen Kindern schauen wollte. Weil er die nirgendwo fand, fragte er auf Facebook in die Runde. »Innerhalb von einer Stunde hatte ich den Film doppelt, weil mir Leute den auf Arbeit vorbeigebracht haben.« Die Idee für »Gesucht Gefunden Sylt« war geboren, heute umfasst die Gruppe mehr als 12 000 Mitglieder.

2015 gründet sich daraus ein Verein, weil es über die Jahre immer wieder Hilfegesuche gibt, die Spendensammlungen nötig machen und Nielsen das Geld allein aus steuerlichen Gründen nicht weiter über sein Privatkonto laufen lassen will. Längst ist der Verein samt Facebookgruppe zu einer Inselinstitution geworden, die auch in sozialen Fragen Unterstützung organisiert. So sammelte er Spenden, um die Sanierung der Wohnung einer in Not geratenen Mutter zu finanzieren, unterstütze die Sylter Tafel oder griff einer Sylterin finanziell nach einem Wohnungsbrand unter die Arme. Es gibt auch Fälle, da beteiligen sich Unternehmen an anfallenden Kosten, etwa als die Kitas auf der Insel neuen Spielsand bekommen haben. »Wir haben uns in den letzten elf Jahren viel Vertrauen hier auf Sylt aufgebaut«, erzählt Nielsen.

Im Verein aktiv ist auch Markus Gieppner von der Wähler*innengemeinschaft Die Insulaner. Er und Björn Nielsen arbeiten bei »Gesucht Gefunden Sylt« als auch in der Kommunalpolitik eng zusammen, der Verein aber bleibt politikfreie Zone. Trotz aller Herausforderungen hat Gieppner die Hoffnung nicht aufgegeben: »Die Leute haben ein tiefes Bedürfnis, diese Insel zusammenzuhalten.«

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