»Russlanddeutsch bin ich erst in Deutschland geworden«

Der Aktivist Sergej Prokopkin über seine Post-Ost-Identität, den Kampf gegen Antislawismus und worüber er sich das letzte Mal so richtig geärgert hat

Sergej Prokopkin ist seit seiner Ankunft in Deutschland nicht mehr in seinem russischen Heimatdorf gewesen.
Sergej Prokopkin ist seit seiner Ankunft in Deutschland nicht mehr in seinem russischen Heimatdorf gewesen.

Sergej Prokopkin erklärt und redet eloquent, die Gestik ist ruhig. Kurz nimmt er einen Schluck Kaffee. Seine Meinung ist präzise formuliert, seine Erklärung vermehrt akademisch, er ordnet akribisch ein. Doch wenn es um seine Identität geht, wurde er bisher eingeordnet. »Russlanddeutsch bin ich erst in Deutschland geworden«, erinnert er sich an die Zeit nach 2002, als er mit seiner Familie aus Südrussland flüchtete. Nur an einer Stelle stockt der 37-Jährige. Auf die Frage, wie er sich vor seiner Ankunft in Schleswig-Holstein gefühlt hat, findet er nicht sofort eine Antwort. Er hält inne, sein Blick wandert. Dann doch: »Russe.«

In der Bundesrepublik angekommen erhielt Prokopkin den sogenannten Spätaussiedlerstatus, wie viele der etwa zweieinhalb Millionen Russlanddeutschen. Der Begriff vereint viele verschiedene Identitäten, Erfahrungen und letztendlich auch Herkünfte. Da gibt es zum Beispiel die Sowjetdeutschen und die Wolgadeutschen, die Kasachstandeutschen und die Ukrainedeutschen. Sie kamen vor der Entstehung, während des Bestehens oder nach dem Ende der Sowjetunion aus dortigen Regionen nach Deutschland. Deshalb findet Prokopkin den Begriff »Russlanddeutsche« nicht ganz zutreffend. Für politische Kämpfe sei diesen geeignet, weil sich viele Menschen darunter finden könnten. Doch auf der Identitätsebene tut Prokopkin sich schwer mit der Beschreibung »russlanddeutsch«. Prokopkin möchte lieber als Mensch mit Post-Ost-Hintergrund beschrieben werden. Die noch junge Post-Ost-Bewegung ist aus der osteuropäischen Gemeinschaft zur Selbstermächtigung entstanden. Aufgrund der Diversität und Heterogenität der Post-Ost-Community variiert die individuelle Bedeutung des Begriffs. Doch paradoxerweise finden sich viele Menschen trotzdem darin wieder.

Viele Jahre unterrichtete Prokopkin am Osteuropainstitut der Freien Universität in Berlin Antidiskriminierungsrecht und bildete sich nebenbei als Antidiskriminierungstrainer weiter. Den Job als Jurist hing er an den Nagel, um seinen »aktivistischen Vorlieben« zu folgen und idealistischer zu arbeiten. Schon zu Unizeiten fehlte ihm eine Kategorie, die seine spezifische Diskriminierung beschreibt. Mit dem Begriff Antislawismus kann er mittlerweile erklären, welche Ausgrenzungen Menschen erfahren, die selbst oder deren Eltern aus Osteuropa kommen. Es werden Vorurteile bedient, die slawisch oder osteuropäisch gelesenen Menschen zugeschrieben werden: Wodka trinkende, Putin verehrende Russ*innen, osteuropäische Frauen, die viel Wert auf Aussehen und Geld legen, Pol*innen, die klauen, alle kriminell. Die Vorurteile zu bekämpfen, ist wichtiger Bestandteil von Prokopkins Aktivismus. Im Februar 2020 begann er mit seiner Bildungsarbeit auf der sich immer weiter politisierenden Social-Media-Plattform Instagram, fing an, über Antislawismus, Post-Ost und Klassismus aufzuklären. Auch wenn er hart dafür arbeitet, mehr Bewusstsein für russlanddeutsche Identitäten und Erfahrungen zu schaffen, möchte Prokopkin in keine Repräsentantenrolle gedrängt werden. Nachdrücklich betont er, dass seine nur eine von vielen Perspektiven sei.

Sein Instagram-Kanal ist bunt, es gibt wenig Fotos, dafür aber viele Slides mit kleiner Schrift und vielen Informationen. Außerdem empfiehlt @s_prokopkin Bücher, kritisiert Dokumentationen. Über 5500 Menschen folgen ihm mittlerweile. Doch politische Arbeit auf Social Media kann auch viel Kraft kosten. Man kann eben nicht immer alles richtig machen, lautet seine gemischte Bilanz. Prokopkin berichtet, dass es ihm lange Zeit schwer gefallen sei, mit Kritik umzugehen, »Gleichzeitigkeiten auszuhalten«, wie er es nennt. Persönliche Angriffe aus den eigenen Reihen täten ihm besonders weh. Deshalb versucht er, hin und wieder eine Pause zu machen. Und nach den ersten Wochen des Ukraine-Kriegs war das auch bitter nötig.

Mit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine verzeichnete der Aktivist einen »Riesenschub« an Follower*innen, seine Expertise war gefragter denn je. Ebenfalls ist seit dem Kriegsbeginn am 24. Februar in der russlanddeutschen Community eine generell gewachsene mediale Aufmerksamkeit zu spüren, als erwarte die Öffentlichkeit von ihr eine Art identitätspolitisches Statement, eine Positionierung zu dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und seinem Krieg gegen die Ukraine. Diese Aufmerksamkeit empfindet Prokopkin als negativ; exemplarisch dafür, wann eine Minderheit von der Dominanzgesellschaft als »auffällig« oder »unauffällig« gesehen wird. Und die als gut integriert geltenden Russlanddeutschen, die »unsichtbare Minderheit«, werde oft dann auffällig, wenn es um Klischees bedienende Themen wie Putinismus und Propaganda, Kriminalität oder AfD gehe. Stereotypen würden reproduziert, die Vielfalt werde nicht dargestellt. »Kaum ein Mensch kommt auf die Idee, in einer Doku darüber zu schreiben, dass es antifaschistische Russlanddeutsche gibt«, beklagt Prokopkin die unzureichende Darstellung in vielen Medien.

Das letzte Mal so richtig geärgert hat er sich über eine Dokumentation des öffentlich-rechtlichen SWR mit dem Titel »Russlanddeutsche – unsere fremden Nachbarn?«. Ob sie wirklich dazugehörten, fragt der Beitrag gleich zu Beginn, dazu werden Bilder von einem Autokorso und Männern mit schwenkenden Russlandfahnen gezeigt. Zack – direkt Klischee bedient. Auch wenn unterschiedliche Erfahrungen und Lebensrealitäten von Russlanddeutschen gezeigt würden, verpasse der Sender eine differenzierte Darstellung, so die Kritik. Doch dass große deutsche Zeitungen wie die »Taz« und »Welt« den Ärger über die Dokumentation öffentlich aufgreifen, ist neu. Das erstaunt sogar den aktivistischen Prokopkin: »Vor zwei Jahren wäre das nicht so passiert.«

Ein weiterer Kritikpunkt an der Arbeit des SWR ist, dass erneut ein Zusammenhang zwischen der AfD und Russlanddeutschen hergestellt werde. So wird in der Dokumentation auch der AfD-Politiker Vadim Derksen begleitet, der Mitglied des Landesvorstands der Berliner AfD ist. Russlanddeutsche Politiker*innen einer anderen Partei werden nicht erwähnt. Dass Russlanddeutsche in den 90er Jahren mehrheitlich rechts der Mitte gewählt haben, konnten Wahlumfragen belegen. Das sei auch auf eine Dankbarkeit gegenüber Helmut Kohl zurückzuführen, während dessen Kanzlerschaft die meisten Russlanddeutschen nach Deutschland gekommen seien, erklärte der Migrationsforscher Jannis Panagiotidis in einem Interview mit der Plattform »Ostklick«.

Bei der Betrachtung des Wahlverhaltens wird erkennbar, dass sich in den letzten Jahren so einiges geändert hat. Zur Bundestagswahl 2017 waren die drei meistgewählten Parteien unter den Russlanddeutschen die CDU (27 Prozent), Die Linke (21 Prozent) und die AfD (15 Prozent). Das bedeutet, dass 85 Prozent der Russlanddeutschen nicht die AfD gewählt haben. Des Weiteren ergab eine Wahlumfrage der Universität Duisburg zur Bundestagswahl 2021, dass das Wahlverhalten von Russlanddeutschen sich dem der Mehrheitsgesellschaft weiter annähert. Lediglich CDU und AfD erhielten etwas höhere Zustimmung (vier Prozentpunkte), während der Anteil der Stimmen für die Sozialdemokrat*innen etwas niedriger ausfiel. Und doch hält sich das Stereotyp beharrlich, dass Russlanddeutsche mehrheitlich rechts der Mitte wählten. Dabei werde die AfD auch innerhalb der russlanddeutschen Community häufig kritisiert, erklärt Prokopkin. Er wünsche weder, dass alle Russlanddeutschen über einen Kamm geschert würden, noch, dass die AfD-Problematik ausgeblendet werde. »Eine rechte, rassistische, teilweise faschistische Partei gewinnt an Stimmen, da muss doch vor allem die Partei an sich in den Blick genommen werden.« Aber das müsse passieren, ohne die Schuld bei anderen zu suchen. Wichtiger wäre es, über Strukturen von rechten Parteien zu reden, und über deren Versuche, migrantische Bewegungen für sich zu vereinnahmen. So gibt es beispielsweise Arbeitsgruppen für Russlanddeutsche innerhalb der AfD. Außerdem suche die AfD gezielt nach dem Austausch mit Russlanddeutschen, um sie als Mitglieder zu gewinnen. Die sogenannten bürgerlichen Parteien würden Russlanddeutsche nicht direkt als gesonderte Zielgruppe ansprechen. Das findet Prokopkin gut, »weil durch Selektion auch immer Ausschluss produziert werden kann«.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal