Desaströse Arbeitsbedingungen?

Schwere Vorwürfe der Gewerkschaft Verdi gegen die Veterinärmedizin der Freien Universität Berlin

  • Von Moritz Schmoeller
  • Lesedauer: 4 Min.
Hunde werden in der Kleintierklinik der FU umsorgt, Menschen laut Angaben der Beschäftigten nicht immer
Hunde werden in der Kleintierklinik der FU umsorgt, Menschen laut Angaben der Beschäftigten nicht immer

Herrschen im Fachbereich Veterinärmedizin der Freien Universität Berlin (FU) »desaströse Arbeitsbedingungen«? Diesen Vorwurf erhebt zumindest die FU-Betriebsgruppe der Gewerkschaft Verdi. Die Rede ist unter anderem von nicht bezahlten Zuschlägen und Arbeitszeitverstößen. Wie jetzt bekannt wurde, hatte das Landesamt für Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz und technische Sicherheit Berlin (Lagetsi) unlängst Dienstpläne beim Präsidium der FU angefordert, aus denen eklatante Verstöße gegen das Arbeitszeitgesetz hervorgegangen sein sollen. »Insbesondere die tatsächlich durchgeführten Ist-Dienstpläne der Kleintierklinik mussten dem Lagetsi zugestellt werden, dem Personalrat wurden diese bis heute vorenthalten«, teilt die Verdi-Betriebsgruppe mit.

Die Situation an der Kleintierklinik steht dabei schon länger im Fokus der Kritik. Bereits im Mai hatte die FU die 24-stündige klinische Notfallversorgung für kleine Haustiere eingestellt. Nächtliche Notbehandlungen sind seither perdu. Die FU hatte den Schritt damals mit Personalmangel begründet. Man sehe »angesichts der gegenwärtigen Personalknappheit keine andere Möglichkeit, die notwendige Mindestbesetzung der Schichten aufrechtzuerhalten«, sagt der Dekan des Fachbereichs Veterinärmedizin, Uwe Rösler. Und: »Ziel ist es, baldmöglich zur 24-stündigen Notfallversorgung zurückzukehren.« Aus »baldmöglich« sind nun schon fast drei Monate geworden. Im Juli wurde dann auch noch der Wochenendnotbetrieb gestrichen.

Verdi kritisiert diese »unternehmerische Entscheidung mit politischen Folgen« – und zulasten des Tierwohls. Schließlich sei dadurch die öffentliche Daseinsvorsorge bei der Tierversorgung in und um die Klinik in der Steglitz-Zehlendorfer Ortslage Düppel eingeschränkt worden. Denn, so die Gewerkschaft: »Wohin sollen zum Beispiel Anwohner*innen ihren Vierbeiner bringen, wenn das Tier in einer Notsituation ist?«

Was den Personalmangel betrifft, monieren Beschäftigte zudem, dass sich Klinikleitung und Fachbereichsverwaltung in Widersprüche verstrickt hätten, als sie vortrugen, kein qualifiziertes Personal zu finden, aber nicht erklären konnten, warum unbefristete Übernahmen für Auszubildende nicht genutzt würden. Der Betriebsgruppe zufolge gehe der Personalmangel eher auf die Arbeitsbedingungen zurück, wovon etliche Überlastungsanzeigen zeugen würden. »Zahlreiche Beschäftigte hatten allein in den letzten Monaten in der Kleintierklinik Kündigungen eingereicht und diese verlassen. Einige von ihnen unterschrieben postwendend einen Arbeitsvertrag bei einem benachbarten ›Medizinischen Kleintierzentrum‹, das nur vier Autominuten entfernt ist«, heißt es von Verdi. Die Folge: Der Betrieb der Kleintierklinik kommt regelrecht zum Erliegen. Erst vor wenigen Tagen mussten Beschäftigte in einem dritten Brandbrief Alarm schlagen, weil selbst nach Herunterfahren des Notbetriebs Dienste nicht abgedeckt werden können.

Aber auch in anderen Bereichen der Veterinärmedizin sitzt der Frust offenbar tief. Ein Verdi-Vertrauensmann berichtet »nd«, »dass Zuschläge nicht bezahlt wurden und geltend gemacht werden müssen«. Nach drei Jahren bleibe den Beschäftigten nur der Gang vors Gericht, weil Forderungen sonst verfallen. Dazu kämen zu niedrige Eingruppierungen. Höherwertigere Aufgaben würden zwar zugewiesen, wenn Beschäftigte aber Höhergruppierungsanträge stellten, würde auf Personalmangel in der Stellenwirtschaft verwiesen. Man stünde bei der Beweisführung oft »mit leeren Händen« da, weil die FU keine Stellenbeschreibung zustellt. Man hoffe nun, dass der rot-grün-rote Senat sich an der Universität für eine Umsetzung des neuen Nachweisgesetzes einsetze, das Arbeitgeber seit dem 1. August verpflichtet, genaue Tätigkeitsbeschreibungen zu formulieren.

Für die Chefetagen würden hingegen »unkonventionelle Lösungen« gefunden, so der Verdi-Vertrauensmann. Etwa sei der Geschäftsführer der ehemaligen »Lohndumpingtochter« der FU zur Bewirtschaftung des Botanischen Gartens zum Fachbereichsleiter der Veterinärmedizin befördert worden. Der durch diverse Publikationen ausgewiesene Fachmann in Sachen Unternehmenssanierung habe zwar keine Expertise in Veterinärmedizin, hätte sich auf die extra geschaffene Stelle aber auch nicht gegen Mitbewerber durchsetzen müssen, da diese nicht ausgeschrieben worden sei. Rechtliche Grundlage soll ein Betriebsübergang gewesen sein, der eigentlich eine Fortsetzung des Arbeitsvertrages zu den gleichen Bedingungen vorsieht. Dennoch sei der Unternehmenssanierer drei Lohngruppen plus Zulage höher geklettert. Laufbahnen, von denen die, die den Klinikbetrieb stemmen, nur träumen können.

Sie treibt dabei auch die Frage um, ob die FU zu wenige Mittel vom Senat bekommt oder ob die Mittel des Senats nur nicht bei ihnen ankommen. Hans-Christoph Keller, der Vize-Sprecher von Wissenschaftssenatorin Ulrike Gote (Grüne), verweist in diesem Zusammenhang gegenüber »nd« darauf, dass die Finanzierung der Berliner Hochschulen »grundsätzlich im Rahmen von globalen Haushaltszuschüssen« erfolge, »über deren Verwendung die Hochschulen in eigener Autonomie entscheiden«. Dass die FU sich Lösungen verweigere, sei der Wissenschaftsverwaltung nicht bekannt: »Nach Kenntnis des Senats nimmt sich die Freie Universität Berlin derzeit der Problemlagen im Fachbereich Veterinärmedizin proaktiv an. Dies wird von Seiten des Senats begrüßt und der Prozess wird konstruktiv begleitet.«

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