Ich ist eine andere

Unsere Körper sind unabgeschlossen, durchlässig und aufeinander angewiesen. Weil dies verdrängt werden soll, hat die patriarchale Kultur den weiblichen Körper in handhabbare Einzelteile zerlegt

  • Von Lena Böllinger
  • Lesedauer: 6 Min.
Diese Schaufensterpuppen sollen ein weibliches Idealbild verkörpern und sind vermutlich beliebig zusammensetzbar.
Diese Schaufensterpuppen sollen ein weibliches Idealbild verkörpern und sind vermutlich beliebig zusammensetzbar.

Der weibliche Körper ist eine Tabuzone. Das heißt nicht, dass wir nicht sehr viel über ihn reden, die Frage ist nur: Was kommt wie zur Sprache? Der zeitgenössische (Queer-)Feminismus spricht nahezu exzessiv über den weiblichen Körper, mit dem Ziel, ihn zu »dekonstruieren«. Sukzessiv wird alles allzu Weibliche sprachlich umstellt und neutralisiert. Die Rede ist dann von »Menschen mit Brüsten«, »menstruierender Person«, »zur Reproduktion fähigen Körpervarianten« oder »Individuen mit Vulven«. Der männliche Körper ist keiner ähnlichen sprachlichen Zergliederung ausgesetzt. »Mensch mit Hodensack«, »spermaproduzierendes Individuum«, »Person mit Penis« oder »gebärunfähige Körpervarianten« – all das hört und liest man selten oder gar nicht. Der männliche Körper scheint eine unbekümmert intakte Ganzheit, aus der man nicht mal eben einzelne Organe oder Gliedmaßen sprachlich herauspräpariert und sie dann vermeintlich geschlechtslosen Wesen als vermeintlich nebensächliches Special Feature wieder anhängt.

Wenn auch ungewollt, so schreibt sich hier ein patriarchales Muster fort. Es beginnt bei der Zerstückelung des weiblichen, insbesondere des mütterlichen Körpers und endet bei seiner Fetischisierung – einem Arsenal anonymer, austauschbarer sexueller Ersatzteile. Dabei geht es nicht um Anatomie im eigentlichen Sinne. Der weibliche Körper ist eher ein gesellschaftlicher denn ein biologischer Ort. Er ist von angst- und lustbesetzten Kontrollfantasien durchzogen. Wer etwas über ihn in Erfahrung bringen will, wird daher weniger in der Biologie oder Anatomie fündig, sondern vielmehr in den Untiefen des individuellen und kollektiven Unbewussten.

Wer dort sucht, stößt zunächst auf die zu Klischees erstarrten Bilder und Posen der Weiblichkeit: Schmollmünder, geneigte Köpfe, rausgestreckte Hüften oder Pobacken, gekrümmte, gebogene, verdrehte Oberkörper, aufragende Brüste, glatte und unendlich lange Beine. Die Körperteile scheinen abgelöst von der ganzen Frau und auch voneinander durch das Universum sexueller Imaginationen zu zirkulieren, gelegentlich dekoriert mit Nylon und Rüschen oder High Heels. Selbst wenn wie im Falle der High Heels einzelne Accessoires Dominanz signalisieren, so bleibt doch der Körper selbst meist passiv, verdreht, verstümmelt – ein Reservoir sexueller Einzelteile und fetischisierter Objekte. Die Zerstückelung, das wird hier bereits deutlich, macht den Körper kontrollierbar, handhabbar, benutzbar und simuliert noch dazu permanente Verfügbarkeit.

Doch woher kommt der Drang zu dieser eigentümlichen Zersetzung des Weiblichen? Um das zu verstehen, muss man sich vorarbeiten zu jener Sphäre existenzieller menschlicher Erfahrung, bei der die Zerstückelung des weiblichen Körpers vermutlich ihren Ausgang nimmt: Schwangerschaft, Mutterschaft, Geborenwerden. Im Zentrum steht dabei der mütterliche Körper, der an etwas Unerträgliches zu gemahnen scheint: Abhängigkeit, Unabgeschlossenheit, Zwiespältigkeit als grundlegende Bedingungen der menschlichen Seinsweise.

Über die Jahrhunderte hinweg wurde diese Bedingtheit in immer neuen Variationen verdrängt. Herausgebildet hat sich dabei zuletzt ein Körperkonzept, das den Körper als abgegrenzte Einheit wahrnimmt, den man besitzen und beherrschen kann und mit dem man sich autonom durch die Welt bewegt und sich selbige aneignet. In letzter Konsequenz unterhält dieses Körperkonzept auch eine enge Beziehung zu einem Selbst- und Weltverhältnis, das davon ausgeht, man könne sich die Welt untertan machen und ihrer Kontingenz entkommen, indem man sie in abgezirkelte, eindeutig bestimmbare Sphären des Eigentums verwandelt.

Der mütterliche Körper hingegen erinnert unerbittlich daran, dass diese Fantasien der Eindeutigkeit, Abgrenzung und Kontrollierbarkeit etwas zudecken: Da ist ein Körper mit Öffnungen, Eingängen und Ausgängen. Da wächst in einem Körper mit Bewusstsein ein anderer Körper mit einem werdenden Bewusstsein. Allein das sprengt jeglichen Versuch, den Körper als ganzheitliche, abgeschlossene Entität für sich zu denken. Die Schwangere ist »weder Eine noch Zwei«, könnte man mit der Psychoanalytikerin Luce Irigaray sagen. Hier gibt es keine Identität, kein Einssein, kein Mit-sich-selbst-identisch-sein. Stattdessen gibt es Schwellen, Übergänge, Verbindungen und Abhängigkeiten. Selbst nach der Geburt, selbst wenn der Säugling nicht mehr an der Nabelschnur hängt, selbst nach diesem Schnitt, hängt er doch in regelmäßigen Intervallen an Brüsten. Er bleibt an-hängig und ab-hängig von Nahrung, Zuwendung, Anwesenheit, Verbindung.

Das unerträglich Weibliche des mütterlichen Körpers liegt also darin begründet, dass er einen patriarchal konnotierten Ich-Bezug stört, der sich als rein, allmächtig, unabhängig und selbstgenügsam imaginiert. Die Unabgeschlossenheit und Durchlässigkeit dieses Körpers, seine existenziellen Öffnungen, Dellen, Wölbungen und Tiefen gefährden diese Vorstellungen unverwundbarer, abgeschlossener Ganzheit. Gleiches gilt für die schlichte Tatsache, dass jedes menschliche Leben in diesem Körper beginnt und darauf angewiesen ist, dass die Mutter es nicht abtreibt, es durch diesen seltsamen Zwischenzustand einer Schwangerschaft trägt und auch danach körperliche und emotionale Verbindung zu diesem Wesen aufnimmt und aufrechterhält, Beziehungen entspinnt und den neuen Menschen in das komplexe Netz menschlicher Beziehungen einführt, in dem er sich bis ans Ende seiner Tage verheddern wird.

Die patriarchale Kultur versucht diesen Skandal der Unabgeschlossenheit und Angewiesenheit im Zentrum der Conditio Humana zu neutralisieren. Indem sie den weiblichen – potenziell mütterlichen – Körper zerstückelt, zerlegt sie ihn zugleich in handhabbare Einzelteile. Herausgelöst aus dieser verstörenden Ganzheit mit offenen Rändern, werden die Körperteile greifbar, abgrenzbar, beherrschbar. Die Fragmentierung beruhigt. Mit den Einzelteilen lässt sich hantieren, sie sind gefügig, sie lassen sich anhäufen zu jenem Warenlager der klischierten Weiblichkeit, in dem all die Teilkörper auf ihren sexuellen Konsum warten.

Irritierenderweise setzt der zeitgenössische (Queer-)Feminismus dem nichts entgegen. Er artikuliert das große Unbehagen an der Weiblichkeit vielmehr auf neue Art und Weise. Unerschöpfliche sprachpolitische Wendungen bringen immer feingliedrigere Fragmentierungen des Körpers hervor, mit dem Ziel, ihn geschlechtlich zu bereinigen. Am Ende bleibt ein neutraler Körper mit anstößigen geschlechtlichen Anhängseln. Diese Neutralisierung wehrt nicht nur wie seit eh und je die Ambivalenz ab, die der mütterlich-weibliche Körper wachruft. Das gründliche und pedantische Sortieren ermöglicht auch einen spezifischen Umgang mit Differenz: Statt sich der erschreckenden Erfahrung unüberbrückbarer Andersartigkeit auszusetzen und sie auszuhalten, hantiert man mit geschlechtlichen Einzelmerkmalen, die sich eindeutig kategorisieren und beliebig kombinieren lassen. Sowohl der Objektstatus des Weiblichen als auch die damit verbundenen Kontrollfantasien lässt dieser Feminismus unangetastet. Wer sich für die Befreiung der Geschlechter einsetzen möchte, muss sich der Mutter stellen – und für eine Gesellschaft streiten, die die schreckliche Ambivalenz und Unverfügbarkeit des Daseins, das dort seinen Anfang nimmt, aushält und bewahrt.

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