Von Burg zu Burg im Münsterland

Auf Spuren von Westfalens Dichterin Annette von Droste-Hülshoff

  • Von Manfred Lädtke
  • Lesedauer: 6 Min.
Das Wasserschloss Nordkirchen wird gern auch als "Westfälisches Versailles" bezeichnet.
Das Wasserschloss Nordkirchen wird gern auch als "Westfälisches Versailles" bezeichnet.

Sie war unverheiratet, kinderlos und galt als ältliches, strenges Fräulein. 225 Jahre ist es her, als die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff im Münsterland geboren wurde. »Diese Landschaft ist so anmuthig wie der gänzliche Mangel an Gebirgen, Felsen und belebten Strömen dieses nur immer gestatte«, beschrieb sie vor 200 Jahren das Land vor den Toren Münsters. Ist da Bedauern aus den Zeilen herauszulesen? Mag ja sein, dass die Heimat der Westfälin für die Schönheitskonkurrenz zu flach geraten ist. Für passionierte Radler ist das platte Westfalenland jedoch eine Herausforderung. Also, nix wie rauf auf den Sattel und rein ins Grün.

Findige Münsterländer hatten schon in den 1980er Jahren den Weitblick. Sie nutzten die überschaubare Wald- und Wiesenlandschaft mit den trutzigen Wasserschlössern und knuffigen Dörfern für Deutschlands erste themenorientierte Radlerroute. Inzwischen wurde überall kräftig nachgebessert. Unmittelbar vor Münsters Haustür beginnt ein Netzparcours mit 4500 Kilometern Radrundwegen. Allein 960 Kilometer misst die »100-Schlösser-Route«. Tour-de-France-Qualitäten müssen freilich Pedalritter für den »Ritt« über die »Pättkes« (Landwirtschaftswege) nicht mitbringen, relativiert Eva Stannigel vom Münsterland Tourismus die Zahlen. 200 Vorschläge leiten gemütliche und sportliche Radler über Etappen von täglich 15 bis 70 Kilometern – je nach Lust und Puste.

Ein reizvoller Abschnitt der Schlösserroute führt ab Münster über Nienberge und Havixbeck nach Lüdinghausen und Nordkirchen. Burgen, Herrensitze, Gräftenhöfe und Natur pur begleiten auf 90 Kilometern einen Drei-Tage-Trip.

Von Münsters Promenade über das poetische Rüschhaus zum Schloss Hülshoff sind 15 Kilometer zurückzulegen. Aber: »Entweder es regnet oder die Glocken läuten. Fällt beides zusammen, ist Sonntag«, beschreiben Münsterländer gern lakonisch ihre nicht immer sonnenverwöhnte (katholische) Heimat. Setzt das gefürchtete »Pieselwetter« tatsächlich ein und macht ein Kartenstudium am Straßenrand unmöglich, steht der Radwanderer buchstäblich im Regen. Wie gut, dass auf die ortskundige Bevölkerung Verlass ist. »Hinter der Brücke den Patt rechts rein«, erklärt eine Schülerin wo es langgeht.

»Klein wie ein Mauseloch, aber doch sehr lieb«, fand der münstersche Dichter und Freund der Droste, Levin Schücking, das grünumhegte Rüschhaus. In einem Brief formulierte er: »Man könnte in dieser stillen Ländlichkeit vergessen, dass es draußen jenseits der Büsche noch eine Welt, noch Lärmen und Aufregung gibt.« Ähnlich dürfte seine Kollegin die vom Vater gebaute Einsiedelei empfunden haben. Ihr Arbeitsstübchen mit dem Originalschreibtisch, an dem Gedichte und der westfälische Dorfthriller »Die Judenbuche« entstanden sind, nannte die Schriftstellerin liebevoll das »Schneckenhäuschen«. Gleich um die Ecke im »italienischen Zimmer« erfährt der Hausbesucher, dass hier die Poetin den wesentlich jüngeren Herrn Schücking traf – der Beginn einer unglücklichen Liebe. 20 Jahre verbrachte die Autorin im Rüschhaus, das von einer weiteren historischen Person berichtet: Dem kartoffelnasigen Conrad Schlaun mit dem richtigen Riecher für lukrative Bauwerke. Der westfälische Barockmeister hat seine Spuren aus Stein nicht nur im Nordwesten Deutschlands hinterlassen, sondern auch das Rüschhaus gebaut. Mitte des 18. Jahrhunderts entwarf er die architektonische Synthese aus Bauerntenne und französischem Landdomizil als Sommersitz.

Das Geburtshaus der Annette von Droste-Hülshoff ist die sieben Kilometer nahe gleichnamige Burg, die auf dem neuen Droste-Lyrikweg zu erreichen ist. Auf dem Turmboden dieser typischen Wehrburg des Münsterlandes brachte sie erste Reime zu Papier, schrieb Operntexte und Partituren. Nur selten ließ sich die mittlerweile 30-Jährige nach ihrem Umzug ins Rüschhaus auf der Burg blicken. Wenn sie sich auf den Weg machte, kam sie zu Fuß, beobachtete Tiere, entdeckte Pflanzen und genoss die friedliche Naturlandschaft.

Bei der hufeisenförmigen Anlage des herrschaftlichen Guts Haus Havixbeck wird die »Leetze« (Fahrrad) in Südwest-Position gedreht. Manchmal heißt es kräftig strampeln. Einige Steigungen erreichen immerhin das Hügelmaß XXL. Schon nach wenigen Kilometern nötigt diese einzige »Berglandschaft« des Münsterlandes Radlern Respekt ab. Die Weiterfahrt durch Bauernschaften ist ein sanftes Rollen über saftige Wiesen und Weiden, vorbei an schwarzen Tümpeln, properen Höfen und Pferdekoppeln. Schlosspiktogramme halten die Pättkesfahrer auf Kurs. Wer im Netzgewirr der Pfade dennoch einmal die Orientierung verliert, steht nicht lange allein auf weiter Flur. In jeder Satteltasche sollten neben Regencape und Wasserflasche eine Wanderkarte und ein Handy liegen. Die Hotline 02571-949392 führt Irrläufer zurück auf den richtigen Weg.

Bei Lüdinghausen leiten Schilder auf einen Naturlehrpfad. Hainbuchen flankieren den Feldweg. Wo morgens Frühnebel aus dem Boden steigen, umschmeichelt jetzt die milde Abendsonne die Burg Vischering. Ein mittelalterlicher Torbogen empfängt die Gäste. Noch ein paar beherzte Tritte in die Pedalen und die Zweiräder rollen vor das romantischste Wasserschloss im Münsterland. 750 Jahre Geschichte spiegeln sich im Teich der auf Sumpf gebauten Festung.

Ein Bischof ließ die Anlage bauen, als das Land und die Macht der Herren von Lüdinghausen auf zwei benachbarten Burgen immer größer wurden. Der Landesherr wollte verhindern, dass ihm die Junker das Wasser abgraben und deren Einfluss ins Kraut schießt. Erst nach dem westfälischen Frieden 1648 wandelte sich der Charakter der Wasserburgen von kriegerischen Festungen zu herrschaftlichen Adelssitzen. Die friedliche Bestimmung veränderte auch das Aussehen. Kaum eine Burg ist stilecht, sondern wie Schloss Vischering nach einem Feuer das Ergebnis praktischer und kunstsinniger Überlegungen seiner stolzen Besitzer. So führt eine raffinierte Multimedia-Schau per Knopfdruck zurück in die Ritterzeit und lehrt nicht allein beim Anblick eines sechseckigen Folterkragens Besuchern das Gruseln.

Letzte Ausfahrt Nordkirchen. Wer es groß mag, schick und repräsentativ, für den ist Schloss Nordkirchen der Höhepunkt jeder Wasserburgen-Fahrt. Die Baumeister wollten um 1700 ein »Westfälisches Versailles« errichten. Da wurde nicht gekleckert, sondern geklotzt. Johann Conrad Schlauns weitläufige Gartenanlage mit blühenden Blumenbeeten, Putten und verspielten Statuen scheint aus dem Wasser heraus gewachsen zu sein. Schnurgerade mächtige Alleen rahmen die Insel mit dem viertürmigen Barockschloss ein. Sonntagsnachmittags ziehen bei Führungen Besucherscharen durch das Schloss. Ein »Ah« und »Oh« entlockt Gästen aber allenfalls das Deckengemälde der Himmelfahrt Marias in der Schlosskapelle oder der stuckverzierte Jupiter-Saal. Der funktionale Anspruch von feiernden Gesellschaften, Tagungsgästen und Studenten der Fachhochschule für Finanzen hat zumindest hinter den Schlossmauern am Charme des kleinen »Versailles« gekratzt.

»Schade«, räumt ein Kenner des Schlosses in der Burgschänke ein. Doch das Land Nordrhein-Westfalen als Eigentümerin der Anlage braucht Geld für die Unterhaltung. Immerhin – das Schloss ist öffentlich zugänglich. Viele bewohnte Privatburgen hätten dagegen für Besucher die Zugbrücke hochgeklappt. Was den blaublütigen Herrschaften aber nachzusehen ist. Welcher Hausherr lässt schon gerne seine Kunstschätze fotografieren oder sich von Touristen fragen: »Wo ist denn das Schlafzimmer, darf ich da mal filmen?«

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