Introvertierte Fassaden

Schwule Architekten mussten ihr Privatleben lange vor der Öffentlichkeit verstecken. Ein Sammelband porträtiert 41 von ihnen

  • Von Stephan Faulhaber
  • Lesedauer: 5 Min.
Der Architekt Alfred Roth in Zürich, 1969
Der Architekt Alfred Roth in Zürich, 1969

Verschwiegene Biografien vom 18. bis zum 20. Jahrhundert» heißt es im Untertitel des kürzlich erschienenen Buches «Schwule Architekten» von Uwe Bresan und Wolfgang Voigt. Eine Verschwiegenheit, die im doppelten Sinne zu lesen und zu beklagen ist: Retrospektiv diente das Geheimhalten der eigenen Sexualität schwulen Architekten als notwendiger Selbstschutz vor drohenden Strafen; gegenwärtig spiegelt sich dies in einer zensierten Architekturgeschichtsschreibung wider – Homosexualität wird hier, selbst bei verstorbenen Akteuren, noch immer als Makel bewertet und bleibt unerwähnt.

Dagegen ist die Interpretation künstlerischer Werke im Zusammenhang mit der privaten Biografie ihrer Schöpfer in der Kunst-, Musik-, Film- und Literaturgeschichte längst gängige Praxis. In den Herausgebern dieses Buches haben sich nun zwei Schrittmacher gefunden, die das Schweigen brechen und «schwule Architekten» sichtbar machen. Voigt, lange Zeit stellvertretender Direktor des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt am Main, und Bresan, ehemaliger stellvertretender Chefredakteur der Architekturfachzeitschrift AIT, beschäftigen sich bereits seit geraumer Zeit mit der Aufarbeitung und Erforschung des Nachlasses homosexueller Architekturpersönlichkeiten der vergangenen 300 Jahre – vom Barock bis in die Nachkriegsmoderne. Das Entschlüsseln der häufig verbrämten Formeln und neutralisierenden Hüllen erforderte ein «Queerlesen» der historischen Quellen. In Form von 41 exemplarischen Biografien bündeln und teilen die beiden Architekturhistoriker auf insgesamt 304 Seiten den Wissensschatz ihrer jahrzehntelangen Forschung. Um die Relevanz dieser bemerkenswerten Lektüre und die spätere Einordnung als längst überfällige Ergänzung – oder besser gesagt Aufhebung – einer vorsätzlich lückenhaften Architekturgeschichtsschreibung verstehen zu können, bedarf es des folgenden kleinen Exkurses.

Wie kaum eine andere Disziplin war Architektur lange Zeit eine reine Männerdomäne. Emanzipatorische Bewegungen setzen sich seit Jahren dafür ein, diese strukturell verankerte männliche Dominanz zu lösen. Und das mit Erfolg. So studieren mittlerweile mehr Frauen als Männer an Deutschen Architekturhochschulen. Auch die Zahl der weiblichen Lehrbeauftragten und Professorinnen nimmt stetig zu. Doch ist die Bezeichnung der Architektur als reine Männerdomäne etwas zu unpräzise: Korrekt ist sie als eine vorgeblich heteronormative Männerdomäne zu benennen. Denn beinahe 50 Prozent der homosexuellen Mitarbeiter in Architekturbüros werden regelmäßig Zeuge oder auch Opfer homophober Äußerungen von Vorgesetzten, Kollegen und Geschäftspartnern. Laut einer Studie des britischen «Architects‹ Journal» von 2015 geht daher nur jeder dritte schwule Architekt im Arbeitsumfeld offen mit der eigenen sexuellen Identität um. Bei der Baustellenbegehung, die fest zum Berufsalltag gehört, fürchten sich neun von zehn der Betroffenen vor Anfeindungen und Ausgrenzungen. Somit zählt das Coming-out nach wie vor zu den schwierigsten Momenten in ihrem Berufsleben.

Voigts und Bresans Verdienst ist es, dass die verfügbaren Informationen zur Biografie Alfred Roths, der die Bauleitung für Le Corbusiers Architekturikone in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung verantwortete, endlich in ihrer Gesamtheit bekannt gemacht werden. Endlich bilden die ästhetischen und informierenden Momente des märchenhaften, 90 Meter hohen Turmes von William Beckfords Herrenhaus Fonthill Abbey eine Einheit. Und endlich setzen die kräftigen Farben in Luis Barragáns expressiver Architektur all die aufklärerischen Impulse frei, die ihnen innewohnen. Umso einfältiger erscheinen nun die Vorwände, derentwegen die Sexualität der Verstorbenen bislang nicht öffentlich thematisiert wurde. Die häufige Begründung, dass dies nicht im Interesse der Architekten gewesen wäre, ist einerseits anmaßend – als wäre das Verleugnen der eigenen sexuellen Identität, das Versteckspiel, die anhaltende Angst vor Inhaftierung, sozialer Ausgrenzung und geschäftlichem Ruin in ihrem Sinne gewesen – und verrät andererseits die Persistenz der heterosexistischen Anschauung scheinbar toleranter Menschen.

«Entscheidend ist allein die Qualität der Architektur» wurde in der Vergangenheit oft als Argument gebracht. Ebendies war aber über Jahrhunderte hinweg nie der Maßstab, was dieses Buch eindrücklich erklärt. Und er ist es in weiten Teilen der Welt nach wie vor nicht, was die Bedeutung der beigefügten Übersetzung ins Englische hervorhebt. Irrelevant sind die bisher zurückgehaltenen «Details» zur sexuellen Identität mitnichten. Besonders deutlich wird dies bei der Gestaltung der eigenen Wohnhäuser der vorgestellten «Schwulen Architekten», bei denen sich Tendenzen einer kollektiven Entwurfssprache äußern, die sich auf die ursprünglichste Funktion der Architektur beruft – nämlich die Trennung von der Umwelt und der Schutz vor sozialen Einflüssen. Dies zeichnet sich bereits an introvertierten Fassaden ab, die kaum Öffnungen aufweisen. Rundum von Mauern umschlossene Gärten sind Barragáns Markenzeichen und ein Beispiel par excellence. In seinem Wohnhaus, das er Mitte des 20. Jahrhunderts in Mexico City errichtete, erlaubten spiegelnde Kugeln dem späteren Pritzker-Preisträger die visuelle Kontrolle über Eingänge, die sich hinter ihm befanden. So kam das eigene Haus häufig einem Zufluchtsort gleich. Und auch wenn – oder gerade weil – sich viele Auftragsarbeiten, abseits ihres herausragenden Wertes, nicht von der Norm unterscheiden, so brechen sie mit dem Klischee, dass der Architektur schwuler Männer etwas vermeintlich Feminines anhänge; dass diese sich als dekorreich, mondän und oberflächenfixiert etikettieren ließe.

Voigt und Bresan geben schwulen Architekten aus der Vergangenheit eine Stimme und ebnen mit ihrer Pionierarbeit den Weg für neue Narrative. Damit unterstützen sie auch Architekten, die gegenwärtig und in der Zukunft ihre Homosexualität offen und stolz – «out and proud» – ihren Zeitgenossen präsentieren.

Wolfgang Voigt und Uwe Bresan (Hg.): Schwule Architekten. Verschwiegene Biografien vom 18. bis zum 20. Jahrhundert. Wasmuth & Zohlen, 304 Seiten, 39,90 €.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal