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Die Kleinen machen wieder Rabatz

BallHaus Ost: Endlich wird der Ball wieder viertklassig gespielt

Magdeburger Ikone in Weinrot-Weiß: Christian Beck
Magdeburger Ikone in Weinrot-Weiß: Christian Beck

Es gibt wunderbare Neuigkeiten zu verkünden, die Regionalliga Nordost ist am Wochenende wieder gestartet und betörte gleich am Spieltag Nummer eins mit überraschenden Ergebnissen. Chemnitz und der BFC Dynamo hoben mich vorm Laptop in die Lüfte. Meister Beck aus dem Lager der Methusalems ließ gleich zweimal in Meuselwitz sein Können aufblitzen. Der alte Traum vom Fliegen, ich flatterte mit den Armen und flog über den Schreibtischstuhl zur Freude der Hauselfen geschätzte 200 Zentimeter über den Dielenboden. Nun lässt es sich streiten, ob diese Flugkunst gesund für Leib und Leben ist. Doch die pure Rationalität darf niemals siegen, das Leben ist schon langweilig genug.

Beck spielt beim BFC Dynamo für zwei Kilo Bördeferkelknochen die Woche, weil er es einfach nicht lassen kann. Das ist die schöne Nachricht zu Wochenbeginn. Wenn der Stürmer mit seinen Trippelschritten startet und ein mildes Lächeln sein Face ziert, muss jedem halbwegs gesalbten Fußballmenschen die Zirbeldrüse vibrieren. Auch wenn er in Hohenschönhausen seine Karriere ausklingen lässt, ist Beck für fast alle Magdeburger eine Ikone in einer Zeit, wo es jedem Fan schwerfällt, sich mit irgendeinem Spieler zu identifizieren. Kicker wechseln in atemberaubender Geschwindigkeit den Arbeitgeber, immer auf der Suche nach dem besser gefüllten Fressnapf.

Wenn ein neuer Spieler eures Klubs öffentlich bekundet, beim Wechsel zu eurem Verein ging ein Traum in Erfüllung, bedenkt sogleich, dass Menschenträume Schall sind und Rauch, und ein Lippenbekenntnis nichts ist als ein paar lausige Worte. Wir Freunde und Freundinnen des Unterklassenfußballs haben trotzdem großes Glück. Uns wurde vom Teufel nicht ein dekonstruktivistischer Satansbraten wie Bayern München vor die Nase gesetzt.

Stellt euch vor, wenn in unserer geliebten Regionalliga Nordost der BFC Dynamo zehnmal in Folge Meister würde. Wie würden wir toben und nach guten Gründen suchen, diesen Spannungstöter, diesen gestopften Langweilergockel aus dem Stall zu bekommen? Wir würden gewiss heimlich eine Superliga gründen, um dort diese Fußballvernichter lebenslänglich einzuquartieren. Weil aber nicht wir in der sogenannten Bundesliga das Sagen haben, sondern unfähige Bestimmerlis aus der Krabbelkiste des misserfolgsorientierten Managerwesens, heißt das stumpfe Einerlei des Bundesligafußballs auch 2023 wieder: Bayern München wird Meister.

Mein Herz gehört den Kleinen, denen alle Tage die Butter vom Brot geklaut wird. Die in zugigen Stadien vor ein paar Hundert Verwirrten den Ball quälen, denn ihre Spielkunst ist mangelhaft und ihr Atem immer zu kurz. Sie haben einige Kilo zu viel auf den Rippen und denken spätestens ab der 50. Minute an das kühle Bier, das im Vereinsheim auf sie wartet. Gereicht vom bösen Vereinswirt, auch er eine missratene Figur seiner Zunft.

In der Viertklassigkeit sind wir allesamt scheckige Schönheiten. Frei von Makellosigkeit zucken wir mit den Schultern, wenn uns neuerdings Köpenicker einen von der Bundesliga erzählen. Wir brüllen (ich entschuldige mich bei allen Stadionanwohnern) trotzig »Kämpf du Sau« (ich entschuldige mich bei allen Schweinen) und denken uns viele hässliche Plagen aus, die wir unseren Gegnern (Entschuldigung Gegner) an den Hals wünschen. Unsere Siegertorten sind Sandkuchen. Unsere Kassen sind immer leer wie der Magen eines 300 Meter langen teuflischen Krokodils. Wir sind in den Augen unserer Nachbarn bedauernswerte Tölpel, die ihren gescheiterten Vereinen hinterherdackeln. Wir nennen es Liebe.

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