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In der Liebesfalle beim FC Carl Zeiss Jena

Der BFC Dynamo ist Meister und Jena sieht die Untoten kommen

  • Von Frank Willmann
  • Lesedauer: 3 Min.
Wenn Regionalliga, dann richtig: Mehr als vier Jahre nach dem letzten Spiel zwischen Jena und Erfurt mit dem Sieger Carl Zeiss, treffen beide kommende Saison wieder aufeinander.
Wenn Regionalliga, dann richtig: Mehr als vier Jahre nach dem letzten Spiel zwischen Jena und Erfurt mit dem Sieger Carl Zeiss, treffen beide kommende Saison wieder aufeinander.

Um es vorwegzunehmen: Mit dem BFC Dynamo holte das stabilste und beste Team verdient den Titel in der Regionalliga Nordost und darf nun mit dem VfB Oldenburg die Klingen in der Aufstiegsrelegation kreuzen.

Während die BFC-Fans mit ihrer Mannschaft den Sieg feierten, schlurfte ich durch das sommerliche Fürstenwalde Richtung Bahnhof. Jena hatte frisch 0:1 gegen die Freizeitfußballer des FSV Union verloren und auf dem Platz abermals nur willenloses Ballgeschiebe gezeigt. Natürlich darf ich über den gegenwärtigen Fußball des FCC nicht schimpfen, weil ich sonst unweigerlich in die kulturpessimistische Ecke verbannt würde. Mir blieben behutsames Bedauern und Betrauern. Sanft wallte mein Busen, während im Hintergrund die jungen Fans von den alten Zeiten sangen, die unwiderruflich vorbei sind. Ich Tendenz-Choleriker, der ich meine innere Seelenruhe nur unter Mühen gewinnen kann, ertrug den 2. Platz mit Scherzerei.

Als Fan von Carl Zeiss lebt man sportlich ewig im Gestern. Dumm, so eine Vergangenheit, die nicht weichen will. Sie macht, dass allen ein wenig weh um ihre schwammige Fanseele wird.

Die hohen Herren meines Klubs glänzten in Fürstenwalde durch Abwesenheit, sie hatten die Saison längst abgeschrieben und überließen das Resteessen den kleinen Leuten in ihren blau-gelb-weißen Devotionalien. Immerhin waren rund 250 Jena-Fans anwesend, um das traurige Kapitel der verwichenen Saison gemeinsam zu beschließen. Für fünf Minuten war mal was los in Fürstenwalde.

Kurioser Rainald-Grebe-Gedächtnismoment: Als wir den Zug aus Berlin kommend verließen, stolperten wir sogleich in die Arme des lokalen Dorf-Nazis. Seine brave Bierwampe unter dem Landser-T-Shirt täuschte nicht über die Gesinnung hinweg. Im Stadion sah ich ihn wieder. Landser ist eine hotte Marke im Fürstenwalder Kulturkanon.

Brandenburg. Oh Brandenburg – in der Bahn mümmelten glückliche Berliner Sommerfrische-Öko-Kinder an ihren Bio-Möhren, die ihnen von aufmerksamen Muttis gereicht wurden. Ich trank mit versprengten Leidensgenoss*innen ein frühes Bier; noch meinten wir vorwitzig, wenn wir 13:0 gewännen und der BFC gleichzeitig 0:3 verlöre, wären wir die Königin der Welt.

Eins der Kinder fragte: »Seid ihr Union-Fans?« LEIDER NEIN. Dann wären wir vom Glück geknutschte Erstligafans eines Klubs, dessen Großkopfeten in den letzten zehn Jahren sehr viel richtig gemacht haben. Leider waren wir der kümmerliche Rest eines waidwunden Loserklubs, dessen Kleinkopfeten an diesem Verlierertag zu Hause geblieben waren.

Am geliebten Katzentisch regierte der FCC. Ein weiteres Jahr Regionalligaknast ist unser. Aber halt: Die kommende Saison bringt uns die Untoten aus der Thüringer Landeshauptstadt zurück. Wir erinnern uns an glorreiche Kämpfe gegen die Orks aus Erfurt, aus denen wir IMMERIMMERIMMER als Sieger hervorgingen. Ein aufrechter Fan ist nicht an der schnöden Wirklichkeit interessiert. Er wandelt auf seinem Traumpfad und sieht vor seinem geistigen Auge die Gegner reihenweise niederknien.

Um einen Rest Würde an diesem Tag zu generieren, hockten wir uns auf der Rückfahrt frech in die 1. Klasse. Einer von uns sang Union-Lieder. Ich schaute bräsig aus dem Fenster, unterdessen eine schicke Erste-Klasse-Fahrerin dringlich ihre Erste-Klasse-Ruhe anmahnte. Als hätten wir darauf gewartet, sangen wir sogleich im schönen Chor »Fußballfans sind keine Verbrecher«, bis die entrüstete Dame nebst entrüstetem Begleiter es vorzog, uns, die wir endlich in der Ersten Klasse angekommen waren, zu verlassen.

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