Männer, die stand-up-paddeln

Jeja nervt: Achtung, die grauen Herr kommen – nicht auf ihr SUP-Board rauf

Schwierig, vor allem das Nichtrunterfallen: Ein Stehpaddler auf der Spree in Berlin
Schwierig, vor allem das Nichtrunterfallen: Ein Stehpaddler auf der Spree in Berlin

Sommer, Sonne, Ausspannen am See – herrlich. In den warmen Monaten pendeln Großstädter nur zu gern zu den Badeseen der Provinz ringsum. Jedes Jahr stürmen Berliner*innen, die man stets an ihrem Äußeren erkennt, die Gewässer Brandenburgs auf der Suche nach ein wenig Ruhe. Die bekommen sie auch – bis, ja, bis das Geräusch eines angeworfenen Kompressors ankündigt: Es ist Stand-up-Paddling-Zeit!

Stand-up-Paddling (SUP), also die paddelnde Fortbewegung im Stehen auf einem eigens dazu konzipierten Wassergefährt, wird immer beliebter. Die wie Surfbretter aussehenden und inzwischen aufblasbar gefertigten SUP-Boards sind aus keinem Naturbadeidyll mehr wegzudenken. Sie sind gewissermaßen so etwas wie die Antwort der Boomer auf die hohe Verbreitung leistungsstarker Musikabspielgeräte, die wegen USB-Ladefunktion, Smartphone und Spotify zuletzt immer günstiger in der Anschaffung wurden. Wer heute das schiere Glück hat, am Strand von der aggressiven Beschallung mit Nerven massakrierender Musik verschont zu bleiben, hat immer noch Chancen, unfreiwillig Zeug*in eines spektakulären Naturschauspiels zu werden. Denn zwischen Hohennauener See im Westen und Scharmützelsee im Osten von Berlin und wohl überall in der Republik zwingen dieser Tage wieder graue Herren prall bepumpten Boards und ruhigen Gewässern ihren eisernen Willen auf.

Klar, dass das nicht ohne Reibungsverlust abläuft. Und so folgt auf den akustischen Anschlag per Druckbetankung meist die ausführliche Rechtfertigung für noch jede »low performance« am Board, die zwar keine Sau interessiert, der friedlich am Ufer sitzenden Gattin aber dennoch über den ganzen Badestrand hinweg zugerufen werden muss. Klar: Zu wessen intimsten Inneren die Ausrichtung auf Konkurrenz und Vergleich zählt, der nimmt den Leistungsstress in die Ferien mit wie das Strandtuch im Koffer.

Schon das Besteigen des Bretts will gelernt sein, wirft es den kühnen Stehpaddler doch bei falscher Technik und schlechter Balance prompt wieder zurück ins Nass. Doch auch wenn die körperliche Befähigung keine Ausreden zulässt, gibt es Optionen. Hier zwei Beispiele, kürzlich unfreiwillig aufgeschnappt im Westhavelland: Fehlt beim Gefährt die »leash«, die sogenannte Fangleine, die es mit dem Sportler verknotet, wie sie der männliche Mitbürger etwa an US-Surferstränden schon mal gesehen haben will, dann liegt es natürlich daran, dass er ins Wasser fällt. Platsch! Und wenn es eine Fangleine gibt, dann lässt sich der sportliche Fauxpas prima auf verhedderte Füße und Befestigungsösen schieben. Der konkrete Grund aber, der Alten mal wieder jeder Verlegenheit unverdächtig etwas zu erklären, ist egal. Uwe und Jürgen spüren unbewusst sowieso, dass ihr Unterfangen, Stand-up-Paddling zu betreiben, von vornherein Scheitern bedeutet: Verwelken im fahlen Licht eines diesigen Oktobertags, letztes Dienstjahr eines abgemühten S-Bahn-Triebwagens, der rostige Waggons mit traurig ausgebleichten Sitzpolstern durch Vororte ächzt.

Schließlich wird das mehrere hundert Euro teure Blasebrett einmal freudlos-angestrengt im Kreis gefahren und zurück ans Ufer gezerrt. Macht sich bald die Sonne am Himmel auf, hinter Baumwipfeln verschwindend Dutzende Heimreisen einzuläuten, greift der Stand-up-Paddler die normalen Badegäste ein letztes Mal am eh schon perforierten Nervenkleid, packt kräftig zu und schmettert es in einem finalen Zischen des Auslassventils robust von innen gegen die Schädeldecke. Oberkörper fahren erschrocken von Badetüchern auf, Hände schützen Augen vor letzten Strahlen einer tief stehenden, roten Sonne – einen Blick zu erhaschen auf das lautlos herangeschlichene Raubtier, auf mögliche Fluchtwege.

Der Stand-up-Paddler und sein Brett triggern uralte, evolutionspsychologisch überkommene Reflexe aus dem Urwald, als die ständige Bereitschaft zu Kampf oder Flucht noch über Leben und Tod entschied. Übrigens: Ob Olaf Scholz in seiner Freizeit dem Stehpaddeln fröhnt, ist nicht bekannt, gilt äußeren Merkmalen nach jedoch als wahrscheinlich.

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