Aale und Canale in Klein-Venedig

Einst versorgte Comacchio halb Italien mit Fisch und war Kulisse für Sophia Lorens ersten Kinoerfolg

  • Von Stephan Brünjes
  • Lesedauer: 5 Min.
Wie aus dem Bilderbuch – die Kanalgasse in Camacchio
Wie aus dem Bilderbuch – die Kanalgasse in Camacchio

Die Senatoren tragen Steppweste. Einige bevorzugen blaue Trainingshosen zum beigen Pullunder. Nur ein Senator ist stilecht im Dreiteiler gekommen, mit weinroter Weste, Einstecktuch und prähistorischem Motorola-Klapptelefon in der Hand. Die überwiegend weißhaarigen Männer palavern lautstark und krächzen »si«, »si, certo« oder »ciao, Adriano«, als dieser sich aus Comacchios Lobby verabschiedet. Sie ist mit Kopfsteinen gepflastert und hat kein Dach. Es ist der von Steinbänken gerahmte Platz vor der Bar Ragno, zugleich Verkehrsknotenpunkt des 22 000-Seelen-Ortes, denn hier kreuzen sich vier schmale Gassen und ein Canale im Schatten des Campanile. Der Glockenturm ragt auf wie ein XXL-Bleistift und erinnert die in seinem Schatten gestikulierenden Männer per Glockenschlag rechtzeitig daran, wann es Zeit ist für Pasta statt Palaver. Alle »senatori«, wie die Oldies hier augenzwinkernd genannt werden, sind im Nu verschwunden – a la casa, zum Mittagessen.

Ab jetzt ist Comacchio leergefegt und verdöst seine Siesta. Die besten Stunden für Besucher, um einen unverstellten Blick auf dieses einzigartige Mini-Venedig zu bekommen: auf das spiegelglatte Wasser der sich zwischen den Häuserzeilen hindurchschlängelnden Kanäle; auf die sie überquerenden roten Backsteinbrücken, etwa die fünfarmige Trepponti von 1634; auf imposante, säulenbewehrte Paläste; und auf farbenfrohe Fassaden ebenso wie auf daran angrenzende, verwitterte Fronten. »Vendesi« (»zu verkaufen«) steht dran. Es gibt keinen Hausbesitzer weit und breit, aber reichlich Hausbesetzer: Taubenschwärme haben sich ins verfallene Dach eingenistet. »Ja, Comacchio ringt mit sich, was es sein will«, sagt Riccardo Rescazzi. »Eine rausgeputzte Postkartenschönheit, so wie kürzlich vom Nudelhersteller Barilla inszeniert für einen hier gedrehten Werbespot?«

Riccardo ist optimistisch, neigt eher der Schönheit zu, denn er hat miterlebt, wie Comacchio sich entwickelte: »Als Junge schaute ich im Fernseher Formel-I-Rennen. Guckte ich hingegen aus dem Fenster, dann direkt ins Mittelalter: Müffelnde Abwässer gurgelten aus den Häusern direkt in die Kanäle. Frisches Wasser kam per Tankwagen, die Kanalisation erst 1982.« Riccardo eröffnete dennoch später das erste Bed & Breakfast. Heute ist es ein modernes, helles Haus mit allem Komfort. Inzwischen gibt es etwa 30 weitere solche Hotels. Offenbar sehen viele das enorme Potenzial dieses Ortes, wollen es mitgestalten, Gästen präsentieren und damit Geld verdienen.

Dabei ist eigentlich alles weg, was mal Comacchios Lebensversicherung war: die Saline, aus der früher hügelweise Salz gewonnen wurde, und die Fischreusen, in denen einst Abertausende Aale zappelten, die aus Comacchio in fast alle Ecken Italiens verschifft wurden. Daran erinnern noch heute knallrote Konservendosen mit mariniertem Aal, ausgestellt in vielen Schaufenstern. Daneben steht fast immer ein Filmposter mit einer strahlenden Frau, die vor den Konservendosen posiert: Sophia Loren in »Die Frau am Fluss«, gedreht 1954. In Kittelschürze, hölzernen Klapperlatschen und mit aufreizendem Schmollmund stöckelt der spätere Hollywoodstar durch Comacchio, heißt Tosca in diesem Film, wird darin von einem gewissen Gino angeschmachtet und piekst Aale in der Fischräucherei auf zwei Meter lange Spieße.

Diese »Manufattura di Marinati« ist heute ein Museum. Es zeigt Boote, Öfen und allerlei Werkzeug von damals sowie in düsteren Schwarz-Weiß-Clips, wie geschlossene Spezialkähne in den 1950er Jahren randvoll mit zappelnden Aalen durch Comacchios Kanäle glitten, laternenbewehrte Schleusenwärter den Fischern nachts öffneten und die Aale wenig später in der Räucherei von grimmigen Männern zerlegt wurden. Da ist keine Spur von Bella Italia oder Dolce Vita in diesem Dokumentarfilm. »Viele Menschen hier waren arm damals«, erzählt Riccardo, »sie fischten illegal, oft im Quartett. Wurden sie erwischt, schickten die Polizisten drei Wilderer in den Knast und ließen den vierten mit der Beute laufen, damit er auch die Familien der Häftlinge mit Fisch versorgen konnte.«

Mit diesen Bildern im Kopf flaniert man durch Comacchio wie durch eine Filmkulisse. Der Soundtrack dazu ist ganz anders als in den meisten italienischen Kleinstädten: kein Vespa-Geknatter, kein Autogehupe, denn die haben Fahrverbot entlang der Kanäle. Nicht so der »Pfeifer«, ein Mann in grünem Pulli, ausgebeulter Hose und Hausschlappen. »Das ist Ettore«, sagt Riccardo», «unser Unikum. Er beobachtet alles und zieht jeden Tag pfeifend mit seinem Fahrrad durch den Ort, spricht mit den schnatternden Enten auf den Kanälen und mit den Hunden, die sich gegenseitig kläffend versichern, dass alle Reviergrenzen noch gelten.»

Das Fahrrad ist auch für Besucher ideal, um die Richtung Adria vorgelagerte Lagune zu erkunden – mit 115 Quadratkilometern etwa so groß wie Göttingen. Auf einer Art Deich geht es vorbei an Hütten aus Brettern, Wellblech, Teerpappe, Draht, Tauen und altem Segeltuch. Diese «Bilancioni» – heute oft als Wochenendhäuser genutzt – waren früher Fischerhütten, in denen Comacchios Männer bis zu zwei Wochen ausharrten, um mit riesigen, per Seilwinde ins Wasser gelassenen Netzen fetten Fang aus der Lagune zu holen. Weil die Fischerhütten keine Duschen und kaum Waschgelegenheiten hatten, zogen die Fischer auf dem Weg zurück nach Comacchio zunächst ins «Valle Fatti Bello» – das «Mach-dich-schön-Tal». So heißt bis heute eine Senke vor den Toren der Stadt, in die Friseure und andere dienstbare Geister ausschwärmten, um die Fischer zu säubern und aufzuhübschen, bevor sie ihren Frauen zuhause wieder unter die Augen traten.

An einer Brücke mit Tor wartet Davide Guaglietta, schließt auf und zeigt den Radlern das Gelände der 1984 geschlossenen Saline. «Dort, wo früher das Salz in zylindrischen Haufen aufgeschüttet lag, wächst bis heute kein Gras, kein Strauch», erklärt der lebhafte Fremdenführer und bittet auf einen roten Turm. Von hier aus überwachten Wärter, ob die Salinenarbeiter in sengender Hitze genug schufteten. Davide zeigt von diesem Ausguck stolz, was die Saline heute zu bieten hat: Porcellana da Mare, den Strandflieder. Mittendrin lebt der Cavaliere di Italia, ein Stelzenläufer und Wappenvogel des gesamten Po-Deltas. «Hier leben mehr als 300 Vogelarten», erklärt Guaglietta, «darunter Seidenreiher, Möwen, Schleiereulen, Silber- sowie Graureiher.» Und unübersehbar in ihrer lachsfarbenen Pracht sind die Flamingos. Mit schätzungsweise 20 000 Exemplaren lebt hier Europas zweitgrößte Kolonie nach der in Sardinien.

Apropos Vögel: Da ist ein Starenkasten, der hier noch erwähnt werden muss. Direkt an Comacchios Ortseingang hängt er, und zwar so hoch an einem Laternenmast, dass kein Reisender diesen Blitzer beim Reinfahren sieht. Das führt häufig zu einem Begrüßungsbild mit saftigem Bußgeld für das Befahren einer für ortsfremde Autos gesperrten Zone. Wie gut, dass Hotelbetreiber Riccardo den Polizeichef kennt und ihn deshalb gleich mal anruft, um das für seine Gäste zu regeln.

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