Eiland mit Grußpflicht

Die dänische Festungsinsel Christiansø und das benachbarte Frederiksø haben nur 90 Bewohner

Blick auf Frederiksø
Blick auf Frederiksø

Nach halb fünf wird es fast schlagartig ruhig auf den beiden Inseln Christiansø und Frederiksø. Dann ist das Postschiff »Peter« mit den vielen Touristen wieder abgefahren. Die erwachsene Bevölkerung trifft sich jetzt zum traditionellen Plausch und Bier in der Gæstgiveri, dem 100 Jahre alten Gasthaus. »Das ist tägliche Tradition«, sagt Hans Ole Matthiesen, »aber die Teilnehmerzahl hat in letzter Zeit ziemlich abgenommen.« Matthiesen, der nur Ole gerufen wird, ist Tourismusbeauftragter der Schärengruppe, die knapp 20 Kilometer vor der Küste der dänischen Insel Bornholm liegt. Sie ist so klein, dass sie Ertholmene genannt wird, »Erbseninseln«.

Nur Christiansø und Frederiksø, miteinander durch eine 30 Meter lange Hängebrücke verbunden, sind bewohnt. Die dritte Insel von nennenswertem Umfang, Græsholm, ist Vogelreservat und darf nicht betreten werden. Hier fühlen sich Alken wohl, auch Trottellummen und Eiderenten. Auf einem weiteren Inselchen haben sich Robben angesiedelt, die den Wissenschaftlern Rätsel aufgeben. Denn es sind nur männliche Exemplare, die offensichtlich irgendwann weiterziehen, um sich ein Weibchen zu suchen.

Christiansø und Frederiksø sind wirklich klitzekleine Inseln. Erstere misst nur 710 Meter in der Länge und 340 Meter in der Breite, die andere nimmt nur ein Fünftel dieser Fläche ein. Zusammen haben sie nur rund 90 Bewohner, die verpflichtet sind, einander zu grüßen, wenn sie sich begegnen. Die höchste Einwohnerzahl wurde 1810 ermittelt, da lebten noch 829 Bewohner auf den Inseln. Zur Bevölkerung gehören 17 Schulkinder, die nach der siebten Klasse die Inseln verlassen müssen, um auf Bornholm oder dem dänischen Festland weiterführende Schulen zu besuchen. Auch wer in Rente geht, hat hier kein Wohnrecht mehr.

Nur wenige Bewohner sprechen den typischen Bornholmer Dialekt, das dem Schwedischen verwandte Bornholmsk. Die meisten sind als kleine Kinder mit ihren Eltern auf die Insel gekommen, die hier Arbeit fanden: Verkäuferinnen und Verkäufer, eine Glasbläserin, ein Arzt, eine Lehrerin. Der Pfarrer kommt nur am Wochenende von Bornholm herüber. Die meisten Bewohner sind Handwerker. Nur Fischer gibt es nicht mehr, der letzte seiner Zunft wurde vor ein paar Jahren verabschiedet.

Und dann lebt seit 2019 noch Ole auf Christiansø, der Sprecher der Insel. Er ist eigentlich Ornithologe und hat zudem als studierter Archäologe viele Jahre an verschiedenen Museen gearbeitet. Zuletzt war er neun Jahre Museumschef im Dänischen Nationalmuseum in Kongernes Jelling. Im Winter wohnt er mit seiner Frau in Friedericia auf dem Festland, ab März zieht es ihn wieder auf die Insel. »Es ist so schön, hier zu leben«, freut er sich.

Den täglichen Ansturm der Touristen sieht er mit Gelassenheit. Seit 1844 besteht ein Vertrag zwischen der Königlich Dänischen Post und der Inselverwaltung, der die Versorgung der Inselbewohner mit Post und lebensnotwendigen Gütern sicherstellt – und seit vielen Jahren auch mit Besuchern. Das Postschiff »Peter« legt mehrmals am Tag in rund einer Stunde die kurze Strecke zwischen dem Bornholmer Ort Gudhjem und den Erbseninseln zurück. Mehrere Hundert Besucher pro Tag werden in Christiansø an Land gespült, das addiert sich in guten Jahren auf 45 000 Touristen, es waren auch schon mal 80 000.

Die vielen Schulklassen unter den Besuchern machen laut Ole keine Probleme, aber »manche Besucher pflücken unsere Blumen, obwohl sie geschützt sind«, ärgert er sich, »und sie klettern auf die Mauern, was streng verboten ist.« Denn so mächtig die Festungsmauern aussehen, die die Inseln umziehen: Zu ihrem Bau wurde kein Gramm Mörtel verwendet. Sie würden stärkere Gewichte nicht heil überstehen.

Angelegt wurde die Festung gegen Ende des 17. Jahrhunderts mit zwei mächtigen Türmen: dem später mit einem Leuchtfeuer versehenen Store Tårn (Große Turm) auf Christiansø und dem heute als Museum dienenden Lille Tårn (kleine Turm) auf Frederiksø. Aber nur einmal mussten sie sich bewähren, und zwar im dänisch-englischen Krieg von 1807 bis 1814: Vier Stunden lang überzog 1808 ein vor den Inseln liegender britischer Flottenverband die Türme mit heftigem Bombardement. Dabei wurde, so ist es überliefert, der Inselkommandant Johann von Kohl verletzt und ließ sich unter Schmerzen auf den Møllebakken, den Mühlenhügel, tragen, um von dort aus die ungleiche Schlacht zu leiten. Doch als Sturm aufzog, machten sich die britischen Kriegsschiffe von dannen.

1855 wurde die Festung aufgelöst. Die Festungsanlage ist in bewundernswertem Zustand, vor allem die Bastionen an allen strategisch wichtigen Punkten. Eine der mächtigsten ist Rantzaus Batterie, in der auch die Kasematten erhalten geblieben sind. Im Erdreich können Besucher die Schleifspuren der Lafetten sehen. Die Batterie des Königs im Süden von Christiansø ist noch heute mit erstaunlich zierlich wirkenden Kanonen bestückt.

Wegen ihrer militärischen Vergangenheit sind die Erbseninseln Staatseigentum und gehören zu keiner dänischen Gemeinde, sondern unterstehen immer noch dem Verteidigungsministerium. Und so haben sie keinen Bürgermeister, sondern einen zivilen Kommandanten, auch Gouverneur genannt. Er ist Verwaltungschef, Polizist und oberster Leuchtturmwärter in einer Person. Søren Thiim arbeitet mit einem kleinen Inselrat zusammen, den die Bevölkerung wählt. Das gepflegte Kommandantenhaus von 1735 steht direkt am Hafen und begrüßt alle eintreffenden Besucher. Der kleine Naturhafen zwischen den Inseln ist recht beliebt bei Seglern, denn er kann auch bei steifer Brise angelaufen werden.

Ein 1831 angelegter Cholerafriedhof mit 71 Gräbern zeugt von der zeitweiligen Funktion der Insel Frederiksø als Quarantänestation. Die Insel diente auch viele Jahre als Deportations- und Gefängnisort. Das einstige Gefängnis ist heute Urlauberquartier mit fünf Doppelzimmern. Das zur Gæstgiveri gehörende Hotel bietet sechs Gästezimmer. Weitere sind über die ganze Insel verteilt, im Haus des Bäckers beispielsweise, im Haus des Pfarrers, in den früheren Kasernen. Es gibt auch einen kleinen Zeltplatz.

Ihre Vierbeiner müssen die Feriengäste allerdings zuhause lassen, denn Hunde und Katzen sind verboten. Das dient nicht nur dem Vogelschutz, sondern hat auch etwas mit dem Trinkwasser zu tun. Es gibt kein Grundwasser, und früher musste das Oberflächenwasser mühsam gesammelt werden. Vor einigen Jahren wurde eine Quelle gefunden, die heute zehn Prozent des Trinkwassers spendet. Der Rest ist entsalztes Meerwasser. Autos auf den Inseln zu verbieten, ergäbe keinen Sinn, denn es gibt ohnehin keine Straßen, nur Wege. Wer die Inseln auf eigene Faust durchstreift, hat in einer Stunde das Wichtigste und Schönste gesehen. Nicht nur wegen des fehlenden Verkehrs fühlen sich Tagesgäste und Urlauber auf eine südliche Insel versetzt. Nirgendwo sonst in Dänemark ist es im Jahresmittel so warm und so trocken wie auf den Erbseninseln. So gedeihen in den von niedrigen Mauern geschützten Gärten Maulbeerbäume, Feigen und Weintrauben.

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