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  • 50 Jahre Olympia-Attentat in München

Zwischen Mahnen und Schweigen

Israelis und Palästinenser erinnern sehr unterschiedlich an München 1972

  • Von Oliver Eberhardt
  • Lesedauer: 4 Min.
Mahmoud Abbas, Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde, warf bei seinem Besuch in Berlin mit Bundeskanzler Olaf Scholz den Israelis 50-fachen Holocaust an Palästinensern vor. Es folgte Empörung.
Mahmoud Abbas, Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde, warf bei seinem Besuch in Berlin mit Bundeskanzler Olaf Scholz den Israelis 50-fachen Holocaust an Palästinensern vor. Es folgte Empörung.

Die 70er wirken weit weg. 50 Jahre seit dem Olympia-Attentat und vielen weiteren in jener Epoche sind eine lange Zeit. An die Stelle der Kriege und Terroranschläge, der Flugzeugentführungen und Vergeltungsschläge von damals waren zunächst internationale Verträge getreten. Und als die nicht funktionierten, folgte ein bis heute andauerndes Nebeneinander von Israelis und Palästinensern, getrennt durch vom israelischen Militär streng überwachte Mauern und Zäune.

Heute reisen die Israelis gerne, oft, nach nah und fern. Die Palästinenser hingegen machen sich Gedanken darüber, wie es weitergeht mit ihnen und ihrem Staat. Selbst engste Verbündete sind weitergezogen: Wenn sich die Arabische Liga trifft, steht die Palästina-Frage weit unten auf der Tagesordnung. Von ihren 22 Mitgliedsstaaten lehnen auch nur noch sechs diplomatische Kontakte zu Israel kategorisch ab.

Dennoch ist »München«, der Anschlag auf Israels Olympiateam 1972, immer noch stärker präsent, als es vielen Beteiligten auf allen Seiten lieb ist: Vor allem die Holocaust-Äußerungen des palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas vor zwei Wochen in Berlin sowie die fehlende direkte Reaktion von Bundeskanzler Olaf Scholz darauf haben den Ereignissen vor 50 Jahren wieder eine breitere Berichterstattung beschert und den Blick auf jene Protagonisten gelenkt, die Mitte der 90er-Jahre die Osloer Verträge aushandelten und damit eigentlich den Friedensprozess in Gang setzen sollten.

Im Mittelpunkt steht Abbas selbst. In der Biografie von Mohammed Daoud Oudeh, der auch als Abu Daoud firmierte, wird Abbas als ein Funktionär der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO genannt, der für die Finanzierung des Attentats zuständig gewesen sei. Daoud selbst besorgte die Waffen. Nach der Unterzeichnung der Osloer Verträge und der Gründung der Palästinensischen Autonomiebehörde 1994 wurde ihm als Diplomat zunächst Bewegungsfreiheit in Israel erlaubt – bis er 1999 seine Mittäterschaft öffentlich eingestand.

Tatsächlich hatte das US-Außenministerium schon im März 1973 die Terroristen des »Schwarzen September« als Front der Fatah-Fraktion innerhalb der PLO bezeichnet. Fatah-Funktionäre sind heute ausgesprochen schmallippig, wenn sie auf diese Verbindungen angesprochen werden. Und nun, nach den Holocaust-Äußerungen von Abbas, wird versucht, das Thema totzuschweigen. In palästinensischen Medien findet sich so gut wie kein Wort zum 50. Jahrestag; mehrere Redakteure sagen unabhängig voneinander, dies geschehe auf Weisung der Regierung.

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Kaum Verständnis für Gewaltverzicht

Die Gründe dafür sind offensichtlich: Die Autonomiebehörde ist von Finanzhilfen aus den USA und der Europäischen Union abhängig. Gleichzeitig beansprucht die Fatah weiterhin die Rolle als Gesprächspartner für Israels Regierung und die Weltgemeinschaft. Eine der Voraussetzungen für die Osloer Verträge war jedoch, dass die PLO und alle Unterorganisationen ihre Gewaltbereitschaft aufgeben würden – ein Schritt, der unter Landsleuten immer weniger verstanden wird, je länger die echte Unabhängigkeit auf sich warten lässt, je größer und zahlreicher die israelischen Siedlungen werden. Zunächst hatte die konkurrierende Hamas erheblichen Zulauf, nun erfreut sich der Islamische Dschihad mit seiner kompromisslosen Haltung gegenüber Israel einer wachsenden Beliebtheit.

Vorsorglich habe die palästinensische Regierung daher die eigene Polizei in Alarmbereitschaft versetzt, berichten mehrere Kommandeure: Kundgebungen zum Jahrestag des Attentats und die damit einhergehenden Bilder in internationalen Medien sollen möglichst verhindert werden. Doch soweit sich das überblicken lässt: über München oder die Flugzeugentführungen der 70er Jahre wissen eh nur noch wenige junge Palästinenser Bescheid.

In Israel indes sind die Auswirkungen von München und weiterer Anschläge noch überall präsent. Bei einem Angriff auf den Flughafen von Tel Aviv hatte die Japanische Rote Armee, die Kontakte zu palästinensischen Terroristen pflegte, bereits wenige Monate vor dem Olympia-Attentat 26 Menschen getötet. »In diesen Monaten haben wir sehr schmerzhaft gelernt, wie groß die Terrorgefahr ist und dass wir bei ihrer Bekämpfung niemandem vertrauen dürfen«, sagte der ehemalige Minister- und Staatspräsident Schimon Peres einmal. Seither werden Delegationen stets durch den Inlandsgeheimdienst Schin Bet geschützt; israelische Maschinen fliegen nur Flughäfen an, an denen sie eigene Sicherheitsprüfungen durchführen dürfen.

Das Drängen, international präsent zu sein, beendete die Geiselnahme von München übrigens nicht. Vielmehr wurde es verstärkt: Nur neun Monate später stand mit Sängerin Ilanit erstmals eine israelische Interpretin beim Grand Prix Eurovision in Luxemburg auf der Bühne. Während sie sang, waren in Israel die Straßen wie leer gefegt. Im Saal indes hatten bewaffnete Beamte in Zivil Position bezogen und die Sängerin trug unter ihrem Kleid eine schusssichere Weste.

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