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  • 50 Jahre Olympia-Attentat in München

Ein steter Einschnitt ins Gedächtnis

Erst seit Kurzem erinnert München frei von Peinlichkeit an das Olympia-Attentat von 1972

  • Von Oliver Kern, München
  • Lesedauer: 10 Min.
Der Erinnerungsort Olympia-Attentat im Münchner Olympiapark ist so viel mehr als eine Gedenkstätte zum Kranzniederlegen.
Der Erinnerungsort Olympia-Attentat im Münchner Olympiapark ist so viel mehr als eine Gedenkstätte zum Kranzniederlegen.

Bernhard Purin kennt alle Namen. Der 58-Jährige muss auf keinen Zettel schauen oder bei Wikipedia nachlesen, um sich an »die Elf« zu erinnern, als die sie in ihrer Heimat firmieren. In Deutschland wäre das wohl ein Fußballteam. In Israel aber sind es die Opfer des Attentats der Olympischen Sommerspiele von München. Palästinensische Terroristen erschossen zwei von ihnen sofort, nachdem sie in die Wohnungen der israelischen Delegation im Olympischen Dorf eingedrungen waren. Die anderen neun wurden zunächst als Geiseln festgehalten, doch sie starben in der Nacht vom 5. auf den 6. September 1972 auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck bei einer dramatisch gescheiterten Befreiungsaktion der bayerischen Polizei.

David Berger, Zeev Friedman, Yossef Gutfreund, Eliezer Halfin, Josef Romano, André Spitzer, Amitzur Schapira, Kehat Shorr, Mark Slavin, Yakov Springer und Mosche Weinberg – fünf Athleten, vier Trainer und zwei Kampfrichter – sind Purin, dem Direktor des Jüdischen Museums von München, wohl bekannt. Auch viele Namen ihrer Angehörigen kennt er mittlerweile, übernahm der gebürtige Österreicher vor knapp zehn Jahren doch die Leitung einer Projektgruppe, die einen Ort der Erinnerung an dieses dunkle Kapitel der »heiteren Spiele« vor 50 Jahren schaffen sollte.

Seit 2017 steht dieses besondere Mahnmal an der Nordseite des Olympiaparks, und das Museumspersonal führt regelmäßig Besuchergruppen dorthin sowie zu anderen wichtigen Plätzen mit Bezug zum Attentat. Auch Purin selbst tut das ein paar Mal im Jahr. Der zentrale Erinnerungsort ist mit Ausnahme des Tatorts in der Connollystraße 31 wohl der wichtigste – auch weil er viel mehr ist als ein Mahnmal. Hier legt man nicht nur Kränze ab, um Ort und Geschehen nach einem Gedenktag wieder für Jahre zu vergessen. Hier lebt Erinnerung dauerhaft.

Dem Entwurf eines Architektenbüros folgend wurde ein grün bewachsener Hügel seitlich ausgehöhlt, von denen es im Olympiapark so viele gibt. So schneidet sich dieser Ort nun ebenso ins Münchner Gedächtnis, wie das Attentat damals eine tiefe Wunde in die Spiele von 1972 riss. Besucher lernen hier mehr über die Opfer als nur Namen, Alter und Sportart. »Um empathisch erinnern zu können, muss man die Biografien kennen. Man muss Geschichte nachvollziehen können. Das ist zum Trend in der Erinnerungskultur geworden«, so Purin, der für das Mahnmal Kontakt zu den Familien in Israel aufgenommen hatte. Neben den Lebensgeschichten trugen sie aber noch viel mehr bei. Fotos aus den Familienalben ersetzen nun die vorher stets benutzten Akkreditierungsbilder, die eher an Fahndungsfotos erinnerten. Außerdem sind Erinnerungsstücke zu sehen wie die Postkarte von Zeev Friedman aus dem Olympischen Dorf, die erst zwei Tage nach dem Attentat daheim mit den Worten eintraf: »Wir sehen uns bald zu Hause.« Doch dazu kam es bekanntlich nie.

In den frühen Morgenstunden des 5. September 1972 waren acht Attentäter der Gruppe »Schwarzer September« über den Zaun des Dorfes geklettert und hatten die schlafenden Israelis in zwei ihrer drei Wohnungen überfallen, während aus der dritten einige Sportler fliehen konnten. 200 palästinensische Gefangene wollten die Terroristen auf diese Weise aus Gefängnissen in Israel freipressen. Doch Ministerpräsidentin Golda Meir lehnte das kategorisch ab.

Das Ausfliegen der Palästinenser nach Kairo wurde von Ägyptens Regierung ebenso verweigert. Die deutsche Regierung steckte also in einem Dilemma und wollte zugleich die Spiele, die bis dahin der Welt ein neues, fröhliches Bild Deutschlands vermittelt hatten, schnellstmöglich fortsetzen. Also wurden Geiseln und Terroristen in der nächsten Nacht per Hubschrauber ausgeflogen. Am Flughafen dann verunglückte die Befreiung, weil sie dilettantisch geplant worden war und von untrainierten Polizisten ausgeführt wurde. Zwar starben fünf der acht Attentäter. Die anderen töteten jedoch beim Feuergefecht alle Geiseln.

Wer genauer wissen will, wie die nicht einmal 24 Stunden des Terrors in München abliefen, dem sei die ARD-Dokumentation »Tod und Spiele – München ‹72« empfohlen; auch wenn Purin sicher sauer aufstoßen dürfte, dass auch zwei überlebende Terroristen in der vierteiligen Serie ausgiebig zu Wort kommen und sie ihre Taten dort auch noch verteidigen. Am Münchner Erinnerungsort erfährt man bewusst nur etwas über die Opfer. Auch des im Kugelhagel getöteten deutschen Polizisten Anton Fliegerbauer wird hier gedacht. Die israelischen Familien hätten gewünscht, dass er gleich behandelt werde, so Purin. Fliegerbauers erst nach dem Attentat geborener Sohn habe sich mittlerweile sogar mit Hinterbliebenen aus Israel angefreundet.

Die damaligen Geschehnisse sind im Mahnmal auf Videos nachzuverfolgen: von den Massen an Schaulustigen rund ums Dorf bis hin zur Pressekonferenz, auf der Bayerns damaliger Innenminister Bruno Merk sagte: »Es muss damit gerechnet werden, dass alle Geiseln ums Leben gekommen sind.« Purin erregt heute noch, dass Merk zunächst lieber über den verletzten deutschen Hubschrauberpiloten redete. Mit der Nachricht über die getöteten Geiseln rückte er erst auf Nachfrage eines Journalisten heraus.

Auch dass Sportfunktionäre die Spiele schon am Tag nach der Ermordung der Geiseln fast pietätlos fortsetzen ließen, kann Purin noch immer kaum fassen. Während der Geiselnahme waren die Wettkämpfe auch erst nach Protestdemonstrationen unterbrochen worden. Bei einer Trauerfeier tags darauf im Olympiastadion sprach der langjährige Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, Avery Brundage, dann seine wohl berühmtesten Worte: »The games must go on!« Und so ging es noch am 6. September tatsächlich weiter mit dem Medaillensammeln, während die überlebenden Israelis nach Hause flogen, mit den Särgen ihrer Kameraden im Laderaum.

Die schon damals spürbare Peinlichkeit, dass erneut Juden in Deutschland getöten worden waren, dass deutsche Behörden dies nicht verhindern konnten und – wenn auch ungewollt – vermutlich sogar aktiv daran mitgewirkt hatten, verfestigte sich über Jahrzehnte. Noch als Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer zum 40. Jahrestag 2012 erstmals den Bau eines Erinnerungsorts ins Spiel brachte, soll Münchens Oberbürgermeister Christian Ude Purins Erinnerungen zufolge gesagt haben: »Brauchen wir nicht, und Platz gibt es auch keinen.«

Auch Anwohner, die teils seit 1973 im Olympischen Dorf wohnen, wehrten sich seinerzeit lange. Das Mahnmal verschandele den Park oder nehme ihren Kindern den Rodelhügel, hieß es auf Kundgebungen. Schon gegen ein früher errichtetes Mahnmal, den »Klagebalken« des Bildhauers Fritz Koenig, hatte es Widerstände gegeben. »Da wurde mit Denkmalschutz, statischen Gutachten und allem Möglichen argumentiert. Der zuständige zweite Bürgermeister war Christian Ude«, so Purin. Seit 1995 aber steht die zehn Meter breite Steinskulptur an der Brücke zwischen Olympischem Dorf und Olympiastadion. 2017 kam ganz in der Nähe der moderne Erinnerungsort hinzu.

Auf noch höherer Ebene tat sich die deutsche Politik derweil mit Entschädigungszahlungen an die Angehörigen schwer. Bis zuletzt waren rund viereinhalb Millionen Euro gezahlt worden, stets betitelt als »humanitäre Leistungen«. Nie war offiziell von Entschädigung die Rede, denn damit hätte Deutschland eine Mitschuld am Geschehen eingestanden. Dazu aber war man nicht bereit. Deshalb drohten die Hinterbliebenen aus Israel bis letzte Woche mit einem Boykott der offiziellen Gedenkakte in München und Fürstenfeldbrück am kommenden Montag. Eine Ausweitung auf zehn Millionen Euro hatte Ankie Spitzer, Ehefrau des ermordeten Fechttrainers André Spitzer und inoffizielle Sprecherin der Hinterbliebenen, jüngst als »völlig unakzeptabel und beleidigend« abgelehnt. Am Mittwoch kam dann das Einlenken: Die BRD, Bayern und die Stadt München zahlen Regierungskreisen zufolge noch einmal 28 Millionen Euro und übernehmen offiziell auch eine politische Verantwortung am Tod der israelischen Geiseln. Spitzer kündigte daraufhin ihre Reise nach München an.

Die Wohnungen im Olympischen Dorf wurden zum Teil verkauft, andere werden noch heute von der Stadt vermietet. Sie sind heiß begehrt, obwohl den Gebäuden anzusehen ist, dass sie ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel haben. Nur die Wohnungen im vierstöckigen Gebäude der Connollystraße 31 wurden direkt nach den Spielen dem Max-Planck-Institut geschenkt. Dort werden seitdem Gastwissenschaftler untergebracht, die vor dem Bezug stets über die Geschichte des Ortes informiert werden.

Wenige Tage vor dem 50. Jahrestag sitzt ein junger Mann namens Adrian vor dem Hauseingang. Auf seiner Uniform steht »Steinmetz«, doch statt Hammer und Meißel hat er heute einen feinen Pinsel in der rechten und ein Schälchen mit dunkelgrauer Farbe in der linken Hand. Im Auftrag der Stadt restauriert er die Gedenktafel direkt neben dem Eingang, die auf Deutsch und Hebräisch an die israelischen Opfer erinnert. »Seit zwei Tagen male ich die Schriften nach, weil sie an manchen Stellen doch schon ziemlich verblichen sind«, sagt Adrian.

Bisher habe er keinen Bezug dazu gehabt, gesteht der Mittzwanziger aus München. »Aber als ich den Auftrag bekommen habe, begann ich, mich zu informieren.« Es sei etwas Besonderes für ihn, übernimmt er normalerweise doch nur Privataufträge für Grabsteine auf Friedhöfen. »Als ich dann das erste Mal herkam, habe ich erst richtig realisiert, was hier alles passiert ist. Deshalb freut es mich sehr, diese Arbeit machen zu dürfen.«

Neben den Rundgängen vorbei an Gedenktafeln, Tatort und Mahnmalen hält das Jüdische Museum die Erinnerung auch anderweitig am Leben. Seit Januar wird im Rahmen der Aktion »Zwölf Monate – Zwölf Namen« alle 30 Tage eines neuen Opfers gedacht, sei es mit Fassadenbeleuchtungen, Videoinstallationen oder einem Gedenkturnier mit israelischen Gewichthebern. »So haben wir erreicht, dass von den Offiziellen niemand mehr über München 1972 redet, ohne das Attentat zu erwähnen. Das hat sich jetzt festgesetzt«, sagt Purin nicht ohne Stolz.

Dabei wollte München lange Zeit nur als heitere Stadt wahrgenommen werden. Terror passte weder während der Spiele 1972 noch danach ins Bild. So langsam aber sei ein Wandel erkennbar, sagt der Museumsdirektor: »München hat lange gebraucht, sich seiner dunklen Vergangenheit zu stellen – auch jener als Wiege der nationalsozialistischen Bewegung. Erst vor sieben Jahren wurde hier ein NS-Dokumentationszentrum eröffnet.« Auch eine erkennbare Dokumentation über das Oktoberfest-Attentat wurde auf der Theresienwiese erst konzipiert, als der Erinnerungsort im Olympiapark umgesetzt worden war.

Wie wichtig die aktive Erinnerung ist, wurde vor gut zwei Wochen während der European Championships in München deutlich, als ein Ordner während eines Rundgangs junger israelischer Sportler den Hitlergruß zeigte. Polizisten nahmen den Täter sofort fest und zeigten ihn an. Die Sportler hätten von dem Vorfall glücklicherweise nichts mitbekommen, hieß es. Münchens Polizei reagiere heute viel sensibler auf antisemitische Taten, weil die Polizeischule Fürstenfeldbruck mittlerweile jeden Jahrgang einmal während der Ausbildung ins Jüdische Museum schicke, berichtet Purin.

Und auch dem IOC attestiert er Besserung. Erstmals wurde während der Sommerspiele von Tokio 2021 während der Eröffnungsfeier der Opfer von München gedacht. Entsprechende Forderungen waren 2012 und 2016 noch abgelehnt worden.

Ist also alles gut jetzt? Sicher nicht. Nicht einmal in direkter Nähe des damaligen Tatorts. Wer vom Münchner U-Bahnhof Olympiazentrum in Richtung Olympiapark läuft, quert zwangsläufig den Brundageplatz. Hier beginnt und endet auch Purins Rundgang. »Ich würde mir wünschen, dass das Thema Straßennamen angegangen würde. Besonders ärgerlich finde ich den hier«, sagt er. Avery Brundage hatte 1972 nicht nur die Spiele vorschnell wieder starten lassen. Der US-Amerikaner war auch Antisemit und setzte 1936 als Präsident des Amerikanischen Olympischen Komitees trotz starker Boykottbemühungen im eigenen Land eine Teilnahme von US-Sportlern an den Propagandaspielen der Nazis in Berlin durch.

2021 hatte die Gelegenheit zur Umbenennung bestanden. Ex-Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel sollte ein Platz gewidmet werden. »Vogel hatte schon in den 60ern den Austausch mit Israel intensiviert. Und als Bundesjustizminister war er 1972 mit den Toten nach Israel geflogen«, erinnert sich Purin. Anstatt sich hier des Erbes von Brundage endlich zu entledigen, teilte die Stadt jedoch lieber den riesigen Coubertin-Platz auf und benannte dessen westliche Hälfte nach Vogel. Brundages Name blieb also. An die Opfer des Attentats erinnert hingegen auch heute noch kein einziger Münchner Straßenname.

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