Auf bloßen Sohlen

Barfußlaufen gilt als gesunder Trend, doch nicht jeder Fuß ist dafür geeignet

Barfußlaufen ist im Sommer meist angenehmer, Geübte können es auch im Herbst.
Barfußlaufen ist im Sommer meist angenehmer, Geübte können es auch im Herbst.

»Den Boden unter den Füßen zu spüren, ist spannend und schön.« Wenn Lorenz Kerscher vom Barfußlaufen schwärmt, klingt das nach tiefer Überzeugung. Der 71-Jährige aus dem oberbayerischen Penzberg ist einer der Pioniere der Barfuß-Bewegung in Deutschland. Er hat den Bau eines Barfußpfades an seinem Wohnort vorangetrieben, war in der Barfuß-Community aktiv, hat ein Buch und sogar ein Musical rund ums Barfußlaufen geschrieben.

Auf bloßen Sohlen unterwegs zu sein, erzählt er, sei ungemein entspannend. Als der Biochemiker sich abends nach der Arbeit vor lauter Rückenverspannungen kaum rühren konnte, therapierte er sich selbst auf dem Barfußpfad: »Der Bewegungsablauf ist beim Barfußlaufen viel harmonischer. Die Wirbelsäule wird entlastet. Außerdem fühle ich mich einfach gut dabei. Das wirkt sich auf die Psyche aus.« Bei Temperaturen über 10 Grad war Kerscher jahrelang fast nur barfuß unterwegs. Inzwischen sind seine Füße empfindlicher geworden. »Ich muss mir heute nichts mehr beweisen.«

Früher hatten passionierte Barfußläufer das Image harmloser Spinner. Das hat sich längst geändert. Seit einigen Jahren ist »unten ohne« enorm angesagt. Den Anfang, meint Kerscher, machten Barfußpfade, die ab den 1990er Jahren vielerorts in Deutschland entstanden. Inzwischen gilt Barfußlaufen als gesunder Trend, dem mitunter ein enormes Potenzial zugetraut wird. Der Münchner Fußexperte Carsten Stark etwa braucht in seinem Buch »Füße gut, alles gut« eine ganze Seite, um die Vorteile des Barfußgehens aufzulisten: Unter anderem soll es den Stoffwechsel anregen, das Herz entlasten, die Harnsäurewerte senken und die Wirbelsäulenmuskulatur kräftigen.

Die Orthopädin Christina Stukenborg-Colsman äußert sich dagegen weniger euphorisch. »Barfußlaufen wird oft überbewertet«, sagt die Präsidentin der Deutschen Assoziation für Fuß und Sprunggelenk. Für Menschen mit gesunden Füßen sei es zwar durchaus empfehlenswert, öfters mal auf bloßen Füßen unterwegs zu sein – etwa im Garten, am Strand oder auf Barfußpfaden. »Dadurch wird die Fußmuskulatur gestärkt«, meint sie.

Barfuß-Fanatismus kann sie aber wenig abgewinnen. »Man muss den Fuß auch vor Verletzungen durch Scherben oder Splitter schützen. Unsere Umgebung ist nicht dazu geschaffen, dass wir ständig ohne Schuhe herumlaufen.« Abgesehen davon können die Füße schnell überlastet werden, wenn man barfuß drauflosstürmt – vor allem dann, wenn eine Fehlstellung vorliegt. Derer sind sich aber viele Menschen gar nicht bewusst.

Woher weiß man denn, ob die Füße gesund sind? Ein Hinweis darauf kann ein Fußcheck sein: »Wenn man sich hinstellt und einem jemand von hinten auf die Füße guckt, dann müssen die Fersen senkrecht stehen«, erklärt Ulrich Betz, Leiter der Fußschule der Universitätsmedizin Mainz. »Das Zweite: Wenn man die Innenseite des Fußes anschaut, dann muss ein deutlicher Längsbogen von der Ferse hin zum Vorfuß zu sehen sein. Das Dritte sind die Zehen. Sie sollten in Verlängerung des Mittelfußes gerade nach vorne zeigen und flach ausgestreckt sein.« Ist alles in Ordnung, ist Barfußlaufen eine gute Sache, findet Betz. Aber auch dann sollte man vorsichtig dosiert beginnen, da sich der Fuß erst daran gewöhnen muss.

Wer aber eine Fußfehlstellung hat, dem drohen schnell Überlastung und Schmerzen. »Bei Menschen, die bereits Beschwerden haben, ist eine Verschlimmerung vorprogrammiert«, sagt der Physiotherapeut. So betreute er kürzlich eine Patientin mit Hallux valgus (Ballenzeh), die darüber klagte, dass ihr Zeh immer schiefer wurde. »Wir fanden dann heraus, dass sie seit einem Jahr Barfußschuhe trägt.« Auch bei bestimmten Krankheiten, allen voran Diabetes, ist Barfußlaufen tabu. Dabei können nämlich schwer heilende Wunden am Fuß entstehen.

Immerhin spricht Betz in einem Fall eine klare Empfehlung aus: Kinder sollten so viel wie möglich barfuß laufen. »Wir kommen alle mit Plattfüßen auf die Welt. Damit sich ein Fußgewölbe aufbaut, ist die Muskulatur ein entscheidender Faktor.« Bei Kälte und Verletzungsgefahr empfiehlt er Hüttenschuhe oder Anti-Rutsch-Socken, jedenfalls Schuhe ohne Fußbett, damit sich die Muskulatur entwickeln kann. Eine Studie der Uni Wien mit 620 Vorschulkindern in Japan zeigt, wie wichtig es ist, dass Kinderfüße nicht eingezwängt werden: Rund 240 der Kinder besuchten eine Vorschule, in der alle barfuß liefen. Die übrigen 380 trugen dagegen immer Schuhe, wobei diese meist viel zu klein waren. Es zeigte sich: Je weniger die Schuhe passten, desto stärker waren die großen Zehen gekrümmt. Klar am besten schnitt die Barfußgruppe ab.

Ansonsten gibt es zum Thema Barfußlaufen nur wenig wissenschaftlich fundierte Aussagen. »Die Studien, die vorliegen, bieten viel Raum für Interpretationen«, bemängelt Stukenborg-Colsman. Wissenschaftliche Daten gebe es am ehesten noch in Bezug auf sogenannte Barfuß-Schuhe – Schuhe mit dünnen, flexiblen Sohlen, die dem Fuß möglichst viel Freiheit bieten sollen. »Beim Laufsport hat sich gezeigt, dass die Fußmuskulatur darin im Vergleich zu normalen Sportschuhen besser gestärkt wird.« Ob man darin aber seltener umknickt oder schneller läuft, sei unklar, sagt die Fußchirurgin. Auf jeden Fall sind solche Schuhe aus ihrer Sicht eine gute Lösung, um die Vorteile des Barfußlaufens zu nutzen, aber Verletzungen zu vermeiden.

Sich angesichts der riesigen Auswahl zurechtzufinden, ist für Kunden allerdings schwierig. »Je weniger dran ist, desto besser«, schreibt Carsten Stark in seinem Buch. Die Schuhe sollten unter anderem aus leichtem Material bestehen, atmungsaktiv sein und eine nicht-gepolsterte Innensohle haben. Vor allem aber rät er, sich wie beim Barfußgehen langsam an die Belastung zu gewöhnen – wer ohne jede Vorbereitung mit den neuen Tretern losläuft, bekommt leicht Schmerzen.

Auch Lorenz Kerscher trägt inzwischen öfters »sogenannte Barfußschuhe«, wie er berichtet. »In der Barfuß-Bewegung sagt man: Das Wort ist wie ›Nacktbadehose‹ ein Widerspruch in sich. Daher nenne ich sie ›Minimalschuhe‹.« Auf steinigen Wegen zieht er seine Zehenschuhe gerne an – auch wenn sie nicht das eigentliche Erlebnis bieten: nämlich taunasses Gras, weiches Moos oder warmen Sand unter den Sohlen zu spüren. Auch die Hauptfigur seines Musicals, ein armes Mädchen, das gern eine Geige hätte, ist konsequent barfuß unterwegs – und nicht etwa in Minimalschuhen.

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