Organisierung auf Augenhöhe

Proteste allein führen nicht aus der Krise

  • Von Lakshmi Thevasagayam
  • Lesedauer: 3 Min.
Nach der Flutkatastrophe in Belutschistan
Nach der Flutkatastrophe in Belutschistan

Die nächste Krise, die auf die Menschheit der 2020er Jahre zurollt, nennt sich also »Energiekrise«. Während die Linke sich noch im Post-Corona-Koma befindet, ist sie auch in Schockstarre, während in diesem Sommer auf der gesamten Welt eine Klimakatastrophe auf die nächste folgt – egal ob hier die Rheinpegel auf Rekordtief sind oder die Flut im von Pakistan besetzten Belutschistan eine halbe Million Menschen obdachlos gemacht hat.

Und jetzt also Energiekrise. Der Begriff deckt jedoch nicht alles ab, was uns bevorsteht. Es ist eine Teuerung und Inflation mit Auswirkungen in genau den Sektoren, die die Menschen am meisten zum Leben brauchen: Strom, Lebensmittel, Benzin, Wohnraum, bald auch Wasser. All diese Dinge, die man ganz unten auf der Maslow-Pyramide (Modell für die Hierarchie menschlicher Bedürfnisse, d.Red.) findet und am elementarsten sind. Bedürfnisse, um die, wie uns der Kapitalismus versprochen hat, wir nie wieder bangen sollten. Weil wir ja in einem nie vorher gesehenen »Wohlstand« leben dürfen.

Die Not, Wut und Angst werden diesen Herbst groß. Man könnte sagen, dass es wieder eine Krise ist, die wirklich alle betreffen wird, genau wie die Klimakatastrophe. Aber genau wie bei dieser sind wir alle im gleichen Sturm, jedoch auf komplett unterschiedlichen Booten. Wieder werden die Ärmsten, die von Rassismus Betroffenen, die Kranken, die Menschen mit Behinderung etc. am meisten unter dieser Krise leiden. Dass laut Prognosen jetzt bis zu zwei von drei Haushalten an ihre finanziellen Grenzen und darüber hinaus gehen müssen, um das Nötigste zum Leben zu zahlen, ist ein buchstäbliches Armutszeugnis des ökonomischen Systems, in dem wir leben.

Zugang zu klimafreundlicher, bezahlbarer Stromversorgung zu haben, ist Teil der Klimagerechtigkeit, die überall gefordert wird. Die Rufe nach Protesten sind laut – von rechts wie von links. Und ja, wir müssen die Straßen einnehmen, wir müssen politische Kampagnen fahren und breite Bündnisse schaffen im Kampf gegen eine rechte Vereinnahmung. Aber es darf nicht bei reaktionären, performativen Massendemonstrationen und bei Kampagnenarbeit mit linken Gruppierungen bleiben, die Teil der gleichen Blase sind – wofür die Klimabewegung bekannt ist. Die Menschen, die am meisten unter der Energiekrise leiden, sind die, die auch am meisten unter den Folgen der Klimakatastrophe zu leiden haben. Meine Eltern kommen aus den besetzten tamilischen Gebieten Sri Lankas – dort haben die Energiepreise und jahrzehntelange Korruption dazu geführt, dass sich die Menschen seit Monaten kein Benzin leisten können, ständig fällt der Strom aus. Ein Viertel der Bevölkerung lebt gleichzeitig in Küstenregionen, welche bei der nächsten Flut direkt betroffen wären. Auch in Deutschland warnt der Städte- und Gemeindebund vor Stromausfällen. 13,6 Millionen Menschen leben hier an der Armutsgrenze. Wenn der Strom ausfällt, sind es diejenigen, die keine Ressourcen haben werden, um wie empfohlen Essen für zwei Wochen zu horten.

Solange die deutsche Klimabewegung es nicht schafft, genau diese marginalisierten Menschen zu erreichen, ist es keine Klimagerechtigkeitsbewegung. Solange die deutsche Klimabewegung es nicht schafft, für Klimareparationen für Länder des Globalen Südens einzustehen, haben wir keine Klimagerechtigkeitsbewegung.

Diesen Herbst kann sich entscheiden, ob wir als Linke es nicht nur schaffen, über unsere Kernthemen hinaus geschlossen zu kämpfen, sondern auch, wie wir mit den Menschen umgehen, für die diese Krise den finanziellen Ruin bedeutet und eben nicht nur eine ökonomische Anstrengung. Ob wir es schaffen, nicht nur Parolen zu rufen, sondern auch materielle Entlastung zu organisieren. Ob wir es schaffen, in ihre Räume zu gehen, mit Menschen zu sprechen, die nicht unsere Sprache sprechen, uns mit unseren Nachbar*innen, der Frau an der Supermarktkasse, dem Postboten und der Reinigungskraft zusammenzuschließen. Denn ihnen müssen wir die Lüge vom »Wohlstand« im Kapitalismus nicht erklären – mit ihnen müssen wir uns auf Augenhöhe organisieren.

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