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Aufbruch im Regionalverkehr

Mehr Fahrten, Akku- und Wasserstoffzüge – die Hauptstadtregion dreht auf bei der Bahn

Gewohnter Anblick, alternativer Antrieb: So sollen die Wasserstoffzüge der Heidekrautbahn aussehen.
Gewohnter Anblick, alternativer Antrieb: So sollen die Wasserstoffzüge der Heidekrautbahn aussehen.

Deutlich mehr und teilweise neue Züge, das erwartet die Menschen in Berlin und Brandenburg in den nächsten Jahren. Den Anfang macht bereits zum Fahrplanwechsel am 11. Dezember das sogenannte Netz Elbe-Spree, das unter anderem die beiden am stärksten nachgefragten Regionalexpresslinien RE1 und RE2 umfasst, die Frankfurt (Oder), Brandenburg/Havel, Potsdam, Magdeburg und Cottbus mit der Hauptstadt verbinden. Mehr und längere Züge wird es aber auch Richtung Nauen und Belzig geben.

Mehr Fahrten und eine höhere Kapazität soll es auf RE3, RE4 und RE5 ab Dezember 2026 geben, die Berlin an die Ostseeküste sowie Stendal, Falkenberg und Lutherstadt Wittenberg anbinden. Der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) gab am Dienstag bekannt, dass die Deutsche Bahn den Zuschlag für den Betrieb des Netzes Nord-Süd bekommen habe, dessen Linien in der Hauptstadt durch den Tunnel zwischen Hauptbahnhof und Südkreuz führen. Ob damit das Problem der im Sommer notorisch überlasteten Ostseezüge gelöst wird, muss sich allerdings noch zeigen.

Bereits Ende 2024 soll außerdem die Heidekrautbahn im Norden der Hauptstadt kaum wiederzuerkennen sein. Die sogenannte Stammstrecke von Berlin-Wilhelmsruh nach Basdorf soll dann wieder in Betrieb genommen werden und die derzeitigen Äste nach Berlin-Karow, Groß Schönebeck und Schmachtenhagen ergänzen. Auf der Landkarte wird so aus dem Y des Liniennetzes ein X mit Basdorf im Schnittpunkt werden.

Betrieben werden sollen die Züge dann mit Wasserstoff statt wie bisher mit Diesel. Am Mittwochnachmittag stellte viel Prominenz das neue Fahrzeug des Herstellers Siemens auf dem Berliner Messegelände auf der gerade laufenden Eisenbahnmesse Innotrans vor. Die Heidekrautbahn ist erste Kundin für den Wasserstofftriebzug, der von Siemens »Mireo Plus H« getauft wurde. Im Juni wurde bekanntgegeben, dass der deutsche Eisenbahnhersteller in der Ausschreibung den Zuschlag für die Lieferung der sieben Fahrzeuge erhalten hatte, die künftig Menschen unter anderem an den Wandlitzsee bringen sollen.

Auf dem Freigelände der Messe unterzeichnete die Berliner Mobilitätssenatorin Bettina Jarasch (Grüne) bei einer Pressekonferenz den entsprechenden, ab Ende 2024 zehn Jahre laufenden Verkehrsvertrag. Das Land Brandenburg und die Betreibergesellschaft Niederbarnimer Eisenbahn (NEB) hatten das bereits Ende Januar getan.

»Wir gehen mit der Heidekrautbahn im Projekt i2030 einen großen Schritt in Richtung Dekarbonisierung des Schienenverkehrs«, sagte Senatorin Jarasch am Mittwoch. Sie freue sich, dass es »nach einem schwierigen Vorlauf« endlich so weit ist. Denn ursprünglich war geplant, bereits Ende 2022 die Umstellung und Reaktivierung abschließen zu können. Der Wiederinbetriebnahmetermin der Stammstrecke ist allerdings wacklig; noch liegt der Planfeststellungsbeschluss nicht vor und somit gibt es noch kein Baurecht.

Es handele sich nicht nur um eine Reaktivierung, sondern auch um ein »Forschungsprojekt«, unterstrich die Mobilitätssenatorin, denn betrieben werden sollen die Züge mit »regional erzeugter Energie«. Der Wasserstoff wird per Elektrolyse aus Wind- und Solarstrom in Wensickendorf direkt an der Bahnstrecke vom Brandenburger Unternehmen Enertrag produziert werden, das sich auf regenerative Energieerzeugung spezialisiert hat. Die Wasserstofftankstelle für die Züge am Bahnhof Basdorf soll von den Kreiswerken Barnim betrieben werden.

»Warum setzen wir auf Wasserstoff?«, habe sie sich bei Amtsantritt gefragt, berichtet Mobilitätssenatorin Jarasch. Denn ihres Wissens nach sei die Energieeffizienz im Akkubetrieb deutlich höher. Tatsächlich geht bei den Umwandlungsschritten von Strom zu Wasserstoff und wieder zu Strom im Fahrzeug sowie bei Transport und Lagerung des sehr flüchtigen Gases viel Energie verloren. »Aus heutiger Sicht, seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und der Energiekrise, in der wir sind, bin ich doppelt froh, dass wir das gewagt haben und Ernst machen mit der Technologieoffenheit«, so ihre jetzige Meinung. Durch die neue Situation wisse man gar nicht so genau, wie sich die Preise bei den unterschiedlichen Technologien entwickeln würden. Klar sei: »Der Dieselausstieg kommt.« Bis 2037 soll er im Berlin-Brandenburger Regionalbahnverkehr umgesetzt sein.

Auf dem Nachbargleis des Messegeländes steht auch die Akkuversion des Triebzugs Mireo von Siemens, von dem die Niederbarnimer Eisenbahn 31 Stück kaufen wird. Sie sollen ab Ende 2024 auf zahlreichen nicht durchgehend elektrifizierten Regionalbahnlinien im Ostteil Brandenburgs den Verkehr übernehmen. Das Dröhnen von Dieselmotoren wird für Anwohnerinnen und Anwohner sowie Pendlerinnen und Pendler in vielen Bereichen bald der Vergangenheit angehören. Außerdem beschleunigen elektrisch angetriebene Züge deutlich besser, manche Fahrtzeit könnte kürzer werden. Dass sowohl der Akku- als auch der Wasserstoffzug auf dem gleichen Modell des Herstellers Siemens basiert, ist ein Vorteil für die NEB bei der Wartung. Viele Ersatzteile sind identisch.

»Es geht nicht nur darum, dass der Zug mit Wasserstoff fährt, sondern die ganze Wertschöpfungskette bei dessen Erzeugung in der Region ist«, hob Brandenburgs Infrastrukturminister Guido Beerman (CDU) bei der Vorstellung des Zuges hervor. Er sei dankbar für die Förderung des Bundes für dieses zukunftsweisende Projekt. Allein auf der Heidekrautbahn sollen jährlich 1,1 Millionen Liter Diesel eingespart, rund 3000 Tonnen CO2-Emissionen vermieden werden.

»Der Dieselausstieg beginnt 2024 auf der Heidekrautbahn«, sagte NEB-Vorstand Detlef Bröcker stolz. Sein Unternehmen habe damit zusammen mit der Reaktivierung »in Eigeninitiative zwei Leuchtturmprojekte auf den Weg gebracht, die als Meilensteine auf dem Weg zur Energie- und Verkehrswende gelten können«.

Wie für alle Infrastrukturprojekte brauchte es lange Vorlaufzeiten. Finanzvorstand Simon Hagedorn vom Wasserstofflieferanten Enertrag berichtete, seit 2017 an dem Vorhaben zu arbeiten, und gab sich zuversichtlich, 2024 auch liefern zu können. Vor Ort gibt es allerdings Widerstand. Möglicherweise wird es also auch mit der Dekarbonisierung der Heidekrautbahn ein bisschen länger dauern als derzeit erhofft.

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