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Steil bergauf zum Enzian

Wandern am Watzmann ist eine schöne Herausforderung

Wandergruppe am Jenner
Wandergruppe am Jenner

Alexander Huber wartet schon. Vermutlich ist er zum lockeren Aufwärmen nach oben gelaufen, denn als die Gruppe auf 1800 Meter Höhe an der Bergstation der Jennerbahn aus der Gondel steigt, wartet er lächelnd am Ausgang. Alexander Huber gehört zusammen mit seinem älteren Bruder Thomas zu den bekanntesten Extrembergsteigern der Welt. Der jüngere der »Huber Buam« wird uns heute begleiten und uns seine Heimat Berchtesgaden zeigen. Damit wir mit ihm Schritt halten können, muss er seine Schritte zügeln.

Vom Jenner, dem Hausberg von Berchtesgaden, starten einige der schönsten Wanderungen im Nationalpark Berchtesgaden. Und man hat den besten Blick hinab auf den Königssee und hinüber zum Watzmann-Massiv. Der stolze Berg ist mit 2713 Metern der dritthöchste Gipfel in den deutschen Alpen. In den 1970er Jahren hat ihn Liedermacher Wolfgang Ambros als »Schicksalsberg« besungen, und Alexander Huber gibt ihm da Recht. Bergsteigerisch sei die Watzmann-Überquerung zwar keine Herausforderung, trotzdem fordere der absturz- und steinschlaggefährdete Pfad immer wieder Opfer. Seit der Erstbesteigung im Jahre 1881 sind schon mehr als 100 Menschen am Berg gestorben und damit weit mehr als an der berüchtigten Eiger-Nordwand. Laut Huber gehört der Watzmann zu den tödlichsten Bergen der Welt. »Der Watzmann wehrt sich«, sagt der Bergsteiger.

Die schönste Arbeitsstelle

Uns ist es ganz lieb, dass der Superkletterer heute ein einfacheres Ziel ausgesucht hat. Es geht an den Hängen des Jenner hinunter zur Priesbergalm auf 1350 Metern Höhe. Dort liegt die älteste, noch heute betriebene Bergbrennerei Deutschlands. Bereits 1692 hatte Fürstpropst Joseph Clemens von Bayern der Familie Grassl das Recht erteilt, Enzianwurzeln auszugraben, Wacholderbeeren zu sammeln und daraus Schnäpse zu brennen. Das macht Max Irlinger auch heute noch. Der junge Mann aus Berchtesgaden verwirklicht sich oben auf der Alm seinen Lebenstraum. Schon immer wollte er Bergbrenner werden. Er schwärmt: »Eine schönere Arbeitsstelle als hier oben kann ich mir nicht vorstellen.« Zumindest was die Höhenmeter angeht, war seine Berufskarriere ein steiler Aufstieg. Denn seine erste Brennerstelle hatte er unten im Tal. Weil es ihm oben am Berg aber viel besser gefällt, steigt er so früh wie möglich im Jahr auf zu seiner Hütte. »Wenn es die Schneelage zulässt, bin ich ab Mitte Mai hier oben«, sagt er. Im Umfeld der Hütte wächst auch der Rohstoff für seinen Schnaps.

Das Wurzelgraben ist keine einfache Angelegenheit. Es braucht Erfahrung und Kraft, um die einen Meter langen und bis zu zwei Kilo schweren Wurzeln des gelben und violetten Enzians aus der Erde zu bekommen. »Die besten Graber schaffen 50 Kilo am Tag«, sagt Irlinger, der die Wurzeln dann kleinhackt, einmaischt und zweimal brennt. Der Bergbrenner ist stolz auf seine Produkte und entsprechend freigiebig mit seinen Kostproben. Damit die hochprozentigen Leckereien nicht allzu sehr auf die Kondition schlagen, kredenzt er zu seinem Schnaps auch einen voll beladenen Brotzeitteller mit lokalem Käse und Schinken.

Der Sternekoch im Fels

Mit Essen kennt sich auch Uli Heimann aus. Der Spitzenkoch aus dem Schwarzwald arbeitet schon seit 2005 im Restaurant Pur des Kempinski-Hotels Berchtesgaden. Jedes Jahr aufs Neue hat er dort einen Michelin-Stern erkocht. Normalerweise wechseln Spitzenköche wie er häufiger den Standort. Heimann kann es sich aber nicht vorstellen, aus den Alpen wegzuziehen. Das liegt am Bergsteigen, seiner zweiten Leidenschaft neben dem Kochen. Er hat sich deswegen für den nächsten Tag ein ganz besonderes Programm ausgedacht. Er richtet zusammen mit Männern der einheimischen Bergwacht für die Gäste einen kleinen Kletterparcours am Berg ein. Dabei hilft ihm auch Thomas, der ältere der beiden Huber-Brüder.

Schnell sind die Sicherungsseile verspannt. Trotzdem scheint es so, als wäre der Weg an der Felswand entlang für Anfänger unbezwingbar. Obwohl sie gut gesichert sind, wagen sich selbst die Mutigsten zunächst nur zögernd nach oben. Mit zittrigen Knien kämpfen sie sich trittsuchend Meter für Meter den Fels hinauf. Thomas Huber spaziert dagegen mit heruntergetretenen Turnschuhen und einer Hand in der Hosentaschen scheinbar schwerelos durch die Wand und gibt da, wo es nötig ist, Tipps und Hilfestellung. Mit solch kompetenter Unterstützung kann eigentlich nichts schiefgehen, und am Ende des Tages haben fast alle die Wand bewältigt. Die kleine Übung solle die Gäste am Berg sicherer machen, erklärt Heimann. Wer sich nach der Kletterstunde aber noch nicht fit fühlt für Touren auf Niveau der Huber-Buam, der findet im Berchtesgadener Land auch unzählige Wege, die jedermann am Berg bewältigen kann.

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