Die Macht der Glücklichen

BallHaus Ost: In Weimar schaut ein Junge seinem Vater beim Fußballspielen zu. Noch Jahre später schaut er lieber Amateurspiele als die WM in Katar.

Ben Keßler von der BSG Chemie Leipzig verschießt den letzten entscheidenden Elfmeter im Alfred-Kunze-Sportpark gegen Lok Leipzig im Sachsenpokal.
Ben Keßler von der BSG Chemie Leipzig verschießt den letzten entscheidenden Elfmeter im Alfred-Kunze-Sportpark gegen Lok Leipzig im Sachsenpokal.

Nochbundestrainer Hansi Flick tummelte sich am Freitag mit seinen Buben in Leipzig. Wie ich hörte, soll er dort gegen die Ungarn verloren haben. Als Katarboykotteur bin ich längst raus aus dem Nationalmannschaftsschnickschnack und schau mir stattdessen an, was die lieben ganz Kleinen gegen die normalen Kleinen in den Landespokalen Ostdeutschlands so anstellen. Stadtderbys in Brandenburg zwischen Stahl und Brandenburg Süd sowie in Leipzig zwischen Chemie und Lok Leipzig lenkten meine Aufmerksamkeit ab von den großen Fragen der Zeit (mögliche 3. Intifada, Faschisten in Italien vor Wahlsieg, die üblichen Kriege), auf die ich keine Antworten habe.

Ende der sechziger Jahre erklomm ich häufig mit meiner Mutter den Weimarer Lindenberg, um im dort gelegenen Stadion meinen Vater bei den Alten Herren spielen zu sehen. Er kickte als linker Läufer bei Motor, ich erinnere mich, als er wie ein Blitz an Mutter und mir vorbeischoss und der Dreck von seinen Stollenschuhen uns ins Gesicht spritzte. Oder waren es die seines Gegenspielers? Es war mein erster Kontakt mit dem rasenbewachsenen Gebiet hinter den blechernen Banden, die uns von Vater trennten und das Spielfeld umrahmten, um leidenschaftliche Fans vom Betreten des Spielfelds abzuhalten. Die gute Sportplatzerde schmeckte salzig, doch ich empfand es als Wink des Schicksals.

Als kleiner Fußballdreckmagnet blickte ich stolz meinem Vater hinterher, der seinen Gegenspieler abschüttelte, den Ball in die Mitte spielte und sich kurz darauf jubelnd in ein Spielerknäuel warf. Diese feiernde Männergruppe setzte die Fußballsaat in mir fest, ich wusste, ich würde auch einmal wie er mit Freunden das unendliche Glück des Siegers erleben dürfen.

Nach dem Spiel trafen sich die Familien der Spieler neben der alten Holztribüne. Die Männer tranken Bier, ihre Frauen Kaffee und die Kinder rote Brause. Bratwürste brutzelten auf dem Holzkohlegrill, den ein unheimlich dicker Mann bediente, der alle kleinen Jungs, die beim Herumtollen seinem Rost zu nah kamen, mit Arschtritten traktierte. Die Männer rissen freche Witze, wenn ihre Frauen nicht in der Nähe waren. Alle rauchten selbstverständlich und spuckten hin und wieder riesige Fladen aus. Was für großartige Aulen unsere Väter hervorbrachten, wir Kinder übten uns etwas abseits ebenfalls im Rotzen. Manchmal hatte einer eine Zigarette geklaut, die wir heimlich wegpafften, wir kleinen Königskinder.

In meiner Erinnerung waren es milde Herbsttage, als hätte es in der DDR keinen Winter, Frühling oder Sommer gegeben. Vater trug beim Fußball ein Stirnband, die Mode der Siebziger gelangte bis Weimar. Seine Mitspieler rühmten Vaters linken Latsch, seine fette Klebe. Vater war beidfüßig und beidhändig. Er meinte, das käme vom Violinespielen. Vater liebte und hasste als Kind und Jugendlicher die Klassiker und studierte kurz in Weimar Musik, bis sein Vater an einer Kriegsverletzung starb und er seine sechs Geigen für immer auf dem Dachboden ablegte, um im Geschäft seiner Mutter einzusteigen. Er vererbte mir die Schnelligkeit und die tiefe Sehnsucht nach der Auflösung im Fußballspiel.

Es währte nicht mehr lange, bis mich Vater im Alter von sieben Jahren bei den Knaben der BSG anmeldete. Als magerer Brillenträger war ich anfangs nicht zu gebrauchen, doch ich lernte schnell mich durchzusetzen und trat im Zweifel gegen Scheinbeine. Ich wurde für ein paar Jahre ein flinker Stürmer im Dress von Motor Weimar, bis ich mich bei anderen Weimarer Clubs verdingte und im Juniorenalter unendliches Glück bei Empor Weimar fand.

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