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Klassiker im Heiligtum

Deutsche Fußball-Auswahl trifft nach 0:1 gegen Ungarn nun auf England und hofft auf frische Impulse

  • Von Frank Hellmann, Leipzig
  • Lesedauer: 4 Min.
Auch Stürmer Kai Havertz (3.v.r.) fand kein Durchkommen durch ungarns solide Defensive.
Auch Stürmer Kai Havertz (3.v.r.) fand kein Durchkommen durch ungarns solide Defensive.

Noch immer bekommen Fußballfans aus aller Welt beinahe Herzflattern, wenn sie von der London Underground an der Station Wembley Park die Treppen zur Empore nehmen, die freien Blick aufs Heiligtum eröffnet. Der riesige Stahlbogen des Wembley-Stadions war am Sonntag schon beim Anflug auf das Drehkreuz London-Heathrow nicht zu übersehen. Die alte Konstruktion wurde ja vor fast genau 22 Jahren abgerissen – nach einer 0:1-Niederlage Englands gegen Deutschland. Dietmar Hamann verdarb damals den Briten ihren Abschied vom Mythos, der immer noch mitspielt, wenn sich diese stolzen Fußball-Nationen nun wieder begegnen.

Sonst wäre das Schmuckkästchen mit seinen 90 000 roten Schalensitzen für den Klassiker England gegen Deutschland (Montag 20.45 Uhr/RTL) nicht ausverkauft. Nur konnte niemand ahnen, dass die Würfel in der Nations-League-Gruppe jetzt schon gefallen sind: Das DFB-Team hat das Final Four im Sommer 2023 vergeigt, die »Three Lions« sind gar abgestiegen, aber »das ist immer ein Prestigespiel«, sagt DFB-Direktor Oliver Bierhoff. Wenn der 54-Jährige von »Wiedergutmachung« spricht, meint er vor allem das enttäuschende EM-Achtelfinale 2021 (0:2), als die Ära Joachim Löw fast unwürdig endete. Hansi Flicks 15. Länderspiel wird zugleich zum wichtigsten Stimmungstest vor der WM in Katar (20. November – 18. Dezember).

Ohne Idee und Überzeugung wie gegen Ungarn (0:1) darf der vierfache Weltmeister auf dem heiligen Rasen nicht antreten, will die deutsche Elf nicht alle Fortschritte aus dem ersten Flick-Jahr konterkarieren. »Wir müssen schauen, dass wir über 90 Minuten besser spielen«, sagte Flick. Der 57-Jährige hat übers Wochenende viele Gespräche geführt, um zu ergründen, warum sein Ensemble plötzlich in überwunden geglaubte Verhaltensmuster der Löw-Endphase zurückfiel.

Frische Impulse sind gefragt: Jamal Musiala erschien am Sonntag in London nicht grundlos zur Pressekonferenz: Der 19-jährige Alleskönner spielte seit dem siebten Lebensjahr für den FC Chelsea, ehe er zum FC Bayern kam – England ist sein »zweites Zuhause«. Flick schätzt am Toptalent »das gewisse Etwas«. Dafür steht ebenso der bei den Blues angestellte Kai Havertz. Der 23-Jährige dürfte in seiner Wahlheimat ins Sturmzentrum rücken. Mit den Edeltechnikern sind Hoffnungen auf mehr spielerische Lösungen verknüpft, denn die Offensive wirkte gegen die Magyaren planlos.

Serge Gnabry oder Timo Werner fehlten Form und Selbstvertrauen, Thomas Müller hatte seinen stärksten Moment in der Analyse am ZDF-Mikrofon. Der Freifahrtschein in der Startelf für Flicks Lieblingsspieler ist diskutabel. Gleichwohl wird der Bundestrainer Grundprinzipien und Grundordnung nicht über den Haufen werfen, denn: »Die Zeit der Experimente ist vorbei.« Gar nicht die Reise auf die Insel hat der gesperrte Abwehrchef Antonio Rüdiger angetreten, den Matthias Ginter oder Nico Schlotterbeck ersetzen können. Robin Gosens dürfte für David Raum eine Chance als Linksverteidiger bekommen.

Der Plan, mit zwei Offensiven – Jonas Hofmann und Gnabry – am Freitag die rechte Seite zu überladen, sei nicht aufgegangen, gestand Flick. Diesen taktischen Irrtum nehme er auf seine Kappe. Die Selbstkritik sollte signalisieren: Auch das Trainerteam muss besser werden, wenn es mit dem fünften Stern in Katar klappen soll. An dieser immer noch großspurig anmutenden Zielsetzung will die DFB-Direktion Nationalmannschaften für den Wüstentrip festhalten. »Wir fangen bei dem Turnier bei null an«, beteuerte Bierhoff. Flick verbarg seinen Frust in Leipzig nur mühsam. »Ab und zu sollte man nicht ganz seine Emotionen rauslassen«, verriet der gebürtige Heidelberger, nachdem er eine lange Mängelliste aufgezählt hatte: »Die erste Halbzeit war die schlechteste Halbzeit in den letzten 14 Spielen: wenig Mut, wenig Vertrauen, wenig Dynamik, wenig Intensität – viele Fehler.«

Immerhin reagierten die Spieler selbstkritisch. Von »45 bis 90 Minuten zum Vergessen«, sprach Mittelfeldmann Ilkay Gündogan, der daran erinnerte, dass es »gegen England nie Freundschaftsspiele gibt«. Müller bemerkte, »dass die Phase nicht die leichteste ist«: Gemeint waren die Protagonisten vom FC Bayern: Deren Schaffenskrise ist dann doch mitten ins Nationalteam geschwappt. Wie sich die Gemengelage in München entwickelt, wird unweigerlich auch auf Flicks Arbeit abfärben. Die Nationalspieler in den Topvereinen haben bis zur WM ein Programm mit 13 Pflichtspielen (acht Bundesliga-, vier Champions-League-Spieltage und eine DFB-Pokalrunde) zu bewältigen. Den finalen WM-Kader wird Flick in der Woche vor dem 15. Bundesliga-Spieltag benennen, ehe am 14. November der Flieger nach Oman geht, wo die kurze Eingewöhnung für eine umstrittene WM stattfindet, die bei vielen Fußballfans eher Bauchgrimmen als Herzflattern hervorruft.

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