Mehr Empathie bitte!

Nur wenn Kritik an kultureller Aneignung ernst genommen wird, kann Popkultur sexier für alle werden

Schön anzusehen, und dennoch nicht tragbar: Pierre Brice als Winnetou.
Schön anzusehen, und dennoch nicht tragbar: Pierre Brice als Winnetou.

In diesem Sommer gab es noch einmal zwei Eklats in Sachen kultureller Aneignung: In Bern trugen bei einem Auftritt der Reggae-Band »Lauwarm« einige der weißen Musiker Rastazöpfe. Außerdem nahm der Ravensburger Verlag seine »Winnetou«-Bücher aus dem Programm, weil darin, so der Verlag, rassistische Stereotype zum Ausdruck kämen. Seitdem steht das Thema wieder ganz weit oben in der öffentlichen Diskussion. Die kollektive Identität der Mehrheitsgesellschaft ist dabei eine sehr diffuse und hochsensible Angelegenheit. Da Rastazöpfe mittlerweile auch schon zum europäischen Alternativkulturgut gehören und »Winnetou« unser aller Jugendzimmer geziert hat, fließen natürlich gleich Tränen, wenn plötzlich die Legitimität dieses Umstands hinterfragt wird. Das ist so ähnlich wie bei einem Kleinkind, dem das Spielzeug weggenommen wird: Das Resultat ist im schlimmsten Falle nicht enden wollendes Geheule. Und dieses Geheule wirkt, wenn es derzeit die Mehrheitsgesellschaft tut, schon fast wie eine reaktionäre Gegenoffensive, mit der man sich zum eigentlichen Opfer stilisiert. Eskortiert durch einschlägige deutsche Boulevardblätter erhält diese Perspektive dann auch ziemlich viel öffentliche Resonanz.

Natürlich kann ich es sehr wohl verstehen, dass man nun bemüht ist, das Thema herunterzukochen und ihm das erdrückende Gewicht zu nehmen – solche Versuche klingen in meinen Ohren jedoch immer nach gut gemeintem Trost. Dieser bringt mit Verlaub leider nichts, denn die Sache ist wesentlich komplexer, als es die um Beschwichtigung bemühten Vertreter*innen der Mehrheitsgesellschaft gern hätten. Stattdessen sollte man sich von falschen Versöhnungsgesten verabschieden. Wenn, dann versöhnen wir uns, nachdem wir uns aufrichtig – und vor allem fair – gestritten haben. Es ist an der Zeit! Als erstes möchte ich sagen, dass ich die Popkultur als gesellschaftliches Phänomen sehr ernst nehme, denn ich weiß um ihr zerstörerisches Potential. Popkultur ist keineswegs ein neutraler Spielplatz für alle. Sie ist extrem weiß dominiert. Deswegen hat für mich die eklektische Habgier der »Raubritter« – wie sich zum Beispiel die US-amerikanische Rockband Steely Dan einmal selbst genannt hat, um auszudrücken, wie oft sie sich bei anderen Kulturerzeugnissen bedient – keine Priorität.

Die Popkultur muss nicht bedient werden. Sie nimmt sich eh alles, was sie kriegen kann. Relevant für mich ist die Frage: »Was kann man sich zurückholen?«
Ich war zu Fasching stets »Cowboy«. Für mich war es normal, dass Indigene in den von mir heißgeliebten Western immer die Verlierer waren und in Massen abgeknallt wurden – bis ich irgendwann von dem fatalen Unrecht erfuhr, dem sie zum Opfer gefallen waren. Danach waren Cowboys im Fasching für mich gegessen. 

Als Kulturphänomen ist Karl May aus der deutschen Literatur leider nicht wegzudenken. Ich würde trotzdem unseren Kindern seine Bücher nicht unkommentiert antun wollen, denn sein Werk spiegelt ein Weltbild wider, dessen Problematik darin begründet liegt, dass wir mittlerweile – im Gegensatz zu ihm damals – die tragische Geschichte des »Wilden Westens« sehr gut kennen. So schön Pierre Brice als Winnetou-Verkörperer auch war: Die »Winnetou«-Romane von May und ihre Verfilmungen sind gesellschaftlich nicht tragbar.

Als eines der beliebten Anschauungsbeispiele zu dieser Debatte ziehen diejenigen, die kulturelle Aneignung verteidigen, gerne Bob Marley heran: Sein Song »Punky Reggae Party« sei als Aufruf zum Stilmix zu verstehen, somit also auch als Legitimation für Weiße, die Rastazöpfe tragen. Es ging Marley aber vor allem um die Solidarität zwischen zwei marginalisierten Gruppen in einer postkolonialen Weltordnung. Auch hat keiner von The Clash jemals Dreadlocks getragen, denn sie waren eben Punks und sich dessen auch bewusst. Die ideale Welt, in der wir alle gleich zu sein scheinen und gleichberechtigt kulturelle Elemente munter untereinander austauschen – sie hätte vielleicht damals, in den 1970er Jahren, beginnen können. Aber die globale Entwicklung bis heute zeigt leider genau in die entgegengesetzte Richtung. Diese Welt von »Friede, Freude, Eierkuchen« ist eine Illusion geblieben, denn sie funktionierte nur für die »weltoffenen« Weißen. Als Drittweltmensch kannst du noch so weltoffen sein, du kriegst dafür nicht mal ein Visum. Stattdessen hast du es mit dem Monster des ungeklärten postkolonialen Erbes und mit äußerst rassistischen Strukturen zu tun. Und das wird noch sehr lange so anhalten. Face it! Deswegen werden Gegenforderungen jetzt direkter, härter und kompromissloser gestellt. Das heißt nicht, dass es sie vorher nicht gab. Es interessiert nur niemanden, wenn man sie nicht vehement genug einfordert. Dass das für die Vertreter*innen der Mehrheitsgesellschaft unangenehm ist, kann ich verstehen. Aber das Leben ist eben keine Schimmelrevue. Ich würde mir nie anmaßen, Weißen mit Dreadlocks die Bühne zu verweigern, aber ich bin auch nicht schwarz und habe mit Rasta-Kultur nichts zu tun. Was ich allerdings kann, ist: Empathie entwickeln und es durchaus verstehen, wenn Menschen die Ausschlachtung, Aneignung und Umformulierung ihrer hart erarbeiteten Gegenkultur mächtig auf den Senkel geht. Denn diese wird von der heiligen Popkultur seit jeher in leckere Donuts verarbeitet, um sie dann den unbedarften Kids einer Luxusgesellschaft feilzubieten. Die Wut, die das erzeugt, kann ich gut verstehen. Sie entspringt nicht der puren Lust an der schlechten Laune, sondern ist das Resultat von jahrhundertealtem Schmerz.

Mein Resümee ist: Von Verboten oder Diffamierungen kann keine Rede sein. Dazu hat keiner die Macht, wir marginalisierten Gruppen der Gesellschaft schon gar nicht. Euren »Winnetou« nimmt euch so schnell niemand weg, auch wenn die Springer-Presse davon überzeugt ist. Es wird lediglich versucht, auf Perspektiven der Unterprivilegierten hinzuweisen und eine Debatte anzuschieben, die von hoher gesellschaftlicher Relevanz ist. Verschobene Machtverhältnisse nur zu benennen und mit dem Finger darauf zu weisen, hilft alleine nicht. Um sie effektiv angreifen zu können, braucht es mehr Solidarität und auch Demut. Wir alle müssen das weiß dominierte Grundkonzept der Popkultur wahrnehmen und begreifen. Statt nur zu heulen und zu lamentieren, sollte man den »anderen« zuhören und sie ernst nehmen. Nur so wird Popkultur sexier für uns alle, nicht nur für euch!

Dieser Text wurde in einer etwas vereinfachten Form am 20.9. für den »Zündfunk« von Bayern 2 gesendet. Der Autor ist Veranstalter, Blogger, DJ und Musiker. Er lebt als Deutscher mit türkischem Background zwischen München und Istanbul. Unter dem Künstlernamen Blash war er in den 80er Jahren einer der ersten Graffitikünstler in Europa. Bei den Münchner Kammerspielen moderiert er die monatliche Talkreihe »Dies Das«.

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