So viel wie nötig, so wenig wie möglich

Das Stille Kündigen kann ein Weg sein, sich von der Arbeit abzugrenzen, ohne sein Einkommen zu verlieren

Wer den Begriff des »Stillen Kündigens« nicht kennt, könnte meinen, es ginge hierbei um das unauffällige Verlassen seines Arbeitsplatzes. Hinter ihm und seinem englischen Pendant »Quiet Quitting« verbirgt sich allerdings eine vielseitige Diskussion über Arbeitsbedingungen, die ganz ohne tatsächliche Kündigungen auskommt. Mit mehr als 153 Millionen Aufrufen auf der Kurzvideo-Plattform Tiktok bleibt das Phänomen seit August dieses Jahres heiß diskutiert. Vor allem die Formulierung des »Kündigens« sorgt für anhaltende Kontroversen.

Unter dem Stillen Kündigen versteht man die Praxis, den eigenen Job nur so weit zu erledigen, wie tatsächlich gefordert ist – ohne Überstunden, Erreichbarkeit nach Feierabend oder Übernehmen von zusätzlichen Aufgaben. Es ähnelt dem deutschen »Dienst nach Vorschrift« und wird vor allem von Büroangestellten benutzt. Diese Haltung mag nicht unbedingt neu sein, das Schlagwort und die Diskussion um dieses aber schon.

Viele sehen das Phänomen als logische Folge der derzeitigen Lage, in der sich Beschäftigte aktuell befinden. Bei stagnierenden Gehältern und gleichzeitig steigenden Lebenshaltungskosten verwundert es wenig, wenn Menschen eine kritische Haltung gegenüber einer Burnout-fördernden Arbeitskultur entwickeln. Auch die Corona-Pandemie wird als zusätzlicher Faktor einer Desillusionierung gesehen, im Zuge dessen die eigene Lebensqualität mehr in den Fokus gerückt ist.

Die meisten Arbeitnehmer*innen haben jedoch keine Möglichkeit, ohne Lohnarbeit finanziell zu überleben. Das Stille Kündigen kann daher ein Weg sein, sich von der Arbeit abzugrenzen, ohne sein Einkommen zu verlieren.

Stilles Kündigen wird aber nicht von allen begrüßt, sondern von manchen als Faulheit der jüngeren Generationen abgetan. Neoliberal-pragmatisch wird auch im Managementmagazin »Harvard Business Review« argumentiert: »Unternehmen sind darauf angewiesen, dass ihre Mitarbeiter bei Bedarf zusätzliche Anforderungen erfüllen.« Zu ihnen gesellen sich andere Stimmen, die Angestellten die tatsächliche Kündigung empfehlen, wenn sie ihre Tätigkeit als wenig sinnstiftend empfinden.

Der größte Kritikpunkt ist für die meisten Arbeitnehmer*innen jedoch der Name an sich. Viele sehen einen Widerspruch zwischen dem Begriff »Stilles Kündigen« und seiner Bedeutung »Dienst nach Vorschrift«. Eine Tiktokerin fasst das in einem ihrer Videos so zusammen: »Der Begriff verwirrt mich. Nennt man das nicht einfach arbeiten, also seinen Job erledigen, mit gesunden Grenzen?« Das Wort »Kündigen« in diesem Kontext legt unterschwellig nahe, dass das Entlassen von Beschäftigten, die keine zusätzlichen Aufgaben übernehmen, gerechtfertigt ist. Die Schuld wird so den Entlassenen zugeschrieben.

Diese Kritik ist weit verbreitet unter denen, die den Ansatz hinter dem Stillen Kündigen nachvollziehbar oder sogar gut finden. Manche von ihnen bevorzugen daher den Begriff »acting your wage«, was mit »sich seinem Gehalt entsprechend verhalten« übersetzen lässt.

Das Statistische Bundesamt berichtete im Juli 2022, dass zwölf Prozent aller Beschäftigten Überstunden leisten, von denen fast ein Viertel keinerlei Ausgleich für die zusätzliche Arbeit erhalten. Da ist es kaum verwunderlich, dass einige nun nur noch die Arbeit erledigen wollen, die vereinbart ist. Die neueste Reaktion der Unternehmenswelt auf »Quiet Quitting« lässt allerdings wenig Gutes verheißen: Beim »Quiet Firing« werden Angestellte subtil aus ihren Stellen gedrängt. Eine verbesserte Arbeitswelt scheint da erstmal nicht in Sicht.

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