Einer gegen alle?

Ein neu entwickelter Antikörper kann im Labor alle bisher bekannten Varianten von Sars-CoV-2 neutralisieren – von Alpha bis Omicron

Biolumne: Einer gegen alle?

Da war die Hoffnung, dass das Coronavirus nur selten mutiert. Die Pandemie hat uns gelehrt, dass wir da irrten. Es sind immer neue Varianten entstanden. Die konnten nicht richtig von den Antikörpern erkannt werden, die nach einer überstandenen Infektion oder Impfung gebildet wurden. Trotz Impfung kam es daher bekanntlich zu vielen Erkrankungen, wenn auch zumeist nicht mit schwerem Verlauf. Zudem wurden zunächst therapeutisch erfolgreich eingesetzte Antikörper mit der Zeit unwirksam.

Deshalb wurde weltweit mit der Suche nach Antikörpern mit breiterer Wirkung begonnen. Nach solchen, die fähig sind, möglichst jede Virus-Variante zu bekämpfen, die entstehen könnte. Dem scheint Erfolg beschieden. Ein Antikörper, der von der Gruppe um Fred Alt an der Harvard Medical School und im Boston Children’s Hospital entwickelt wurde, lässt hoffen. (DOI:10.1126/sciimmunol.add5446) Bei den vorklinischen Untersuchungen im Labor ließen sich mit ihm alle bisher bekannten Varianten – von Alpha bis Omicron – erfolgreich neutralisieren. 

Sie erinnern sich: Das Coronavirus ist, wie jedes Virus, außerhalb eines Wirts ein lebloses Partikel. Um sich zu vermehren, muss es sein Erbmaterial in eine Zelle einschleusen. Der erste Schritt dazu ist, sich an die Zelle zu binden. Viren sind da sehr erfinderisch. Das Coronavirus besitzt ein aus seiner Oberfläche herausragendes Spikeprotein. Mit dem kann es sich an den sogenannten ACE2-Rezeptor der Zellen anheften und den für seine Zwecke missbrauchen. 

Viele der Antikörper, die wir als Antwort auf die Impfstoffe bilden, zielen darauf, das zu verhindern. Sie blockieren den für den Kontakt notwendigen Abschnitt des Spikeproteins. Doch gerade der erwies sich als sehr anfällig für Mutationen. So konnten all die Virusvarianten entstehen, die uns trotz Impfung infizieren. 

Der neu entwickelte Antikörper wirkt ungewöhnlich. Auch er heftet sich an das Spikeprotein. Aber an anderer Stelle. Das hindert das Virus nicht am Rezeptor anzudocken. Nach Schutz klingt das eigentlich nicht. 

Doch damit das Virus uns infizieren kann, reicht es nicht, dass es sich an Körperzellen bindet. Seine RNA muss auch in die Zelle hineingelangen. Das geht nur, wenn die Membran, die das Virus umhüllt, mit der Membran der Zelle verschmilzt. Und genau das vereitelt der neue Antikörper. Das Virus wird gleichsam an der Klinke festgeklebt, mit der es die Tür zur Zelle öffnen wollte. Doch die lässt sich nicht bewegen und es kann nicht hinein. Das ist ein völlig neuer Mechanismus. Vermutlich ist das der Grund für die breite Wirksamkeit des Antikörpers. Jener Abschnitt des Spikeproteins, an den der neue Antikörper bindet, ist bisher bei allen Virusvarianten unverändert. Das lässt hoffen, dass es weiter so bleibt. 

Doch der Weg ist noch weit. In klinischen Prüfungen müssen die Ergebnisse beim Menschen bestätigt werden. Sind die erfolgreich, kann man umfassender schützende Impfstoffe und Behandlungen in Angriff nehmen und auch das ständige »Boostern« könnte ein Ende haben.

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