Vom Zuckerguss der Hohen Kunst

Ein Brief an den Theatermacher Peter Stein zum 85. Geburtstag

Der frühere Theaterrevoluzzer Peter Stein wird 85.
Der frühere Theaterrevoluzzer Peter Stein wird 85.

Lieber Peter Stein,

unbekannterweise gratuliere ich Ihnen herzlich zum 85. Geburtstag! Wir sind uns nie begegnet, Sie leben ja schon seit einigen Jahren sehr lontanoentfernt vom Theatergeschehen Ihrer früheren Wirkungsstätten. (Der Dokumentarfilm »Lontano – Die Schaubühne von Peter Stein« von Andreas Lewin meint mit dem italienischen Begriff noch mehr – ich komme darauf zurück.) Und ich muss gestehen, dass ich hier nicht als Fan Ihrer Inszenierungen, die Autoren dienen wollten, und vor allem nicht Ihrer Interviews der letzten Jahrzehnte schreibe.

Aber Sie sind mir sehr präsent als junger Theaterschaffender, als bekennender linker, in seiner Herkunft bürgerlicher Regisseur, als damals offiziell antiautoritärer Theaterleiter der Westberliner Schaubühne, der sich öffentlich an der Abschaffung des Intendanzpostens interessiert zeigte und gleichzeitig die Kolleg*innen jahrelang für die gemeinsame kollektive Arbeit motiviert und versammelt hat. Natürlich kennen wir heute den (im doppelten Sinn) Fortgang des damaligen sehr hoffnungsvollen, kämpferischen Theateraufbruchs in der BRD. Aber vor über einem halben Jahrhundert haben Sie gemeinsam mit anderen die richtigen und wichtigen Fragen an das eigene Handeln gestellt. Schon die Produktionsprozesse dessen, was wir als Produkt Theater nennen, wollten Sie und die politisch aufgeweckten Ihrer ebenfalls überwiegend jungen Kolleg*innen radikal anders gestalten. (Ja, es waren Frauen dabei, nur leider wirklich nicht viele – und das lag nicht daran, dass den Kolleginnen der Status quo des bourgeoisen Theaterschaffens einfach schon so gut gefallen hätte.)

Kritik und Neuanfänge lagen 1968 in der Luft, die heutige Luft ist eine ganz andere, aber die Konsequenz und Reflektiertheit (trotz der blinden Flecken!), mit der Sie eine Zeit lang wieder und wieder Versuche gestartet haben, miteinander (Sie waren es ja niemals allein) Theater zu machen in der Hoffnung, eine grundsätzliche gesellschaftspolitische Alternative zu den kapitalistischen Verhältnissen mit voranzutreiben, beeindruckt mich.

Ich erinnere gern daran, dass die damaligen (radikal-)demokratischen Aufbruchversuche (nicht nur an der Westberliner Schaubühne oder am Schauspiel Frankfurt, in Bremen, Kassel, Heidelberg, Saarbrücken, Dortmund, Bochum, Gelsenkirchen …) zum Ziel hatten, den auch heute wieder regelmäßig hart kritisierten eklatanten Widerspruch zwischen öffentlich kommuniziertem emanzipatorischen Anspruch von Theaterschaffenden und ihrer von Abhängigkeitsverhältnissen und Konformismus geprägten Arbeitspraxis backstage (innerhalb der staatlich finanzierten Institutionen) zu überwinden.

Sie selbst haben Anfang 1969, als u. a. von den Münchner Kammerspielen wegen Agitation des Publikums entlassener Regieassistent (als Teil Ihrer Kollektivinszenierung »Viet Nam Diskurs« wurden Spenden gesammelt, die Waffen für den Vietcong finanzieren sollten), am Bremer Theater ausgerechnet Goethes »Tasso« inszenieren dürfen – ein großer Erfolg bei den Kritikern. Konnte Sie das freuen? Gemeinsam mit dem Autor Yaak Karsunke hatten Sie im Programmheft über die Inszenierungsarbeit geschrieben: »Goethes Torquato Tasso ist das Drama von dem überflüssigen (d. h. luxuriösen) Zuckerguß der Hohen Kunst, mit dem das unnötige Elend überzogen wird, um es genießbar zu machen. […] Wir wissen, daß [auch] wir mit unserer Inszenierung diese Erwartungen befriedigen […]. Wir füllen die bereitgestellten Rollen aus und erfreuen mit kunstvollen Verrenkungen und Verkrampfungen den Blick der Mächtigen. Mit dem ohnmächtigen Publikum teilen wir die Unfähigkeit, die eigene Wut und die eigenen Schmerzen zu artikulieren – das Bewußtsein dieser Unfähigkeit haben wir ihm vielleicht voraus.«

Der Text vermittelt so gravierende Einsichten in die Falle der Hochkulturinstitution Stadttheater, die »der Kunst« gewidmet sein soll, in ihre Wirkungslosigkeit, wenn es darum gehen soll, bestehende Machtverhältnisse infrage zu stellen, dass es beachtlich ist, wie Sie dennoch weitergemacht haben. Die Hoffnung lag in der totalen Umgestaltung der Institution Theater, ihrer Funktion und konkret ihrer Organisationsstruktur und Arbeitsweise – die Schaubühne am Halleschen Ufer sollte ein Ort für dieses Experiment werden. Nur die Frage, was dieses neue »Theater der Selbstbestimmung« – nicht »Mitbestimmung«, wie Sie immer wieder betonten und was heute noch irrtümlich behauptet wird – von seinem Publikum wollte, haben Sie, wie mir scheint, nicht klären können.

Noch vor Ihrem offiziellen Start an der Schaubühne wurden die Zuschauer*innen Ihrer aktualisierten »Viet Nam Diskurs«-Inszenierung dank linksradikaler Mitspieler zuerst als US-Kollaborateure angeklagt und eingeschlossen, dann dank Ihnen und dem damaligen Leitungsteam polizeilich geräumt beziehungsweise »befreit«. In Ihrer Eröffnungsinszenierung von Brechts »Die Mutter« wurde das Publikum immerhin noch direkt angesprochen, die leuchtend rote Fahne vor den Nasen sollte ihm revolutionären Wind verkünden.

Dann gingen Sie und Ihre Mitstreiter*innen dazu über, sich vor allem um sich selbst zu kümmern. Sie haben sich in Marxismus-Leninismus geschult, produktionsvorbereitende Arbeitsgruppen gebildet, Plena abgehalten und interessante Protokolle getippt, sich für heutige Verhältnisse wirklich viel Zeit für diskutier- und experimentierfreudige oder leseorientierte Proben gelassen und gemeinsam an den Bühnenbildern gezimmert – das erzählt viel über den in den Anfangsjahren bestehenden (Finanz-)Ressourcenmangel, der durch hohen persönlichen und gemeinsamen Einsatz idealistisch kompensiert wurde.

Zum Dank wurden die meist mit hoher Schauspieler*innenbeteiligung erarbeiteten Inszenierungen, die durchaus neue Räume und Dramaturgien erprobten, überregional beachtet, von der Kritik gelobt oder kritisiert und vom Publikum mit Eifer besucht. Sie selbst haben Brecht irgendwann »zu wenig komplex« genannt und sich bald für Shakespeare, Tschechow und antike Dramen interessiert. Sie haben viele Preise und Ehrungen erhalten, bis zu 22-stündige Mammutinszenierungen gestemmt (2000 etwa das »Faust«-Projekt) und die 1969 mit den Schauspieler*innen in der »Tasso«-Aufführungspause direkt ans Publikum adressierte Frage »Brauchen Sie Kunst? Wenn ja: wozu?« nicht mehr im Detail beantwortet haben wollen.

Jetzt leben Sie entrückt in der Mitte Italiens. Aus Lewins Dokumentarfilm von 2013 weiß ich, wie es dort aussieht: wirklich wunderschön, ein altes Steinhaus, stilvoll mit Glasfronten modernisiert, Blicke über weite Landschaft, Eichenwälder, Getreidefelder, Weinberg, Badesee, viel Ruhe. Sogar so viel, dass Sie auch Gäste zu sich einladen, »Willkommen in San Pancrazio zwischen 600 Jahre alten Olivenbäumen«, schreiben Sie auf der Homepage Ihres Anwesens. Die Unterkünfte sind online buchbar, es gibt handgemachtes Olivenöl, Marmeladen, Wildschweinwurst.

Wirklich lontano, weit weg ist die alte, damals neue Schaubühne in Kreuzberg, ist die Pressekonferenz, auf der Sie mit langen Haaren, knapp über 30 Jahre alt und beinahe schüchtern wirkend, inmitten der eng um Sie herum sitzenden Theatergenoss*innen verkündet haben, auf welchen Ansatz Sie sich gemeinsam geeinigt hätten: »dass wir daran interessiert sind, auf der Basis des Wunsches nach Veränderung der Welt, in der wir leben, ein Theater zu machen«. Der Wunsch, Theater zu machen, und der Wunsch, die Welt zu verändern, werden längst nicht mehr so selbstverständlich verknüpft – es ist ein weiter, verschlungener Weg zwischen Welt und Theater. Sie haben überlebt – Chapeau!

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