Der Engel der Mühseligen

Vor 30 Jahren wurde Petra Kelly umgebracht. Eine neue Dokumentation auf Sky wirft alte Fragen auf

Eins dieser Troublemaker-Blumenkinder aus den USA: Petra Kelly in einem Park in Bonn, April 1984
Eins dieser Troublemaker-Blumenkinder aus den USA: Petra Kelly in einem Park in Bonn, April 1984

Petra Kelly war eine Berühmtheit. Sie war die Leitfigur des Ökopazifismus. Vor 30 Jahren, am 1. Oktober 1992, wurde sie in ihrem eigenen Haus mutmaßlich von ihrem Lebensgefährten, dem ehemaligen General Gert Bastian, im Schlaf erschossen. Anschließend brachte er sich um.

Kelly war radikal gewaltfrei, Energiebündel und Workaholic. Sie kannte Krisen und deren Bewältigung, ihre Schwester starb im Alter von elf Jahren. Wie Politik funktioniert, lernte sie in der EU, als diese noch EWG hieß. Sie war eine Außenseiterin zwischen Realos und Fundis. Den letzteren war sie näher, auch wenn sie nicht aus einer linken Kleingruppe kam, sondern in den 1960er Jahren in den USA zur Schule gegangen war und dann in Washington Politik studiert hatte, zur Hochzeit der Bürgerbewegung. Kelly wollte den dritten Weg auch zwischen Ost und West. Sie war in Prag 1968, als die Panzer die Reformen niederwalzten. Sie wurde oft festgenommen, in Ostberlin beispielsweise , als sie auf dem Alexanderplatz demonstrierte, im Westen vor den Raketendepots der Nato, in der Bannmeile des Bundestags, wegen Blockaden und sogenannter Nötigung und des Entzündens einer Papprakete.

Petra Kelly war ein Troublemaker. »Sie brachte Robert Kennedy dazu, sie über Stipendien zu beraten«, berichtete bewundernd die »Washington Post« 1969, »sie schaffte es an dem Tag, als Hubert Humphrey die Präsidentschaftswahl gegen Nixon verlor, sich mit ihm hinzusetzen, um ihre Staatsbürgerschaft zu besprechen, Papst Paul VI. brachte sie dazu, bei einer wichtigen Rede neben den Kardinälen für sie fünf Stühle zu reservieren, und die Russische Botschaft in Washington, ihren Gästen Kaviar zu reichen. Sie ist Petra Karin Kelly, 21-jährige Studentin der American University, aus Deutschland.«

Zehn Jahre später war sie Mitbegründerin der Grünen, der ersten Splitterpartei, der es gelang, was – bis 1983 – fast niemand für möglich gehalten hatte: vierte Partei in einem Parteigefüge zu werden, das zuvor nur drei Parteien vorgesehen hatte. Bei dieser Wahl kandidierte Helmut Kohl erstmals als amtierender Bundeskanzler, doch der »Star in US-Zeitungen ist Petra Kelly«, schrieb damals die »Neue Presse«. Sie sei der »Engel der Mühseligen und Beladenen, weil sie das Charisma politischer Glaubwürdigkeit ausstrahlt«, jubelte der »Stern«. Und für den »Guardian« war sie die »zweitmächtigste Frau in Europa«, nach Margaret Thatcher. Warum? Kelly war »bekanntestes Mitglied« der Grünen (»New York Times«), »Meisterin symbolischer Gesten« (»Stuttgarter Zeitung«), ja das »Symbol der größten Volksbewegung in Nachkriegsdeutschland« (»Le Monde«).

Und 1992 war sie tot. Leben und Lebenswerk waren vernichtet. Es war eine perfekte Demontage. Kellys Konterfei könnte wie das von Che Guevara die Kinderzimmerposter oder T-Shirts zieren. Tut es aber nicht. Und doch ist sie nicht so abgehakt wie andere Ex-Promis der Partei. Als Kelly sich selbst als »emanzipierte Sozialistin, derzeit gegen die diskriminatorische Personalpolitik der EWG kämpfend«, beschrieb, waren andere spätere Grünen-Funktionäre noch ganz unterwegs, in der »Putzgruppe« der Spontis beispielsweise, oder als Vikarin in Berlin-Wedding oder als Anwälte auf dem Weg zu den Stammheimer Prozessen.

Auch wenn sie zeitweise auf der Homepage der Grünen gar nicht mehr vorkam, so ganz wegradieren ließ sie sich dann doch nicht. Über Kelly wurden Theaterstücke, Filme, Dokumentationen und Biografien produziert. Es gibt zu viel Ungeklärtes rund um Tatort und Opfer. Davon zehrt nun auch eine neue Dokuserie auf Sky Crime: »Petra Kelly – Der rätselhafte Tod einer Friedensikone«, deren drei Folgen ab dem heutigen Samstag ausgestrahlt werden. Die Verantwortlichen (Autorin, Regisseurin und Filmeditor) sind schon rein altersmäßig Fridays for Future und #MeToo näher als Gorleben und Wackersdorf, den Schauplätzen des Protests in den 1980er Jahren. Die Grünen galten den bürgerlichen Medien als Chaoten, Softies, Emanzen und Wirrköpfe, als sie 1983 erstmals in den Bundestag kamen. Dort hielten sie Reden über Sexismus und Nato-Ausstieg. Gewählt wurden sie aber auch von der bürgerlichen Mittelschicht und zwar, so Historiker, aufgrund zweier Personen: wegen des von der Bundeswehr als zu kritisch abgeschobenen Generals Gert Bastian und der in den USA in Symbolpolitik und Rhetorik geschulten Petra Kelly. Eine immer verwunderliche Affäre, die beiden, die nun Abgeordnete waren.

Als sie 1992 in Bonn tot aufgefunden wurden, waren sie schon keine Stars der Grünen mehr. Ihre Leichen wurden erst am 19. Oktober entdeckt, fast drei Wochen nach der Tat, was als Beweis ihrer Bedeutungslosigkeit ausgelegt wurde. Richtig ist: Ihre Partei war bei den ersten gesamtdeutschen Wahlen aus dem Bundestag geflogen (nur die Ostgrünen/Bündnis 90 hatten es hinein geschafft). Die Forensik nannte für den Todeszeitpunkt das Datum, an dem das letzte Fax aus dem Gerät gezogen worden war: 1. Oktober 1992. Die Uhrzeit wurde nie übermittelt. Die vorigen und folgenden zig Seiten mit Anschreiben und Jobangeboten von Unis, Fernsehen und Sicherheitsbehörden wurden nie erwähnt. In der Wohnung sah es aus wie bei studentischen Aktivisten: Berge von Papieren, wohin man auch sah. Das totale Chaos. Die Lage sei »von Anfang an sonnenklar« gewesen, wie ein ein Kripo-Leiter noch Jahre später sagte.

»Doppelselbstmord mit Gert Bastian?« titelte am folgenden Morgen »Bild«: »Sie wurden zuletzt vor 7 Tagen gesehen.« Präziser war die »New York Times«, die eine Stellungnahme des Staatsanwalts zitierte: »Es könnte sich um gemeinsamen Suizid handeln, Mord mit Suizid oder um Mord. Alle Möglichkeiten sind offen.« Diese Offenheit wird nun von Sky Crime dokumentiert. Das ist anders als bei den drei deutschen Dokus, die es bislang schon gab. Dort kam nur der Sprecher der Staatsanwaltschaft zu der Feststellung, »dass mit Sicherheit eins ausgeschlossen werden kann: dass dritte Personen an dem Tode von Frau Kelly und, äh«, hier muss er auf sein Papier schauen, »äh, von Herrn Bastian, verantwortlich sind, sodass Strafverfolgungsmaßnahmen nicht in Betracht kommen«. Das ist eine Aufnahme der »Tagesschau«, keine 24 Stunden nach Entdeckung der Toten. Resultate von Schmauch-, Balistik- oder Chem-Tox-Untersuchungen lagen nicht vor.

Doch die Suizidmotive und -hintergründe bleiben nebulös. Der Tod der Symbolfigur, der alles Private politisch war – sonnenklar –, wurde als Privatsache abgewickelt. Die Frau wollte einfach zu viel: die ganze Welt retten. Sie begriff die Ausbeutung der Umwelt und ehemaliger Kolonien als einen Komplex aus Militarismus und Sexismus, also exakt so wie später Naomi Klein, von der niemand behauptete, sie sei beim Schreiben ihrer Bestseller »überfordert«. Von Kelly hieß es dagegen, sie sei suizidal gewesen, wegen einer »Angstkrankheit«.

Die drei Folgen auf Sky, leider nur im Pay-TV, präsentieren Rätsel und Ungereimtheiten. Abgeschlossen ist hier nach 30 Jahren gar nichts, alle möglichen Spielarten sind noch immer offen. Damals bezweifelten Lew Kopelew, Bärbel Bohley und Wladimir Tschernoussenko den Freitod des Paars. Unter der Überschrift »Who killed Petra Kelly?« brachte »Vanity Fair« Ende 1992 auf zwölf Seiten viele Fragen (fünfmal so lang wie dieser Text), doch in Deutschland tat sich nichts: »Ermittlungen eingestellt« (»Oldenburger Zeitung«).

Sa., 1.10., 20.15 Sky Crime: »Petra Kelly – Der rätselhafte Tod einer Friedensikone« (drei Folgen).

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