Heißer Herbst in der Schulaula?

Weltweit rufen Klimagruppen zu Schul- und Universitätsbesetzungen anlässlich des Klimagipfels im November auf

Im November steht der 27. UN-Klimagipfel (COP) im ägyptischen Sharm El Sheikh an. Inhaltlich geht es etwa um die mögliche Anhebung nationaler Klimaziele. Da diese aber letztlich Sache jedes Nationalstaats bleiben, verspricht das wie üblich viel diplomatische Symbolpolitik. Außerdem sieht die Agenda handfestere Verhandlungen über Nord-Süd-Finanzmechanismen für die Anpassung an Klimafolgen und den Umgang mit Klimaschäden vor. So brisant das alles ist, sind die Gipfel für Klimabewegungen weltweit doch schwer zu bearbeiten. Es fehlt an Zugriffsmöglichkeiten. Mit der gescheiterten Geländestürmung beim Kopenhagener Gipfel 2009 endete nicht nur die Schwerpunktsetzung vieler Klimagruppen auf den UN-Prozess, sondern die Ära der internationalen Gipfelproteste der Alterglobalisierungsbewegung insgesamt. Dass die diesjährige COP im autoritär regierten Ägypten stattfindet, macht es nicht leichter: Bei der Akkreditierung wurden zu kritische Nichtregierungsorganisationen Beschwerden zufolge gleich aussortiert. Die exorbitanten Hotelpreise machen es für Delegationen, Journalist*innen und Zivilgesellschaft aus ärmeren Ländern schwer, überhaupt teilzunehmen.

Junge Klimaaktivist*innen haben jetzt einen kreativen Ausweg gefunden: Weltweit rufen sie unter dem Motto »End Fossils« zu Besetzungen von Schulen und Universitäten auf. In mir löst das nostalgische Impulse aus: 2009 waren Klimagipfelprotest und Uni-Besetzung für mich Initiationsmomente in die Welt sozialer Bewegungen. Diese ersten Erfahrungen mit Selbstorganisation, aktivistischer Zwischenmenschlichkeit, öffentlicher Resonanz, Polizeigewalt haben mich geprägt. Der Aufruf zu Besetzungen ist ein brillanter Zug einer Bewegung, die seit Längerem über planvolle, zu ihrem freundlich-konstruktiven Image passende Eskalationsschritte grübelt. Diesseits der Gipfelohnmächtigkeit setzt er im eigenen Lebensumfeld an. Die Repolitisierung von Unis und vor allem Schulen ist dringend notwendig in einem Moment, in dem die letzten Reste von Hochschulprotestkultur nach Jahren der Pandemie verkümmert sind und die erste »Fridays for Future«-Generation dem Schulalter entwachsen ist.

Besetzungen schaffen Begegnungsorte und lassen Beziehungen und Strukturen entstehen, die lange nachwirken können. Sie stellen einen Moment der Selbstermächtigung dar, das sich vom höflichen Bittstellertum der Dauerappelle an wechselnde Regierungen abhebt. Der nachhaltige Effekt ist hier nicht bloß an erstrittenen Regierungsmaßnahmen ablesbar – an dieser kurzfristigen Messlatte drohen die turnusmäßigen Klimastreikdemos schließlich zu verzweifeln. Und doch erlauben Besetzungen auch spontane Dynamiken, die über Nacht mehr Menschen auf die Straße bringen können als monatelange inspirationsarme Planungsprozesse. So könnten auch progressive Bündnisse im Kontext der sich langsam entwickelnden Sozialproteste gestärkt werden.

Speziell in Schulen erfüllen solche Aktionen zivilen Ungehorsams eine nützliche, bei Freitagsstreiks längst abgenutzte Tabubruchfunktion. Sie werden zuverlässig Konservative mit – freundlich ausgedrückt – linearem Bildungsverständnis auf den Plan rufen (»Gelernt wird hier im Sitzen am Tisch mit Mundhalten«). Während die Springerpresse vorhersehbar mit Beschwörungen des abendländischen Untergangs als Resonanzverstärker dient, müssen sich Schulleitungen und Lehrkräfte positionieren. Günstiger ist eine erzwungene Auseinandersetzung mit den Forderungen der Schüler*innen und deren nachhaltige Politisierung kaum zu haben.

Jetzt kommt es darauf an, ob sich die ganze Klimabewegung inklusive ihrer prominenten Stimmen hinter den Besetzungsnovember stellt – und wie viele Besetzungen es tatsächlich gibt. Vielleicht findet der »heiße Herbst« woanders statt als seit Monaten beschworen. Und vielleicht kann in zehn Jahren eine Generation von Aktivist*innen auf ihren politischen Urknall zurückblicken. Fürs Leben wird in Besetzungen jedenfalls rund um die Uhr gelernt.

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