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Die Normalität unseres Geldsystems

Währungshierarchien stabilisieren die globale Ungerechtigkeit, deren Resultat sie sind

US-Dollar und der EURO warden in der globalen Währungshierarchie am besten bewertet.
US-Dollar und der EURO warden in der globalen Währungshierarchie am besten bewertet.

Nach jeder größeren Wirtschafts- und Finanzkrise werden Rufe nach einer Reform des internationalen Währungssystems lauter – vor allem dann, wenn der Globale Norden betroffen ist. Sie kommen auch von überraschenden Seiten wie dem Internationalen Währungsfonds (IWF), der chinesischen Zentralbank oder Bill Clinton. Die Krisen sind jedoch nur ein Brennglas für die Probleme, die in »normalen« Zeiten vorherrschen. Diese liegen in den Grundlagen unseres Finanzsystems und treten in Krisenzeiten nur deutlicher hervor.

Was also stimmt mit unserem derzeitigen Geldsystem nicht? Sein Hauptmerkmal besteht in der hierarchischen Strukturierung der Währungen nach ihrer realen oder erwarteten Fähigkeit, kurzfristig und ohne Verlust in Währungen umtauschbar zu sein, die mit dem größten Vertrauen ausgestattet sind. Dieses Vertrauen hat facettenreiche Wurzeln: Zum Beispiel die Exporte eines Landes, die ein stabiles Einkommen garantieren, allen voran teure Massenkonsumgüter. Ebenso zählen dazu die aktuelle oder vergangene Fähigkeit, in Schuldverhältnissen zu entscheiden, in welcher Währung die Schuld notiert ist. Dies konnten zum Beispiel Kolonialmächte tun. Auch zeitig und hoch entwickelte Finanzmärkte mit Finanzprodukten, die in der eigenen Währung notiert sind sowie die Wertstabilität der heimischen Währung oder gut geschützte Bankengeheimnisse gehören zu den Wurzeln dieses Vertrauens.

Als wichtigste Rechnungseinheit im internationalen Handel, bei Schuldverträgen und Finanzanlagen steht der US-Dollar an der Spitze dieser Währungshierarchie, gefolgt von Euro, Yen, chinesischen Renminbi, Pfund Sterling, Schweizer Franken und so weiter. An dieser Hierarchie haben auch Tausende Krypto- und Lokalwährungsinitiativen nichts geändert. Ein Beispiel dafür ist El Salvador, das vor einem Jahr als erstes Land Bitcoin, neben dem US-Dollar, als gesetzliches Zahlungsmittel eingeführt hat. Dennoch werden dort heute lediglich zwei Prozent aller Transaktionen mit Bitcoins abgewickelt.

Die Währungen der Länder des Globalen Südens befinden sich auf den untersten Rängen dieser Hierarchie, das heißt, sie genießen das geringste Vertrauen und die geringste Akzeptanz bei Wirtschaftsakteur:innen. Die Ökonomien des Globalen Südens sind daher auf Fremdwährungen (Devisen) angewiesen, um Importe zu bezahlen, ausländische Zahlungsverpflichtungen zu bedienen und sich gegen Kapitalflucht und Wechselkursschwankungen abzusichern.

Devisen können durch Exporte oder den Zufluss von ausländischem Kapital gesammelt werden. Das Potenzial, Deviseneinkommen aus Exporten zu generieren, ist für Länder des Globalen Südens gering: Ihre Exporte bestehen aufgrund von kolonialer Vergangenheit und deren Kontinuitäten überwiegend aus unverarbeiteten Rohstoffen. Diese sind jedoch eine schlechte Quelle für Deviseneinnahmen. Sie unterliegen nicht nur höheren Preisschwankungen, sondern ihre Preise fallen im Verhältnis zu verarbeiteten Gütern auch langfristig.

Das hat mehrere Gründe. Da Rohstoffe relativ homogen sind, stehen mehr Produzent*innen direkt mit einander im Wettbewerb um Absatzmärkte, was den Preis drückt. Mit steigendem Einkommen wächst zudem die Nachfrage nach verarbeiteten Gütern stärker als die nach Rohstoffen. Sie steigt aber auch weniger, wenn Preise Letzterer fallen. Ein Beispiel: Wenn Petra mehr verdient, kauft sie mehr Autos, wird aber nicht mehr Äpfel essen. Sie wird auch dann nicht wesentlich mehr Äpfel essen, wenn diese deutlich billiger werden.

Die mangelnde Fähigkeit, Devisen zu erwirtschaften, die auf den niedrigen Industrialisierungsgrad und ungleiche Austauschverhältnisse zurückzuführen ist, ist jedoch nur eine Seite des Problems. Eine andere ist die Verwendung der vorhandenen Mittel: Die wertvollen Devisenreserven werden durch illegale Finanzabflüsse und die Rückführung von Einnahmen durch transnationale Unternehmen in den Globalen Norden geschmälert – ein Grund dafür, dass seit den 1980er Jahren mehr Kapital vom Globalen Süden in den Norden fließt als andersherum.

Devisenreserven werden auch für prestigeträchtige Infrastrukturprojekte mit negativen sozioökonomischen Auswirkungen verschwendet. Außerdem nimmt die Ungleichheit in Ländern des Globalen Südens wie auch global immer mehr zu. Der steigende Anteil der Wohlhabenden führt zu einem höheren Anteil an importierten Luxusgütern, was die Devisenreserven eines Landes schwinden lässt. Nicht zuletzt wenden Länder des Globalen Südens einen beträchtlichen Teil ihrer Devisen für die Tilgung ihrer Auslandsschulden auf. Diese zehren bei den meisten südlichen Ländern einen zweistelligen Prozentsatz der jährlichen Deviseneinnahmen auf – in Äthiopien waren das 2019 zum Beispiel knapp 30 Prozent.

Wenn die Exporte nicht ausreichen, um den Devisenbedarf zu decken, müssen Schulden aufgenommen werden. Dies geschieht seit den 1980ern immer mehr auf internationalen Finanzmärkten. Um Zugang zu Finanzmärkten zu haben, müssen Staaten durch Deregulierung und hohe Zinssätze Anreize für ausländische Kapitalzuflüsse in das Land schaffen, was wiederum eine größere Anfälligkeit für Kapitalflucht mit sich bringt. Der hohe Zinssatz hemmt Investitionen in produktive Industrien, die stabile Arbeitsplätze mit verlässlichen Einkommen für einen größeren Teil der Bevölkerung schaffen könnten. Die erhöhte Kapitalmobilität in Verbindung mit der Deregulierung wie zum Beispiel der Flexibilisierung der Wechselkurse eröffnet die Möglichkeit, Profite mit Währungsspekulationen zu generieren – sogenannte Carry-Trade-Transaktionen.

Die Integration in Finanzmärkte führt zu ständigen Boom-Bust-Zyklen in Ländern des Globalen Südens: Zuflüsse von ausländischem Kapital in kleine offene Volkswirtschaften mit flexiblen Wechselkursen werten die lokale Währung des Empfängerlandes auf. Die Aufwertung der Landeswährung wird von wachsenden Befürchtungen einer möglichen Abwertung begleitet – sei es aufgrund von Sterilisierungspolitik oder Kapitalflucht. Von Sterilisierungspolitik spricht man, wenn Zentralbanken Devisen mit lokaler Währung aufkaufen, um damit der Aufwertung der Währung entgegenzuwirken. Kapitalflucht in sichere Häfen, vor allem Staatsanleihen der Länder des Globalen Nordens, werden meist von Zinserhöhungen im Globalen Norden oder verschlechterten Konjunkturaussichten ausgelöst. Kapitalabflüsse gehen mit der Abwertung der lokalen Währung einher und daraus resultierenden lokalen Bank-, Finanz- und Wirtschaftskrisen: Die Abwertung bläht die Auslandsverschuldung real auf, die hohen Realzinsen schaden dem Investitionsniveau und verschlimmern den wirtschaftlichen Abschwung noch.

In Ländern, in denen die meisten Waren importiert werden, hat eine Abwertung auch inflationäre Auswirkungen, weil sie importierte Güter real teurer werden lässt. Dies ist der Grund für die galoppierenden Inflationsraten in den meisten Ländern des Globalen Südens, die ungefähr doppelt so hoch sind wie die derzeitige, durch hohe Energie- und Lebensmittelpreise verursachte relativ hohe Inflation im Globalen Norden. Die Abwertung führt also zu einer relativen Verarmung der Menschen, die in dieser Währung bezahlt werden. Das schwächt die Inlandsnachfrage noch weiter.

Obwohl der wirtschaftswissenschaftliche Mainstream in der Abwertung vor allem die Chance auf gestiegene Wettbewerbsfähigkeit sieht, ist kurzfristig genau das Gegenteil der Fall: Weil sie oft auf importierte Maschinen und Vorprodukte angewiesen sind, leiden insbesondere Exportsektoren stark unter Wechselkursabwertungen und Devisenknappheit. Wenn Kapitalabflüsse zu Zahlungsbilanzschwierigkeiten führen und ein Land den IWF oder die Weltbank um Notkredite bittet, vertieft sich die Rezession, weil die von den beiden Organisationen im Gegenzug für die Kredite verlangte Sparpolitik die öffentlichen Ausgaben und damit die effektive Nachfrage noch zusätzlich reduziert.

Mit der Integration von Währungen des Globalen Süden in internationale Finanzportfolios sind ihre Wechselkurse also der permanenten Gefahr plötzlicher Abwertung ausgesetzt. Das erschwert effektive Geldpolitik oder macht sie gar unmöglich. Die Zinsen müssen permanent hochgehalten werden, um für Zuflüsse Anreize zu schaffen beziehungsweise Abflüsse zu verhindern. Auch hat sich seit der Finanzkrise 2007/08 zunehmend die meist ineffektive Strategie etabliert, Devisen vorzuhalten, um im Falle von Abflüssen gegen die Abwertung geldpolitisch vorgehen zu können.

Diese Stabilisierungs-Devisen-Fonds tragen auch zu dem Nettotransfer vom Globalen Süden in den Globalen Norden bei: Sie werden in US-amerikanischen, europäischen, japanischen und seit 2011 auch chinesischen Staatsanleihen gehalten. So ermöglichen die Fonds den Konsum dieser Leitwährungsökonomien, auch wenn deren Wirtschaft nicht wächst. In Ländern des Globalen Süden fehlen die Devisen dann jedoch an anderer Stelle. Sie wären für Industriepolitiken nötig, um von Rohstoffexporten unabhängig zu werden und in Zukunft verlässliche Deviseneinkommen zu generieren. Andererseits können Zentralbanken des Globalen Nordens bei Bedarf Geld schöpfen, um ihre Finanzsektoren zu stabilisieren, ohne dass dadurch die Position ihrer Währung geschwächt würde.

Das derzeitige Währungssystem hat jedoch auch Kehrseiten für die Länder des Globalen Nordens. Wenn eine Länderwährung international bedeutend ist, hat das Land der Leitwährung das Privileg, aber auch die Pflicht, mehr zu importieren als zu exportieren und eine lockere Geldpolitik zu betreiben, um die Weltwirtschaft mit Liquidität zu versorgen. Das zeigt das Beispiel der USA, die sich global vom größten Gläubiger zum größten Schuldnerland entwickelt haben. Während sie mindestens drei Jahrzehnte lang als Wachstumsmotor dienten, indem sie die Exporte anderer Länder importierten, setzte ein massiver Rückgang im exportierenden verarbeitenden Gewerbe ein. Arbeitsplätze wurden andernorts geschaffen und im Nordosten der USA entstand der deindustrialisierte Rust-Belt.

Das derzeitige Währungssystem bringt auch einen langfristigen globalen Rezessionsdruck mit sich. Es schafft einen Anreiz für Staaten, Exportüberschüsse zu erzielen, da dies einen größeren politischen Spielraum ermöglicht und einen hohen Lebensstandard, Einkommen und Arbeitsplätze gewährleistet. Jedoch können nicht alle Länder Leistungsbilanzüberschüsse erwirtschaften, was zu einem Wettbewerb um Absatzmärkte für Exporte führt. Dieser wird über Preise ausgefochten – zulasten von Klima sowie Mensch- und Tierwohl.

Ein Beispiel: Weil chinesische Waren eine so wichtige Rolle in der US-amerikanischen Wirtschaft spielen, würde die (hypothetische) Aufwertung des Renminbi als Folge von Leistungsbilanzüberschüssen Chinas gegenüber den USA auch zu einem höheren Preisniveau in den USA führen. Diese Inflation würde von der Fed durch eine Anhebung des Leitzinses bekämpft, was die US-amerikanische und globale Wirtschaft schwächen würde, da die USA weniger importieren und folglich weniger globale Liquidität bereitstellen würden. Da auch China aufgrund des Rückgangs der Absatzmärkte für seine Exporte in eine Rezession geraten würde, könnte es die gesunkene Nachfrage nicht durch den Import von mehr US-amerikanischen Waren ausgleichen.

Nicht zuletzt aus diesem Grund ist die Währungshierarchie stabil. Würde der US-Dollar aufgrund der hohen Verschuldung der USA an Vertrauen verlieren, würde dennoch keine Umschichtung in andere Währungen oder Gold stattfinden. Würden exportierende Länder beschließen, weniger in die USA zu exportieren, um nicht noch mehr Verbindlichkeiten in US-Dollar anzuhäufen, hätte dies zwei Nachteile für sie: Einerseits würden Arbeitsplätze in Exportsektoren vernichtet und andererseits würde eine Entwertung aufgrund von geringerer Nachfrage nach US-Dollar ihre eigenen Währungsreserven, hauptsächlich in US-Dollar gehalten, entwerten.

Das Währungssystem in seiner jetzigen Form zementiert also die globale Arbeitsteilung, das heißt, es verunmöglicht die Angleichung der Lebenschancen, verschärft kapitalistischen Wettbewerb und verstärkt wirtschaftliche Instabilität mit Rezessionstendenzen. Die Länder des Globalen Südens sind mit chronischen Zahlungsbilanzschwierigkeiten konfrontiert und sehen sich gezwungen, ihre eigene Wirtschafts- und Geldpolitik den Bedingungen globaler Finanzströme unterzuordnen. Hier wird der sich selbst verstärkende Charakter deutlich, der der aktuellen monetären Weltordnung innewohnt.

Anne Löscher promoviert zu den Auswirkungen des Klimanotstandes und Klimapolitiken auf Zahlungsbilanzen und Wechselkurse im Globalen Süden. Sie ist Ökonomin, publiziert und lehrt zu Fragen von Geld und Finanzen und koordiniert die »Wissenschaftliche Arbeitsgruppe nachhaltiges Geld«.

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