Rekonstruktion der Zukunft

Die Befreiungskämpfe im Iran gehen weiter. Ein philosophischer Essay zur Möglichkeit der Revolution

  • Mesdagh Hedayat
  • Lesedauer: 8 Min.
Der Sage nach verfügt Pandora über eine Büchse, die alle Übel der Welt und die Hoffnung enthält. Am Gründungsmythos der Misogynie lässt sich erkennen, wo eine Revolution ansetzen muss.
Der Sage nach verfügt Pandora über eine Büchse, die alle Übel der Welt und die Hoffnung enthält. Am Gründungsmythos der Misogynie lässt sich erkennen, wo eine Revolution ansetzen muss.

Wie lässt sich über eine Bewegung schreiben? Wie können ihre verschiedenen Dimensionen begriffen werden? Kann überhaupt von einem richtigen, allumfassenden Aufstand die Rede sein – nach der unseligen Erfahrung des »Arabischen Frühlings«, die erneut den Glauben verstärkte, dass die nichtokzidentalen Teile der Welt und insbesondere der Nahe Osten unrettbar in einer falschen Schicksalserzählung gefangen seien und sich selbst überlassen werden sollten? Diese Ansicht war immerhin nicht nur im Westen dominant, sondern selbst in den östlichen Gefilden der Welt.

Nach der Präsidentschaftswahl 2009 und der Niederlage der »Grünen Bewegung« hatten wenige Menschen im Iran noch Hoffnung auf Veränderung. Zwar setzten sich die Konflikte im Land in gelegentlichen Demonstrationen und der Unterdrückung von Dissidenten fort – jüngstes Beispiel waren die »Bloody-Aban-Proteste« im November 2020, die durch Preiserhöhungen für Kraftstoffe ausgelöst wurden und zum Tod von mindestens 1500 Menschen führten. Das Fortbestehen von Armut und Korruption, die Unterdrückung abweichender Lebensweisen sowie die völlige Verzweiflung bezüglich einer Aussicht auf Reformen brachten viele Iraner*innen zu der Überzeugung, dass jede Hoffnung auf etwas Besseres es eigentlich nur schlimmer mache.

Aber steckt in der Hoffnungslosigkeit nicht auch jener Mut, der ein »Ereignis« im Kern ausmacht? Ereignis ist hier zu verstehen als etwas Unerwartetes, das den normalen Lauf der Dinge unterbricht und in dem ein theologisches Element liegt: eine fast wundersame, umfassende Transformation, die aus dem Nichts erscheint. Damit soll die spontane Entstehung von Protesten keinesfalls als religiöser Akt bezeichnet werden, der nicht von ganz gewöhnlichen Menschen gemacht würde. Im Gegenteil basiert die wundersame Natur der Ereignisse im Iran auf den Kategorien Freiheit, Gerechtigkeit und Würde, die sich mit Platon als ewige menschliche Ideen verstehen lassen.

Radikale Ereignisse

Am 16. September ermordete die Moralpolizei der Islamischen Republik Iran die 22-jährige Mahsa (Zhina) Amini, eine kurdisch-iranische Frau. Nachdem sie für die »unzüchtige« Weise, den Hijab zu tragen, verhaftet worden war, schlugen die Polizisten Mahsa mehrmals auf den Schädel. Diese abscheuliche Tat bildet den Anfangspunkt des erstaunlichen Ereignisses, das die iranische Bevölkerung gegenwärtig erlebt – ein Ereignis, das unmissverständlich die vielen Sackgassen der iranischen Gesellschaft aufzeigt, die zwischen Isolation und globalisierter Welt gefangen ist. Die Bilder von Mahsa Aminis leblosem Körper auf dem Krankenhausbett veränderten die Beziehung der Iraner*innen zur Realität. Die Simulation der Ordnung durch die herrschenden Institutionen hatte zwar ohnehin längst ihre Glaubwürdigkeit verloren, aber die Untätigkeit im Zuge des Mordes an dieser jungen Frau sollte der Beginn einer Episode sein, die möglicherweise das ganze Land verändern wird.

Die Ereignisse, die sich derzeit im Iran entfalten, sind so unerwartet und atemberaubend, dass ein*e ausländische Beobachter*in sie zuerst kaum glauben wird: Junge Frauen in ihren Zwanzigern, die ihren Hijab abnehmen, die Haare zu einem Zopf binden und sich mitten in die Proteste und die Konfrontation mit der bewaffneten Polizei stürzen; junge Demonstrierende, die Steine auf blutrünstige Sicherheitskräfte werfen, wie die Ababil-Vögel in uralten islamischen Erzählungen; eine Symphonie der Freiheit aus tanzendem Haar.

Trotz ihrer aktiven Teilnahme an den Kämpfen und ihrer unbestreitbaren Rolle im Sieg der Iranischen Revolution von 1979 waren die Frauen unter den ersten Gruppen, denen die freie Präsenz im öffentlichen Raum und die Repräsentation in der gesellschaftlichen Arena entzogen wurde. Die Proteste im Iran der heutigen Tage sind Teil einer radikalen Anstrengung, Frauen wieder in diese Öffentlichkeit zurückzuholen.

Zu all dem sollte man »Gestern Morgen« von Bini Adamczak noch einmal lesen. Wie können wir, inmitten der zahlreichen Misserfolge radikaler Theorie und Praxis im letzten Jahrhundert und der letzten beiden Jahrzehnte, überhaupt noch auf ein emanzipatorisches und utopisches Projekt hoffen? Adamczaks Vorschlag: durch die »Idee« einer herrschaftsfreien Gesellschaft, die sich in der Reflexion auf die Geschichte des Scheiterns gründen muss – denn diese schließt auch die Geschichte des utopischen Begehrens ein.

Um es in den Worten aus Alain Badious »Kommunistischer Hypothese« zu sagen: »Das Scheitern ist nichts anderes als die Geschichte des Beweises der Hypothese, vorausgesetzt, die Hypothese wird nicht aufgegeben.« Der wichtigste Punkt ist also die Beziehung zwischen theoretischer Analyse und den historischen Entwicklungen, insbesondere den spezifischen Ereignissen, die plötzlich die Situation und das Gleichgewicht der Kräfte verändern. Man kann sagen, trotz der Risiken, die das birgt, ist eine Rückkehr zu Idealen aus der Vergangenheit erforderlich. Mit den Worten Samuel Becketts in der Novelle »Worstward Ho«: »Es noch mal versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.«

Der iranische Nachthimmel ist derzeit von Stolz und Tumult erfüllt; an einem Ort ist ein Schuss zu hören, an einem anderen ein unterdrückter Schrei, der wie ein Pfeil die aufgeladene Atmosphäre durchschießt. Noch vor ein paar Monaten schien es, als hätte die Jugend keine Existenz außerhalb ihrer selbst – aber jetzt kämpft sie mit flammenden Fackeln gegen das kalte und mitleidlose Regime, von dem sie einst dachte, es werde ewig halten. Die jungen Frauen, die heute ihre Kopftücher verbrennen, verkörpern den allgemeinen Kampf der Frauen gegen die Unterdrückung, die sie in Maschinen der Reproduktion und des Konsums verwandeln will. Die Fortsetzung der Proteste trotz der weit verbreiteten und massiven Repression durch das iranische Regime offenbart eine unbestreitbare Wahrheit: Die Revolution muss weiblich sein.

Die Befreiung der Frau

Die weibliche Revolution zerstört den Gleichklang der herrschenden Ideologie; sie macht sichtbar, dass es kein heiles Ganzes gibt. Der Mechanismus der Macht zielt im Grunde darauf ab, eine Erzählung als einzig denkbare zu etablieren. Die Revolution der Frauen versucht dagegen, eine Welt zu errichten, in der das Konzept der Weiblichkeit nicht mehr durch diese herrschende Weltanschauung bestimmt ist. Die Frauen durchbrechen die eindimensionale patriarchale Logik, indem sie die Ketten ihrer Unterwerfung zerschlagen. Der Aufstand, der dieser Tage durch die iranischen Städte fegt, ruiniert alle Konzepte der dominanten Ideologie im Iran; einer Ideologie, deren spezifischer Diskurs Weiblichkeit einhegen und dominieren will.

Schon in der griechischen Mythologie verkörperten Frauen die Naturkräfte, die zur Aufrechterhaltung der Ordnung gebändigt werden mussten: Pandora wurde den Menschen im Tausch gegen Feuer übergeben, das sowohl warm und erhellend als auch zerstörerisch und verheerend sein kann. Das Ziel der herrschenden Kultur ist es, das Feuer einzudämmen und zu domestizieren. Wie durch das Öffnen der Büchse der Pandora zerstört das unzähmbare Aufflackern des Widerstands im Iran diesen Mechanismus der Macht, und das Wesen dieser revolutionären Politik der Frauen ist ihre radikale »Andersheit« (Otherness). Die feminine Revolution stimmt mit dem Bestehenden nicht überein, sie treibt das revolutionäre Begehren ans Äußerste.

Das wesentliche Moment der aktuellen Bewegung ist das weit verbreitete Einvernehmen, dass eine freie Gesellschaft ohne die Freiheit der Frauen nicht erreicht werden kann; dass ihre Befreiung von Herrschaft und Unterdrückung der Befreiung der gesamten Gesellschaft gleichkommt. Die Revolution der Frauen hat diese Logik als Leitfaden und solidarisiert sich mit allen Kämpfen, die eben diesen universellen Grundsatz erweitern. In diesem Punkt gibt es keinen Kompromiss! Die Auseinandersetzung im Iran ist kein Konflikt verschiedener Weltanschauungen, sondern der Kampf um Befreiung gegen ein blindes Festhalten an der Macht, das alle Mittel einsetzt, um diesen Wunsch zu zerschlagen.

Die Teilnahme der Frauen an den jüngsten Protesten hat auch erneut gezeigt, wie wichtig die Frage der Einheit einer Bewegung ist – einer Bewegung, die selbstverständlich nicht aus politischen Parteien besteht, sondern aus verschiedenen Strömungen der Arbeiter*innenbewegung, der Frauenbewegung, der Studierendenbewegung sowie all jener Gruppen, die für individuelle Rechte und Meinungsfreiheit kämpfen. Die Einheit besteht in der Überzeugung, dass die Unterdrückung der Frau die Unterdrückung der ganzen Gesellschaft bedeutet.

Hoffnung und Zuversicht

Trotz der wundersamen jüngsten Ereignisse dürfen wir allerdings nicht in intellektuelle Faulheit verfallen und die wichtigsten Fragen übersehen: Welche neuen Formen der politischen Organisation müssen wir bilden, um die politischen Kämpfe der Gegenwart führen zu können? Wir dürfen nicht vergessen, dass jede Form der Politik Organisierung braucht und dass die Bestimmung genau der Form, die zu einer bestimmten Zeit erforderlich ist, immer zu den schwierigsten Fragen gehört. Was wird die anhaltende Bewegung im Iran erkämpfen? Steht uns das Ende von Jahrzehnten der Unterdrückung und Tyrannei bevor – oder wird dieser Widerstand zu einer weiteren schmerzhaften Erinnerung werden, die uns Tränen in die Augen treibt, wie schon so oft in der Vergangenheit? Und noch wichtiger: Wenn diese Bewegung zu einer vollständigen Revolution werden sollte, was können wir erwarten für den Tag danach?

Die Beantwortung dieser grundlegenden Fragen wird viel Zeit und gedanklichen Aufwand in Anspruch nehmen. Aber wenn wir die Antworten nicht finden, wird die Zukunft im Iran düster sein. Trotzdem müssen wir jetzt auch zuversichtlich sein und darauf bestehen, dass die politische Landschaft des Iran niemals dieselbe sein wird wie zuvor und die iranischen Frauen nicht mehr unterdrückt sein werden. Seit September des Jahres 2022 fordert die Jugend im Iran die Rechte zurück, die ihnen und allen früheren Generationen durch das herrschende System verwehrt wurden. Die Zukunft des Iran ist feminin, und damit befreit und radikal. Solange Herrschaft besteht, wird auch die Forderung nach Befreiung anhalten; wer sie gehört hat, kann nicht zum Schweigen gebracht werden.

Frauen, Leben, Freiheit!

Mesdagh Hedayat ist Philosoph und lebt im Iran. Der Name wurde von der Redaktion geändert.

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