BVG hüllt sich in Schweigen

Gleisarbeiten für Straßenbahn in der Friedrichstraße kurzerhand abgebrochen

Die Bauarbeiter in der Friedrichstraße sind auskunftsfreudiger als die Verkehrsbetriebe.
Die Bauarbeiter in der Friedrichstraße sind auskunftsfreudiger als die Verkehrsbetriebe.

Es ist ein skurriles Bild, das sich am Dienstagmorgen im Abschnitt der Friedrichstraße zwischen Oranienburger Straße und Torstraße zeigt. Aus einem Laster wird Kies in eine Baugrube gekippt, um die flache Baugrube zu verfüllen. Eigentlich sollen hier neue Gleise für die Straßenbahn verlegt werden. Die alten wurden bereits herausgenommen. Die Bauarbeiter sagen zu »nd«, dass »irgendeinem Verwaltungshengst« die für die Arbeiten nötige Komplettsperrung der Friedrichstraße zwischen Oranienburger und Torstraße nicht gepasst hätte. Daher müsste sie nun wieder rückgängig gemacht werden. Die zuständigen Stellen wollen auf nd-Nachfragen die Angelegenheit nicht wirklich aufklären.

Gleise herausnehmen, die Grube ausheben, diese wieder verfüllen – und das dann in Zukunft noch mal von vorn, wenn irgendwann doch neue Gleise verlegt werden können: Falls das zutrifft, führt hier die fehlende Abstimmung zwischen Behörden und Verkehrsbetrieben zu Zusatzkosten, die leicht einen sechsstelligen Betrag erreichen können, und sie verlängert den Ausfall der Straßenbahn. Scheinbar, so legen es die Bauarbeiter vor Ort nahe, fehlte eine behördliche Genehmigung für die Sperrung.

Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), Bauherrin vor Ort, gibt sich wortkarg. Dass hier angefangene Arbeiten aufgrund einer fehlenden Genehmigung rückgängig gemacht werden mussten, verneint der Sprecher nicht. Nach mehrmaliger Nachfrage heißt es gegenüber „nd» lediglich: „Da aktuell noch Abstimmungen mit allen Beteiligten zur Umsetzung der notwendigen Arbeiten laufen, sind diese erst mal unterbrochen.» Die Senatsmobilitätsverwaltung verweist am Dienstagmittag am Telefon noch auf Klärungsbedarf mit der BVG. Am Nachmittag heißt es schließlich nahezu zeitgleich mit der Antwort der Verkehrsbetriebe per Mail, dass es „zeitnah Abstimmungen» geben werde. Man hat sich also allem Anschein nach intern darauf verständigt, nichts sagen zu wollen. 

Bereits seit August erreichen die Straßenbahnlinien M1 und 12 den Bahnhof Friedrichstraße nicht mehr wegen Gleisarbeiten im Bereich der langgezogenen Wendeschleife, die bis zum Kupfergraben führt. Damals hatte die BVG per Pressemitteilung bereits Arbeiten in der Friedrichstraße angekündigt. Anscheinend gab es – wie so oft – Probleme mit der verkehrsrechtlichen Genehmigung, ohne die die für Bauarbeiten nötige Straßensperrung nicht eingerichtet werden kann.

Am 7. Oktober verschickte die BVG schließlich die Mitteilung, dass es einen Schienenbruch just in jenem Bereich gegeben habe und die Gleise „weiträumig ersetzt werden» müssten. Man mag an einen Zufall glauben, allerdings waren laut dem Baustellen-Informationsheft »BVG Navi« ab 10. Oktober Sperrungen und der Gleistausch genau im selben Abschnitt angekündigt. Unter der Hand heißt es, dass die zuständige Technische Aufsichtsbehörde wegen stark verschlissener Schienen mit einer Sperrung der Strecke gedroht habe.

Seit Jahren klagt die Bauwirtschaft, dass wegen fehlender verkehrsrechtlicher Genehmigungen für Baustellenflächen Projekte oft monatelang nicht begonnen werden können. Es ist dabei ein offenes Geheimnis, dass Infrastrukturbetreiber dann hin und wieder Havarien vorgeben, um endlich mit den Arbeiten beginnen zu können. Der Personalmangel in der Bauwirtschaft macht Verschiebungen von Maßnahmen zum großen Risiko.

Alle von der Sperrung am Oranienburger Tor betroffenen Straßen gehören zum übergeordneten Straßennetz in direkter Zuständigkeit der Senatsverwaltung für Mobilität. Die zur Schau gestellte Ahnungslosigkeit von den Vorgängen seitens der entsprechenden Pressestelle ist daher bemerkenswert.

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