Sprachgewirr auf dem Atlantik

Mit der Mystery-Serie »1899« versucht Netflix an den Erfolg von »Dark« anzuknüpfen, was nicht ganz funktioniert

Alles nur halluziniert? Die Realität auf dem Passagegierschiff ist fragil.
Alles nur halluziniert? Die Realität auf dem Passagegierschiff ist fragil.

Kaum eine deutsche Serie der vergangenen Jahre hat so viel Kultcharakter wie die Netflix-Produktion »Dark«. Die eigenwillige, in einer deutschen Kleinstadt angesiedelte Serie bietet einen apokalyptischen Blick in eine umweltzerstörte Zukunft und ist außerdem eine sozialrealistische Reise durch die Bundesrepublik der letzten Jahrzehnte.

Der Streamingdienst Netflix und die Macher*innen von »Dark«, Baran bo Odar und Jantje Friese, versuchen jetzt mit der Serie »1899« an diesen Erfolg anzuknüpfen. Auch wenn sich die Geschichte um ein Auswandererschiff, das im Titel gebenden Jahr 1899 den Atlantik von Bristol nach New York überquert, völlig von »Dark« unterscheidet, erinnert die Serie von ihrer Machart her, was Erzählweise, Spannungsbögen und den Fantastik-Genre-Mix anbelangt, stark an den Vorgänger.

Diesmal geht es aber hinaus in die weite Welt. Das Dampfschiff Kerberus mit mehr als 1000 Passagieren an Bord empfängt das Notsignal eines anderen Passagierschiffes, das seit Monaten vermisst wird und ändert daraufhin seinen Kurs. Aber als es auf das andere Schiff trifft, das ohne Passagiere und von Algen überwuchert im Ozean treibt, wird eine ganze Kette seltsamer und beängstigender Ereignisse in Gang gesetzt.

»1899« ist im Gegensatz zu »Dark« eine internationale Produktion und wird als multilinguale Serie umgesetzt, in der neben Deutsch auch viel Englisch, Dänisch, Spanisch und Französisch (jeweils mit Untertiteln) gesprochen wird; inklusive sprachlicher Missverständnisse und dazugehöriger Verständigungsbarrieren. Denn auf dem riesengroßen Dampfer sprechen die mehr als 1000 Passagiere unterschiedliche Sprachen. Es gibt eine zum Teil deutsche Schiffscrew, Passagiere der 1. Klasse kommen aus Spanien, Frankreich, England, den USA und Japan. In den unteren Decks gibt es eine religiöse, aus Dänemark stammende Gruppe, Heizer aus Polen, einen illegalen Passagier, der aus der Fremdenlegion desertierte und viele andere.

Eine Gruppe von gut 20 Passagieren und Crewmitgliedern aus verschiedenen Ländern und mit ganz unterschiedlichem sozialen Hintergrund stehen im Zentrum der Geschichte. Fast alle wollen möglichst schnell in die USA. In Rückblenden werden die einzelnen Schicksale erzählt, meist geht es auch um Traumatisierungen, die die Menschen zur Flucht in die neue Welt antreiben. Aber der Kapitän Eyk Larsen (Andreas Pietschmann) stoppt den Dampfer und will erst klären, was mit dem anderen Schiff geschehen ist.

»1899« erinnert neben »Dark« in der Grundkonstellation sehr stark an die Kultserie »Lost« (2004 bis 2010), in der eine durch ein Unglück zufällig zusammengewürfelte Gruppe Menschen mit übernatürlich wirkenden Phänomenen konfrontiert und dabei immer mehr in einen mörderischen Kampf untereinander verstrickt wird, während ihre Havarie-Situation zunehmend bedrohlicher gerät. Denn bald eskaliert die Situation auf dem Schiff, es kommt zu einer Meuterei, während die seltsamen Phänomene immer fantastischere und kaum mehr nachvollziehbare Formen annehmen.

Bald ist nicht mehr klar, ob die Fahrt mit dem Schiff über den Atlantik wirklich stattfindet oder nicht vielmehr eine kollektive Halluzination der Passagiere ist. Dabei geht es viel um die Vergangenheit der Passagiere, ihre Ängste und Traumatisierungen, die mit der Fahrt über den Atlantik und den Ereignissen auf dem Schiff motivisch verknüpft werden. Als Mystery-Erzählung ist »1899« ungemein spannend erzählt und dabei opulent inszeniert. Mit einem Budget von 60 Millionen Euro ist sie die teuerste jemals in Deutschland produzierte und gedrehte Serie. Dennoch kann »1899« nicht wirklich an den Kultcharakter von »Dark«, das sich sehr lebendig aus der banalen Wirklichkeit des deutschen Kleinstadtmiefs speiste, anknüpfen. Entwicklungspotential hat die Serie jedoch auf jeden Fall.

Verfügbar auf Netflix

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