Teure Folgen der Zinswende

Zinsen für Dispokredite steigen deutlich. Politiker fordern »Zinsdeckel«

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 4 Min.
Üblicherweise erhalten ausschließlich Kunden einen Dispo, die über ein regelmäßiges Einkommen verfügen.
Üblicherweise erhalten ausschließlich Kunden einen Dispo, die über ein regelmäßiges Einkommen verfügen.

Leben auf Pump wird noch teurer. Seit Sommer legen die Dispozinsen wieder zu. In der Spitze stiegen die Konditionen um etwa 20 Prozent. Und die Zeichen stehen auf weitere Preiserhöhungen. Dies geht aus regionalen Stichproben von Medien und Zahlen von Vergleichsportalen im Internet hervor.

Noch im Mai verlangten Banken im Schnitt »nur« 9,25 Prozent für die Überziehung des Girokontos, ergab eine von der Zeitschrift »Finanztest« der Stiftung Warentest durchgeführte Stichprobe. Allein bei 99 von insgesamt rund 440 Kontomodellen war der Zins nicht höher als 8 Prozent. Eine Grenze, die Verbraucherschützer für akzeptabel halten. Bis Mitte November stieg der Zinssatz dann aber auf durchschnittlich 9,89 Prozent, und nur noch 69 Modelle wiesen nicht mehr als 8 Prozent auf. Im teuersten Fall kostete der Dispo 13,92 Prozent.

Während der jahrelangen Niedrigzinsphase hatten die Zinsen für einen sogenannten Dispositionskredit auf vergleichsweise niedrigem Niveau verharrt. Dieser Dispo ist eine mit der Bank vereinbarte Einräumung eines Kreditrahmens auf dem Girokonto. Auf diesen Kredit kann der Kunde nach Belieben zugreifen. Üblicherweise erhalten ausschließlich Kunden einen Dispo, die über ein regelmäßiges Einkommen verfügen. Bei entsprechendem Geldeingang »gewährt« die Bank oder Sparkasse typischerweise ohne besonderen Antrag einen Dispo in Höhe von bis zu drei Monatsgehältern.

»Für kurzfristige Engpässe kann das sinnvoll sein«, heißt es bei den Verbraucherzentralen. Allerdings müsse der Kunde selber darauf achten, den Kredit wieder zurückzuführen. Daher sollte der Kontoinhaber »viel Disziplin aufbringen, um den Dispo tatsächlich zu tilgen«. Auch schon vor der Zinswende der Europäischen Zentralbank im Juli, als die EZB erstmals nach einem Jahrzehnt wieder ihren Leitzins erhöhte, lag der Dispo-Zins in Deutschland durchschnittlich bei etwa 9 Prozent.

Seither erhöhen Banken und Sparkassen ihre Zinssätze. Der Preis für einen dreijährigen Ratenkredit – eine Alternative zur Kontoüberziehung – stieg nach Angaben der FMH Finanzberatung im Schnitt von 3,5 auf 5,8 Prozent. Deutlich teurer wurden ebenfalls Baufinanzierungen, Hypothekendarlehen und die Gebühren für das Girokonto. Und auch die »geduldete Überziehung« kostet extra. Hierbei handelt es sich um den Betrag, der über den vereinbarten Dispo-Rahmen hinaus von der Bank oder Sparkasse als Überziehung noch akzeptiert wird. Hier verlangt der teuerste Anbieter über 16,7 Prozent.

Häufig wird berichtet, dass der Dispozins an ein Referenzzinssystem gekoppelt sei. Tatsächlich orientieren sich Finanzdienstleister an bestimmten, meist internationalen Zinssätzen wie dem Euribor. Dieser ist seit Sommer von einem Minuswert auf jetzt über 1,8 Prozent gestiegen. Verbindlich sind solche Vergleichsmaßstäbe allerdings nicht. Über ihre Zinsanpassungen können Banken und Sparkassen nach ihren Geschäftsbedingungen frei entscheiden.

Gerade Verbraucher profitierten von dem – im internationalen Vergleich tatsächlich – wettbewerbsintensiven deutschen Bankenmarkt, argumentiert die Deutsche Kreditwirtschaft, der Dachverband der fünf großen Bankenverbände. Dank des großen Angebots hätten es Bankkunden selbst in der Hand, wo und zu welchen Konditionen sie einen Dispokredit nutzten. Branchenkenner weisen auch darauf hin, dass nicht allein die Kreditzinsen, sondern auch die Einlagenzinsen steigen.

Politiker wie der Grünen-Finanzexperte Stefan Schmidt fordern dennoch, die Höhe der Dispozinsen zu begrenzen. »Grundsätzlich halten wir Grünen es für notwendig, Dispozinsen gesetzlich zu deckeln«, sagte Schmidt unlängst. Ähnliche Stimmen sind aus SPD-Kreisen zu vernehmen. Auch Christian Görke, finanzpolitischer Sprecher der Linksfraktion im Bundestag, fordert einen Zinsdeckel. »Astronomische Dispozinsen schneiden Kunden die Luft zum Atmen ab.« Fast ein Drittel der Deutschen habe kaum Rücklagen. Wer dann in den Dispo rutsche, werde mit zweistelligen Zinssätzen »gemolken«. Mehr als 5 Prozent über dem EZB-Leitzins von 2,0 Prozent seien nicht zu rechtfertigen, meint Görke. Und: »Sparkassen und Banken sollten zudem verpflichtet werden, Kunden im Dauer-Dispo günstigere Alternativen anzubieten.«

Die Deutsche Kreditwirtschaft lehnt eine Deckelung der Dispozinsen mit der Begründung ab, das würde auch den Wettbewerb zwischen den Instituten deckeln. Tatsächlich ist die Spanne zwischen günstigen und kostspieligen Banken und Sparkassen sehr weit. Aktuell liegt sie zwischen rund 3 und 14 Prozent. Verbraucher sind also gut beraten, wenn sie bei der Wahl ihres Girokontos genau auf die Konditionen achten.

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