Behörden machen kränker

Eine Konferenz wirft den Blick auf staatliche Gewalt gegen psychisch kranke Menschen

Für einen psychisch oder seelisch kranken Menschen kann jeder Weg zur Überforderung werden. Gibt es dafür kein Verständnis, verschlimmert sich oft der Zustand.
Für einen psychisch oder seelisch kranken Menschen kann jeder Weg zur Überforderung werden. Gibt es dafür kein Verständnis, verschlimmert sich oft der Zustand.

Von Gewalt zu sprechen, ist in vielen Fällen gar nicht so einfach. Julian Schwarz forscht und lehrt an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Brandenburg in Rüdersdorf bei Berlin. Er erklärt am Beispiel einer seiner Patient*innen, wie schnell eine staatliche Handlung gegenüber Menschen, denen es psychisch nicht gut geht, in Gewalt umschlagen kann.

Es muss dabei nicht unmittelbar um physische Überwältigung gehen: »Eine Frau, Mitte 50, hat ihr ganzes Leben lang gearbeitet und wird dann krank. Die Krankenkasse will ihre Krankschreibung über die Hausärztin nicht akzeptieren, und wirft sie über ein Gutachten und wegen formaler Gründe aus der Krankschreibung«, berichtet der Mediziner. »Wenn das Krankengeld nicht kommt, bringt das die Menschen in eine noch schwierigere Situation. Es macht sie kränker«, betont Schwarz. Er sehe im täglichen Geschäft vielfach diese Art von Gewalt, ausgeübt von Krankenkassen, aber auch von Jobcentern. »Wenn da jemand aufgrund seiner Erkrankung nicht zum Termin erscheint, erfolgt willkürliche Sanktionierung.« Es gebe kein Verständnis für Betroffene. Auffällig sei zudem, dass seit der Corona-Pandemie deutlich weniger Maßnahmen für gesundheitliche Vor- oder Nachsorge – wie Aufenthalte in Reha-Kliniken – bewilligt wurden, sagt der Arzt. »Wenn jemand eine Reha machen möchte, dann hat er auch Bedarf«, ist er sich sicher. Neuerdings werde bei Anträgen viel mehr nachgefragt und Widerspruch eingelegt. »Das kannte man so bisher nicht«, sagt Schwarz. Rehabilitierende Maßnahmen zu verweigern, komme jedoch einer Behinderung des Genesungsprozesses gleich.

Schwarz wird am kommenden Samstag bei der internationalen Konferenz »Madness« (dt. Wahnsinn) im Kunstquartier Bethanien am Kreuzberger Mariannenplatz eine Diskussionsrunde zum Thema staatliche Gewalt und psychische Gesundheit moderieren. Das ganze Wochenende über werden dort im Rahmen zahlreicher Veranstaltungen und Workshops, die auch online zu verfolgen sind, die Chancen für ein Gesundheitssystem ausgelotet, das »auf Menschenrechten, Fairness und Gerechtigkeit basiert«, wie es in der Ankündigung heißt. Wissenschaftler*innen, Menschenrechtsaktivist*innen, Künstler*innen und Ärzt*innen, auch Betroffene kommen zu Wort, also Menschen, die mit psychischen Erkrankungen leben und daraufhin stigmatisiert wurden.

Wie kann das gesellschaftliche Bewusstsein für den Umgang damit geschärft werden? Julian Schwarz spricht von »Wissenslücken« und einem regelrechten »Bildungsdefizit«. Beim Behördenhandeln habe das gravierende Folgen: Polizeibeamt*innen erlebe er oft »grundsätzlich grenzüberschreitend« – nicht nur im Umgang mit seelisch und psychisch kranken Menschen. Personen, die in der Öffentlichkeit auffällig werden, würden häufig in Handschellen in die Rettungsstellen gebracht, weil die Polizei sie als fremdgefährdend betrachte. Die Möglichkeiten, Beamt*innen in Deeskalationstrainings zu schulen, nutze die Behörde selten. Auch zu Nachbesprechungen von Situationen, in denen Polizist*innen kranke Menschen im Klinikumfeld gewaltvoll behandelten, fehle oft die Bereitschaft, sagt Schwarz.

https://www.disruptionlab.org/madness

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