Plädoyer fürs Irrationale

Die Soziologen Bruno Latour und Nikolaj Schultz loten in ihrem Buch die Bedingungen für eine »ökologische Klasse« aus

  • Johannes Greß
  • Lesedauer: 7 Min.
Was wäre eine Konstellation, in der die Menschen und der Planet fortbestehen können? Die Antwort auf diese Schicksalsfrage, so Latour und Schultz, liegt bei der ökologischen Klasse.
Was wäre eine Konstellation, in der die Menschen und der Planet fortbestehen können? Die Antwort auf diese Schicksalsfrage, so Latour und Schultz, liegt bei der ökologischen Klasse.

Mit der Annahme, wo Gefahr ist, wachse auch Rettendes, lieferte Hölderlin einen trügerischen Stehsatz. »Nichts wird uns retten, und ganz bestimmt nicht die Gefahr«, entgegnen Bruno Latour und Nikolaj Schultz dem deutschen Dichter. In ihrem unlängst erschienenen Memorandum »Zur Entstehung einer ökologischen Klasse« legen der im Oktober verstorbene Soziologe Latour und sein Kollege an der Universität Kopenhagen auf kaum 100 (und dennoch 14 Euro teuren) Seiten eine pamphletartige Orientierungshilfe der sich formierenden Umwelt- und Klimabewegung vor. Wie einst die sozialistische Arbeiter*innenklasse den sozialen Fortschritt errang, müsse sich heute eine »ökologische Klasse« formieren, die willens und mächtig genug ist, das Eskalieren der Umweltkrise zu stoppen.

Der Seitenhieb gegen Hölderlin bezieht sich auf den irritierenden Umstand, dass das Ausmaß der Klima- und Umweltkrise zwar seit Jahrzehnten bekannt ist, das Rettende sich aber bestenfalls in symbolisch überladenen Klimagipfeln erschöpft, bei denen die politisch Verantwortlichen ihr Nicht-Handeln und die fortgesetzte Zerstörung als Klimaschutz inszenieren. Trotz tausender Studien, Expert*innenberichten und Warnungen aus allen Richtungen scheinen die Herrschenden kaum willens, etwas am Status quo zu ändern. Und die Subalternen, stellen Latour und Schultz ernüchtert fest, verbleiben orientierungslos und apathisch, sind kaum in der Lage, ein Gegennarrativ aufzubauen.

Latour und Schultz wollen mit ihrem Buch ein solches Gegennarrativ skizzieren – vor allem, indem sie unbequeme, aber konstruktive Fragen stellen. Leider bleibt es am Ende bei einer vagen Skizze, da sich die Autoren kaum von ihrer Meta-Position zu einer ökologischen Klasse in den Klassenkampf wagen. Am Ende geht es vor allem um Definitionen und Ästhetik.

Neue Bündnisse, neue Zerwürfnisse

Die ökologische Bewegung mache derzeit dieselbe Erfahrung, die einst die Sozialist*innen machen mussten: Das Bewusstsein entspricht nicht dem Sein. »Noch nie haben die sogenannten ›objektiven‹ Interessen allein gereicht, damit eine Klasse in Erscheinung trat, die sich ihrer selbst bewusst war und in der Lage, die anderen zu überzeugen, sich mit ihr zu verbünden. So wie die ökonomischen Interessen allein noch nie hinreichten, um sich innerhalb der Klassenkämpfe zu positionieren, so gilt das für die ›ökologischen Interessen‹ auch«, schreiben Latour und Schultz. Aus diesen Erfahrungen müsse die ökologische Klasse lernen. Sie könne sich nicht darauf verlassen, dass die Zeit für sie arbeite und die Umstände nur schlimm genug werden müssten, damit die Massen auf die Barrikaden steigen. Es wäre nicht das erste Mal, dass die Linke auf der Basis einer Verelendungsthese falsche politische Schlüsse zieht.

Das Kernproblem verorten die beiden Autoren in der ideologischen und politischen Gravitationskraft der Produktion. Liberale ebenso wie Sozialist*innen hätten ihre Kämpfe in den vergangenen Jahrhunderten rund um die Produktion formiert. Dabei ging es im Kern immer noch darum, den wirtschaftlichen Output zu maximieren – wobei sich die Sozialist*innen mehr als die Liberalen um dessen gerechte Verteilung bemühten. Die ökologische Klasse aber könne nicht »einfach nur die anti-kapitalistischen Kämpfe« (um den Besitz der Produktionsmittel) fortführen. »Heute Materialist zu sein«, so Latour und Schultz, »heißt, zusätzlich zur Reproduktion der für die Menschen günstigen materiellen Bedingungen auch die Voraussetzungen zur Bewohnbarkeit der Erde zu berücksichtigen«. Die einstige Konfliktlinie Arbeit-Kapital müsse um den Antagonismus Bewohnbarkeit-Zerstörung ergänzt werden. Das führe notwendigerweise zu Verschiebungen in der politischen Landkarte, zu neuen Bündnissen und Zerwürfnissen.

Mit diesen Thesen reihen sich Latour und Schultz implizit in eine Reihe jüngerer Veröffentlichungen ein, die die Verwobenheit sozialer und ökologischer Konflikte hervorheben. Unter anderem Kohei Saitos »Natur gegen Kapital« und Judith Butlers »Marx ökologisch« kommt dabei das Verdienst zu, die Präsenz dieser theoretischen Entdeckung schon im Werk von Marx und Engels herauszuarbeiten. Bereits im »Kapital«ist die Rede von den »Springquellen alles Reichtums«, zu denen Marx nicht nur »den Arbeiter«, sondern eben auch »die Erde« zählt. In den »ökonomisch-philosophischen Manuskripten« erörtert Marx, dass der Arbeiter im kapitalistischen Produktionsprozess nicht nur entfremdet und materiell enteignet, sondern gleich seiner gesamten Lebensgrundlage, der Erde, beraubt wird. Die Unterjochung von Mensch und Natur ist das Ergebnis ein und desselben Prozesses: der kapitalistischen Produktionsweise.

Wohlstand ohne Wachstum?

Diese Einsicht mag theoretisch fruchtbar sein, aber der politische Kampf verkompliziert sich durch sie. So wie die Erfahrung sozialer Ausbeutung oft in Rassismus umschlägt, nehmen Arbeiter*innen auch die Umweltbewegung vielfach als Bedrohung (ihres Wohlstands) wahr. Nicht zuletzt sind linke und sozialdemokratische Parteien an der diskriminierenden Verarbeitung dieser »Sorgen« beteiligt und verharren genau damit politisch im Gravitationsfeld der Produktion. Aus der Einsicht, dass soziale und ökologische Unterdrückung einen gemeinsamen Ursprung teilen, hat bisher kaum eine politische Partei ein überzeugendes politisches Programm ableiten können.

Die Komplexität der gegenwärtigen Situation zu benennen, das Unter-, Über- und Nebeneinander verschiedener Antagonismen und Ambiguitäten auszuleuchten, deren Irritationen zu kartographieren – darin liegt wohl die größte Stärke von »Zur Entstehung einer ökologischen Klasse«. Dass wirtschaftliches Wachstum für die Bevölkerung nicht automatisch Wohlstand, Emanzipation und Freiheit bedeutet, rufe nicht nur kognitive Dissonanzen hervor, sondern die Auflösung dieser Gleichung sei ebenso schlecht zur Beschaffung politischer Mehrheiten geeignet. An diesen Befund anschließend stellen Latour und Schultz die unangenehme wie zentrale Frage: »Wie sollte jetzt bei ihnen Begeisterung aufkommen, wenn man ihnen auf einmal sagt, dass diese Werte … von Grund auf umgestaltet werden müssen?« Wie kann man mit einem Plädoyer fürs Irrationale Mehrheiten schaffen?

Die Antwort, die Latour und Schultz selbst darauf geben, dürfte ein Affront für jene sein, die linke Politik mit Aufklärung, Vernunft oder rationalem Diskurs identifizieren: die ökologische Klasse müsse Affekte mobilisieren! Eine Bewegung, die Klasse werden will, die nichts weniger zur Aufgabe hat, als die Bewohnbarkeit der Erde zu garantieren, könne nicht in einem Appell an die Ratio aufgehen. Sie müsse Wohlstand, Emanzipation und Freiheit mit neuen Bedeutungen aufladen – also die Affekte »koordinieren«, eine eigene »Ästhetik« schaffen, »politische Leidenschaften schüren«.

Leider schaffen es Latour und Schultz nicht, aus ihrer Analyse politische Schlüsse zu ziehen. So inspirierend, neuartig und konstruktiv ihre Ausführungen über weite Strecken wirken, verharren die Autoren konstant in einer abstrakten Meta-Position. Einerseits projizieren sie an vielen Stellen ein Subjekt herbei, das sich in der Realität so schlichtweg nicht findet; es ist von einer ökologischen Klasse die Rede, von der sie selbst den »fatalen Eindruck« haben, »dass der Kampf noch gar nicht richtig begonnen hat«, denn »nie schien die Idee einer stolzen, sich ihrer selbst bewussten ökologischen Klasse so fern!«. Andererseits wollen die Autoren feststellen, dass eben diese Klasse schon längst im Entstehen begriffen ist und »den alten führenden Klassen die Legitimität abspricht«. Wo nach dieser Klasse zu suchen sei, wer ihr (möglicherweise) angehört und welche Kämpfe sie bestreitet, bleibt unklar.

Klasse ohne Kampf

Die konkrete Analyse der titelgebenden Klasse sowie ihre materielle Grundlage sucht man im Buch daher vergeblich. Ausbeutung, Unterdrückung, Prekarität, Konsummuster, staatliche Herrschaft und Repression (sowie die zahlreichen Kämpfe dagegen) scheinen bei der Formierung der ökologischen Klasse analytisch kaum eine Rolle zu spielen. Die Eroberung der Mach scheint eher eine intellektuelle Aufgabe zu sein, die darin besteht, den Massen die Welt verständlich zu machen. In den Kampf ziehen wollen Latour und Schultz vor allem für Definitionen, Narrative, gedankliche Verknüpfungen, Ästhetik und mit einer neuen »Beschreibung der materiellen Welt«. Denn zunächst »muss unbedingt eine intensive Beschreibung der erlebten Situation erfolgen, bevor eine Klasse auftreten kann, die sich selbst die Fähigkeit zuerkennt, den Sinn der Geschichte zu bestimmen«.

Eine solche Definitionsarbeit ist – wie die beiden richtig anmerken – immer auch ein performativer Akt, mit ihr allein ist es aber wohl kaum getan. Auch die sozialistische Klasse von einst hatte nicht das Problem, dass ihr die richtige Beschreibung fehlte, um die Maschinen zu stürmen. Zugespitzt lässt sich sagen: Indem Latour und Schultz den Materialismus kritisch erweitern wollen, schütten sie das Kind mit dem Bade aus. Ihr Plädoyer kippt ins Idealistische. Dadurch mündet ihre Erweiterung des Materialismus in einer politischen Strategie, die den Kampf um Ideen und Diskurse ins Zentrum stellt – und dabei den materiellen Aspekt vernachlässigt.

Bruno Latour und Nikolaj Schultz: Zur Entstehung einer ökologischen Klasse. Ein Memorandum. Suhrkamp, 93 S., br., 14 €.

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