Wenn die Helfer aufgeben

Berliner Jugendämter sind strukturell unterbesetzt – das gefährdet diejenigen, die sie schützen sollen

  • Claudia Krieg
  • Lesedauer: 6 Min.

Es sei »herzzerreißend«, sagt Silke Bishop. Und sehr belastend. Bishop ist Geschäftsführerin des anerkannten Berliner Jugendhilfe-Trägers Kinder lernen Leben (Kilele). In 22 Einrichtungen stellt Kilele Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die zumindest zeitweise ein anderes Zuhause brauchen, weil sie mit ihren Familien nicht zusammenleben können, 190 Wohnplätze unter anderem in Marzahn-Hellersdorf, Lichtenberg und Pankow zur Verfügung. Geborgenheit, Wärme und Unterstützung sollen die Kinder und Jugendlichen in den Wohngruppen von Kilele finden, auch ihre berufliche und gesundheitliche Entwicklung soll gefördert werden – so zumindest der Anspruch.

Seit Jahren muss Silke Bishop aber mit ansehen, wie es engagierten Mitarbeiter*innen nicht gelingt, die Anforderungen, die die Arbeit an sie stellt, dauerhaft zu bewältigen. Der Betreuungsschlüssel ist völlig unzureichend und die Situation verschärft sich weiter. »Auf zehn Kinder kommt eine Fachkraft. Das heißt, wenn eins weint, kann man sich um die anderen Kinder nicht kümmern«, berichtet sie aus einer Einrichtung für kleine Kinder in Marzahn-Hellersdorf. Dabei geht es um Kinder, um die man sich ohnehin verstärkt kümmern müsste, damit sich die Belastungssituationen, aus denen sie kommen, nicht fortsetzen.

Man spiele nur noch Feuerwehr, sagt Bishop, wolle helfen, aber könne die belastende Arbeitssituation einfach nicht durchhalten. Das Problem: Während die Fallzahlen von Kinderschutzfällen in Berlin angesichts von zunehmender Armut, schlechten Versorgungsstrukturen und zuletzt Ausnahmezuständen wie der Pandemie in die Höhe schießen, fehlt es an Stellen in den bezirklichen Jugendämtern, die die Fälle an die Träger der Jugendhilfe weiterverweisen. Ohnehin sind von den knapp 900 in den Jugendämtern zur Verfügung stehenden Stellen 100 nicht besetzt, erklärten die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und der Deutsche Berufsverband für Soziale Arbeit (DBSH) kürzlich. Zugleich hat sich die Zahl von sogenannten In-Obhutnahmen in den vergangen fünf Jahren auf über 20 600 nahezu verdoppelt. Und das ist nicht das einzige Problem der freien Jugendhilfe: Sie wartet auf notwendige Zusagen für Hilfemaßnahmen, muss mit unklaren Finanzierungen bei dringend benötigten Hilfen zurechtkommen und kämpft mit vollkommen unrealistischen Stellenschlüsseln – so heißt es in dem gemeinsamen Papier von GEW und DBSH. Das Fazit: Die schlecht ausgestattete Jugendhilfe könnte den Berliner Kinderschutz regelrecht gefährden.

Die Folge, so Bishop: Menschen, die in ihrem Traumberuf arbeiten wollen, würden diesen schweren Herzens verlassen, weil sie dauerhaft überlastet seien und den Kindern und ihren Familien keine ausreichend gute sozialpädagogische Betreuung zukommen lassen könnten. In Zeiten des herrschenden Fachkräftemangels ähnlich dem in der Pflege eine untragbare Situation.

Dabei ist der letzte Hilferuf, mit dem GEW und DBSH an die Öffentlichkeit gegangen sind, längst nicht der erste. »Wir haben schon 2005 die symbolischen weißen Fahnen aus den Fenstern gehängt«, sagt Verena Bieler zu »nd«. Man habe sich »den Mund fusselig« geredet, es sei »eine Situation mit Ansage«, so die DBSH-Vorständin. Nur eine auskömmliche Personalbemessung könne die Lage etwas entschärfen.

In Berlin, so haben GEW und DBSH festgestellt, bearbeitet eine Vollzeitkraft im Jugendamt die gleiche Anzahl von Fällen in den Bereichen Kinderschutz, familiengerichtliche Verfahren, Trennungen und Beratungen wie in Bayern 2,5 Vollzeitkräfte. In einer Umfrage der AG Weiße Fahnen zur Arbeitssituation unter den Fachkräften der Jugendämter in der Hauptstadt, an der insgesamt etwa 30 Prozent der Beschäftigten teilgenommen hatten, gaben knapp zwei Drittel der Befragten an, nicht genug Zeit zu haben, um »zu guten Entscheidungen zu kommen«. Ebenfalls zwei Drittel erklärten, sie hätten nicht genug Zeit, um die Adressat*innen »umfassend zu partizipieren«. Nur etwa die Hälfte der Befragten war mit der Leitung und deren Einsatz für die Belange der Beschäftigten zufrieden und ebenfalls nur die Hälfte fühlte sich gesund und leistungsfähig». Nur 13 Prozent stimmten dem Satz zu: «Ich habe eine angemessene Fallbelastung». Dafür waren mehr als zwei Drittel mit den Teams, in denen sie arbeiten, zufrieden.

Eine Fachkraft aus einem Berliner Jugendamt fasst ihre Erfahrungen zusammen: «Ich sehe mich fachlich in der Lage, Verantwortung im Kinderschutz zu übernehmen – nur nicht in der Masse. Um Kinder schützen zu können, ist ein Setting notwendig, das es erlaubt, eine vertrauensvolle und offene Beziehung zu Klienten zu gestalten. Dafür benötige ich mehr als einen Termin. Oft habe ich ein schlechtes Gewissen, mache mir Sorgen und Stress, weil ich längst nicht dazu komme, alles zu bearbeiten

«Wir kommen mit den Eltern nicht mehr ausreichend in Kontakt», sagt Verena Bieler vom DBSH. In-Obhutnahmen seien das letzte Mittel. «Genau das wollen wir eigentlich vermeiden», erklärt die Expertin. Nicht nur, weil diese Form der Intervention sehr teuer sei. Normalerweise gehe es in ihrer Arbeit darum, gemeinsam mit den Familien das soziale Gefüge so zu stärken. So könne es gelingen, krisenhafte Momente zu überstehen, erklärt Bieler. Aber genau dafür reiche die Zeit nicht aus. «Wir können die Eltern nicht unterstützen», sagt sie. Dazu kommen andere Probleme wie die Lage auf dem Wohnungsmarkt, die es Eltern, die sich räumlich trennen wollen, nicht ermöglicht, auseinanderzuziehen. In der Folge bleiben viele Menschen mit dem Krisendruck auf sich allein gestellt, häusliche Gewalt nimmt zu.

Familien seien derzeit noch viel früher auf Unterstützung und Hilfeleistung angewiesen als sonst, sagt Bieler, «aber Eltern wenden sich erst ans Jugendamt, wenn nichts mehr geht». Das habe auch mit dem Imageproblem der Behörde zu tun. Und damit, dass die meisten sich dann schon nicht mehr in der Lage sähen, «der Frau vom Jugendamt» ihre Lage zu erklären. Bei vielen verschleppten sich ähnliche Erlebnisse über Generationen – und die Bewältigungsstrategien, die nicht funktionieren, auch. Ein Teufelskreis.

Wie das katastrophale Problem, bei dem nicht nur die Fachkräfte ausbrennen, sondern auch immer mehr Kinder und Familien in hocheskalierte Situationen geraten, gelöst werden kann, liegt, so Bieler, «simpel auf dem Tisch»: Mehr Personal, mehr Träger, alles langfristig. Aber: «Wir sind nicht lukrativ» – die politisch Verantwortlichen verweisen auf Statistiken und üben sich in Betroffenheit. «Wir haben ein massives Steuerungsproblem in der Verwaltung», betont die DBSH-Vorständin. Das betreffe Bezirke wie die zuständige Senatsverwaltung für Jugend und Bildung gleichermaßen.

Susanne Gonswa, Sprecherin der Senatsverwaltung für Jugend, sieht das anders: Sie müsse leider an die Bezirke verweisen, «da diese die Globalsummenhoheit haben und selbst entscheiden, wie sie ihre Stellenkontingente verteilen», heißt es auf nd-Nachfrage kurz und knapp.

«Es wird überhaupt keine gesellschaftliche Verantwortung übernommen», stellt Verena Bieler fest. Aus der Perspektive der Menschenrechtsprofession grenze das an den Bruch von Grundrechten.

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